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Fußball Neue Zeiten: Schalke sucht den Anführer

27.07.2005 ·  Die Schalker Fußball-Mannschaft strotzt vor Stars, jetzt braucht sie nur noch einen Kapitän, der Gegnern und Mitspielern Respekt einflößt. Kann Fabian Ernst diese Rolle ausfüllen?

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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Für die glamourösen Momente in seinem Beruf ist Fabian Ernst nicht zuständig. Seine taktische Funktion im defensiven Mittelfeld entspricht seinem Naturell. Ernst versieht nüchtern-professionell seinen Dienst und hält der klassischen Nummer zehn den Rücken frei, ohne seinen eigenen Gestaltungswillen deshalb aufzugeben. In Bremen spielte er neben Johan Micoud und manchmal auch hinter ihm; in Schalke wird Lincoln sein offensiver Führungsoffizier sein.

An diesem Mittwoch abend (von 20.15 Uhr an live im FAZ.NET-Ticker) kann dieser Ernst-Fall zum ersten Mal im unmittelbaren Vergleich geprobt werden. Im Halbfinale des Ligapokals tritt der Meisterschaftszweite Schalke 04 gegen Werder Bremen an. Und Fabian Ernst wird seine Heimpremiere in der Veltins-Arena feiern. Er rechne damit, 45 Minuten zu spielen, sagt der Nationalspieler, der wegen seiner Teilnahme am Confederations Cup erst seit knapp einer Woche im Kreise seiner neuen Arbeitskollegen trainiert.

Führungsrolle vorgesehen

Kaum in Gelsenkirchen eingetroffen, wird Ernst schon mit einer ersten Beförderung konfrontiert. Trainer Ralf Rangnick möchte den stets sachlich auftretenden Mittelfeldspieler in einer Führungsrolle sehen. Der neue Mann gilt als Kandidat für das Schalker Kapitänspatent. Die Stelle des Spielführers ist vakant geworden, weil Torhüter Frank Rost als Spitzenvertreter der kickenden Belegschaft nicht länger zur Verfügung steht - so lautet zumindest die offizielle Version des Vereins. Rost habe Trainer Ralf Rangnick in einem kurzen Gespräch mitgeteilt, daß er bei der Wahl in der kommenden Woche nicht kandidieren werde, sagt Sportdirektor Andreas Müller.

Dem Torhüter ist offenbar nahegelegt worden, die Kapitänsbinde abzugeben, obwohl er weiter zu den Konstanten im Klub gehören wird; sein Vertrag läuft noch vier Jahre. Wenn Rangnick einen anderen Spielführer haben wolle, dann mache ihm das nichts aus, sagt Rost. Seine Leistung werde darunter nicht leiden. "Der Trainer ist ein sensibler Mensch, er möchte die beste Lösung finden." Diese Lösung sieht Rangnick weiter vorne. Es gilt als offenes Geheimnis, daß er als Kapitän einen Feldspieler bevorzugt. Wie es scheint, hat Rost, der aussagekräftigste Profi im Team, diesem Wunsch nolens volens nachgegeben.

Fragen der Hierarchie

Sein möglicher Nachfolger Ernst hält sich bedeckt. Er müsse seine Mitspieler erst kennenlernen, um sich angemessen über Fragen der Hierarchie äußern zu können. Es ehre ihn, daß der Trainer ihn als Kapitän in Betracht ziehe, sagt er. "Aber es ist vielleicht besser, einen der Führungsspieler zu nehmen, die schon länger da sind." Das Anforderungsprofil erfüllt Ernst, zumindest in wesentlichen Teilen. Mit 26 Jahren gehört er zu den Profis mittleren Alters und eignet sich in seiner ruhigen Art als Mittler und Moderator zwischen den älteren und den jüngeren Kollegen. Aus Bremen, wo er sich vom Reservisten zum Strategen entwickelt hat, bringt er Führungserfahrung mit, auch als Kapitän. Sein Status als aktueller Nationalspieler macht ihn gerade in der Weltmeisterschaftssaison zu einem Mann, dessen Wort in Schalke Gewicht bekommen dürfte.

Diplomatisches Geschick hat Ernst schon bei seiner Vorstellung gezeigt. Er trat im Trainingsdress vor die Presse, während sein stürmender Mitstreiter aus der Nationalelf, Kevin Kuranyi, ein bedrucktes T-Shirt vorführte. Kuranyi trug die Figur zur Schau, die in Disneys Geschichten den schwerreichen Onkel Dagobert darstellt - passend zu seinem Einkommen in Gelsenkirchen, wie ein Reporter flachste. Während Kuranyi die oberflächliche Gier nach schönen Toren, gutem Aussehen und dem richtigen Brotaufstrich verkörpert, steht Fabian eher für den Ernst des Lebens.

Bordon auch ein Leader-Typ

Aber wird er deshalb gleich Spielführer? Die letzte Entscheidung liegt in dieser Frage nicht beim Trainer. "Es heißt Mannschaftskapitän, also wird er auch von der Mannschaft gewählt", sagt Müller. Vor nicht allzu langer Zeit wäre unter diesen Umständen die Wahl vermutlich auf Ebbe Sand gefallen. Doch der beim Publikum immer noch sehr beliebte Däne steht vor seiner wahrscheinlich letzten Saison in der Bundesliga.

Als Favorit gilt Marcelo Bordon, der Turm in der Abwehr, dessen Kraft in der Ruhe liegt - und in der Religion. Der Brasilianer ist erst seit einem Jahr beim FC Schalke unter Vertrag, genießt bei Mitspielern und Vorgesetzten aber höchstes Ansehen. "Er ist hier der neue Leader", sagte Manager Rudi Assauer. Kuranyi hat Bordon schon in Stuttgart schätzengelernt. Ein Grund für den Wechsel nach Gelsenkirchen sei das gute Einvernehmen mit Bordon gewesen, sagt Spitzenverdiener Kuranyi, dessen Einkommen nochmals deutlich gewachsen sein soll. Die Schalker Mannschaft strotzt vor Stars, jetzt braucht sie nur noch einen Kapitän, der Gegnern und Mitspielern Respekt einflößt.

Quelle: F.A.Z., 27.07.2005, Nr. 172 / Seite 31
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