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Fußball-Nationalteam : Trotzig in der Schießbude

Fast schon trotzige Liebe zum Offensivfußball: Joachim Löw Bild: dpa

Die deutsche Nationalmannschaft ist mittlerweile zu einer internationalen Schießbude selbst für Gegner aus der zweiten Reihe geworden. Doch Löw beharrt auf seiner Liebe zum Offensivfußball.

          Zwei Gegentore gegen Ekuador, vier Gegentore zum Saisonausklang gegen die Vereinigten Staaten, dazu die unvergessenen vier Gegentore in der WM-Qualifikation gegen Schweden und nun gleich wieder drei dicke Dinger zum Auftakt der WM-Saison gegen Paraguay: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat unter Bundestrainer Joachim Löw mittlerweile zu einer ganz speziellen Kontinuität gefunden - als internationale Schießbude selbst für Gegner aus der zweiten Reihe.

          Trotz der so offensichtlichen defensiven Defizite, die Trainer und Team seit rund zwei Jahren partout nicht in den Griff bekommen, wollte Joachim Löw auch nach dem 3:3 in Kaiserslautern am liebsten gleich wieder zur Tagesordnung übergehen. Die eklatanten Fehler würden aufgearbeitet, versprach er. So etwas werde sich nicht mehr wiederholen, und außerdem hätten sie ja auch viele Torchancen herausgespielt. Schön wär’s, wenn’s so käme.

          Aber so oft, wie man nun die defensiven Mängel made in Germany bei den in München und Dortmund viel verlässlicheren Profis besichtigen durfte, so oft hat man den Bundestrainer nun auch schon darüber hinwegreden gehört. Es beschleicht einen zehn Monate vor der Weltmeisterschaft das Gefühl, in der Fußballwelt des Bundestrainers kann schon nicht mehr sein, was nicht sein darf.

          Auch Paraguays Samudio trifft gegen Deutschland: Wieder ein Warnschuss, doch wer hört ihn?
          Auch Paraguays Samudio trifft gegen Deutschland: Wieder ein Warnschuss, doch wer hört ihn? : Bild: dpa

          In diesen Tagen hat Löw fast schon trotzig seine große Liebe zum Offensivfußball hinausgerufen, seine Liebe zum Risiko. Seine Verteidigung des offensiven Grundgedankens klang ganz so, als würden die spielerischen Fähigkeiten seiner großartigen Spieler nicht geschätzt, als sehnte sich das banausige Fußballvolk zurück in die Zeiten des Rumpelfußballs mit sieben Vorstoppern in der Startformation - und habe für die offensive Fußballkunst à la Löw einfach keinen Sinn. So leicht kann man es sich mit Kritik eben auch machen.

          Neuer spricht von einem Warnschuss

          Für den Bundestrainer, so scheint es, hat die Defensivschwäche nach den so zahlreichen Rückschlägen weiterhin nur etwas mit individuellem Fehlverhalten zu tun, mit Detailfragen - und rein gar nichts mit System. Es ist jedoch offensichtlich, dass es der Nationalelf an einem verlässlichen defensiven Grundverhalten mangelt; an einem taktischen Gefüge, in dem die jeweiligen Spieler wie in ihren Klubs ganz genau wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Spieler wie Hummels beklagen dieses Defizit mittlerweile offen. Auch Torwart Manuel Neuer spricht von einem Warnschuss - ob ihn der Bundestrainer gehört hat, ist nicht so sicher.

          Löw hat in Kaiserslautern nach der geballten Kritik, die Gegentorstatistik lässt sich dann doch nicht leugnen, auch auf die geringen Trainingszeiten mit der Nationalelf verwiesen. Es werde schon besser, wenn man länger zusammen sei, sagte Löw - als ob er und die Nationalspieler sich gerade erst kennengelernt hätten und nicht schon seit Jahren zusammenarbeiteten. Besondere Dringlichkeit oder gar oberste Priorität, die defensiven Defizite zehn Monate vor der WM nun selbst auch mal ganz offensiv in Angriff zu nehmen, ließ sich beim Offensivfußball-Schwärmer Löw jedenfalls nicht ausmachen. Wenn dem Liebhaber-Projekt auf dem Weg nach Brasilien die realistische defensive Note jedoch weiter fremd bleiben sollte, droht dem deutschen Fußball und seinen Hochbegabten nicht weniger als die ganz große Verschwendung von überragendem Talent.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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