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Fußball-Nationalmannschaft Wechselspiel für einen Tag

René Adler weiß seine Rückkehr ins Tor der Nationalmannschaft realistisch einzuschätzen. Er stellt keine Ansprüche. Dass Manuel Neuer dennoch angefasst reagiert, dürfte Bundestrainer Löw nicht unrecht sein.

© dpa Vergrößern Volles Engagement für den Bundesadler: Adler hat große Stärken auf der Linie

Vielleicht war es einfach der Tunnelblick des Torhüters. Es kam jedenfalls ziemlich engstirnig rüber, wie Manuel Neuer am Wochenende über den Werdegang seines Berufskollegen René Adler sprach. „Ich habe seine Entwicklung nicht verfolgt, weil ich bei Bayern München spiele“, sagte Neuer - und das klang mehr nach betontem Desinteresse als nach Respekt oder gar Empathie gegenüber einem, der einen langen, schwierigen Weg voller Nackenschläge hinter sich hat. Neuer schaute also mehr auf sich als auf alles andere, als er seinen Unmut über Joachim Löws Entschluss, Adler im Testspiel der Fußball-Nationalmannschaft an diesem Mittwoch in Frankreich (21 Uhr live im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) einzusetzen, in kühle Worte packte. Und es war kein Wunder, dass das anderswo - nämlich dort, wo große Geschichten gesucht werden - ein ziemliches Echo auslöste: Ein kerniger Konkurrenzkampf um den Rang der Nummer eins im deutschen Tor? Hatten wir lange nicht - wäre doch mal wieder was.

Er meldet keine Ansprüche an

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Wurde aber nichts draus. Vorerst zumindest. Als Adler am Montag in Frankfurt vor die Medien trat, um über seinen ersten Länderspieleinsatz seit dem November 2010 (0:0 in Schweden) zu sprechen, tat er eines ganz gewiss nicht: irgendwelche Ansprüche anzumelden. Im Gegenteil: Adler gab sich als einer, der dankbar, geradezu demütig auf seine bevorstehende Rückkehr zwischen die Pfosten blickte. „Zu sagen, es schließt sich ein Kreis, wäre vielleicht etwas hochgestochen“, sagte er, „aber es freut mich enorm.“ Die Rückkehr ins deutsche Tor sei der „Lohn der harten Arbeit in einer sehr schweren Phase“. Paris, Stade de France, 75.000 Zuschauer, das elfte Länderspiel - das alles soll für ihn ein Abend zum Genießen werden. Mehr erst einmal nicht. „Ich denke, dass das eine Spiel an der Rollenverteilung nicht viel ändern wird“, sagte Adler und fügte hinzu: „Da brauche ich mir nichts vorzumachen.“

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Auf die von manchem als zu kuschelig empfundene Atmosphäre bei der Nationalmannschaft musste man die zahmen Äußerungen des Hamburger Schlussmanns nicht schieben. Sie entsprechen vielmehr seinem Naturell. Und der Haltung zum Beruf und zum Leben, die ihn die lange Leidenszeit gelehrt hat. Im Frühjahr 2010 durfte sich Adler noch sicher sein, als deutscher Torhüter Nummer eins zur WM nach Südafrika zu fahren. Stattdessen begann eine Serie von Verletzungen, die ihn so zermürbte, dass er sich im Januar 2012 dem Karriereende näher fühlte als einem Comeback im deutschen Tor. Im Nachhinein sagte Adler, der Körper habe sich mit den Verletzungen ein Ventil gesucht für den mentalen Druck, den er auf sich geladen habe.

Bild Adler 2 Kontrahenten: Neuer (rechts) gilt uneingeschränkt als Stammtorhüter - bisher zumindest © dpa Bilderstrecke 

Adler war nicht etwa, wie mancher vermutet hatte, zu weich, um es in der Leistungswelt des Fußballs nach ganz oben zu schaffen. Aus heutiger Sicht wirkt es eher so, als wäre er sich selbst gegenüber zu hart gewesen, um seelisch und körperlich unversehrt durch die Karriere zu kommen. Wer so eine Geschichte hinter sich weiß, das deutete Adler selbst am Montag an, dem falle es leichter, manches einzuordnen. Fehler beispielsweise, wie vor einer Woche im Nordderby gegen Bremen. Oder eben, dass sich scheinbar zementierte Rollen und Hierarchien im Fußball von heute auf morgen als ziemlich brüchig erweisen können. Das Spiel in Frankreich sei „ein sensationelles Erlebnis, weil ich weiß, wie schnell es sich wieder drehen kann“.

© Imago, Deutsche Welle Vergrößern René Adler im Interview: Reflektiert, dankbar, kritisch

Klar scheint, dass der 28 Jahre alte Adler in der internen Hierarchie an den jüngeren und diesmal nicht nominierten Ron-Robert Zieler (23) und Marc-André ter Stegen (20) vorbeigezogen ist - vom unglücklichen Tim Wiese ganz zu schweigen. Dass er darüber hinaus aber von einer - relativen - Schwäche Neuers profitieren könnte, wollte ihm nicht in den Sinn kommen. „Ich werde nichts anders machen, weil ich das nicht als Chance sehe, die Nummer eins zu werden“, sagte er auf eine entsprechende Frage, die auf seinen „Ehrgeiz als Leistungssportler“ abgezielt hatte. Ein paar Hinweise hatte es zuletzt ja gegeben, dass Neuers Karriere nach einer ziemlich langen Steilflugphase eine leicht erdgerichtete Kurve nahm: die desorientierte Vorstellung beim 4:4 gegen Schweden gehörte dazu, aber auch einige unkonzentrierte Auftritte in der Bundesliga, die ihn in der „Rangliste des deutschen Fußballs“ des „Kicker“ auf Platz vier abstürzen ließen.

Neuers überraschend angefasste Reaktion

Dass vor ihm der Dortmunder Weidenfeller, Frankfurts Trapp und eben Adler auf der Spitzenposition landeten, musste Neuer wurmen. Doch Löw ließ schon bei seiner Ankündigung, Adler diesmal den Vortritt zu lassen, keinen Zweifel daran, dass das ein Wechselspiel nur für einen Abend sein würde. Und bei realistischem Blick auf die Jahresplanung des DFB-Teams ist nicht im Geringsten abzusehen, dass der Bundestrainer Anlass zu einer Grundsatzentscheidung gegen Neuer bekommen könnte.

Es war wohl vielmehr so, dass Löw tatsächlich in erster Linie Adler belohnen und ihn - nachdem er ihn im November gegen die Niederlande schon berufen, aber nicht eingesetzt hatte - auf der zweiten Hierarchieebene in Position bringen wollte. Dass er dadurch gleich noch ein wenig Reibung in seinem ansonsten von einem unmissverständlichen „Weiter so“ geprägten Kader brachte, wird ihm noch nicht einmal unrecht gewesen sein. Neuers überraschend angefasste Reaktion darauf wurde in der Diktion des DFB-Teams als „legitim“ verbucht, wie Teammanager Oliver Bierhoff beteuerte. Von außen betrachtet aber wirkte sie, insbesondere nach Adlers Auftritt, doch ein wenig kleinmütig.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.02.2013, 14:32 Uhr

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