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Fußball-Nationalmannschaft Verletzt, verstoßen, verunsichert

26.01.2010 ·  Die WM-Teilnahme von Simon Rolfes ist nach einer Knieoperation stark gefährdet. Joachim Löw gehen die defensiven Mittelfeldkräfte aus. Eine Rückkehr von Torsten Frings soll es dennoch nicht geben. Der Bundestrainer sieht andere Varianten.

Von Michael Horeni, Stuttgart
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Oliver Bierhoff legte Wert auf die Feststellung, dass Simon Rolfes in diesen Tagen bei der Nationalmannschaft „keinerlei sportlicher Aktivität“ nachgegangen sei. Wenigstens die Schlagzeile, dass sich der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen beim Fitnesstest verletzt hat, wollte sich der Manager der Nationalmannschaft zu allem Unheil ersparen.

Aber die Nachrichten um Rolfes sind zu Beginn des WM-Jahres ohnehin schlecht genug. Nachdem der 28 Jahre alte Profi wieder über Schmerzen in seinem schon mehrfach lädierten Knie geklagt hatte, schickte ihn die medizinische Abteilung umgehend zur Kernspintomographie – und das Ergebnis hätte für Rolfes kaum schlimmer sein können: ein Knorpelschaden, der eine sofortige Operation erforderlich machte.

Der 21-malige Nationalspieler wird nun mehrere Monate ausfallen, seine WM-Teilnahme ist höchst gefährdet. „Das war schon ein Schock für uns, weil Simon zuletzt immer sehr stark gespielt hat, auch bei unserem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Russland. Nun müssen wir die Situation abwarten und uns Gedanken machen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Hinter vorgehaltener Hand heißt es bei der Nationalelf aber schon: Das wird wohl nichts mehr mit Rolfes und der WM.

„Das ist ein großer Schock für uns und tut richtig weh“

Auch bei Bayer Leverkusen macht man sich keine falschen Hoffnungen, was die rechtzeitige Genesung des Dauerpatienten Rolfes in dieser Spielzeit angeht. „Das ist ein großer Schock für uns und tut richtig weh – vor allem aber Simon, der sich sehr auf die WM gefreut hatte. Mit der WM wird es nun schwierig werden“, sagte Bayer-Sportdirektor Rudi Völler.

Rolfes hatte sich bereits vor der Saison im Juni sowie im Oktober vergangenen Jahres zwei Eingriffen am Knie unterziehen müssen. Löw hatte noch zu Beginn des Treffens in Stuttgart ein längeres Gespräch mit Rolfes geführt, der nach fast drei Monaten Verletzungspause in der Rückrunde sein Comeback mit Kurzeinsätzen gegen Mainz und zuletzt am Sonntag gegen Hoffenheim gegeben hatte.

Nach Rolfes' mittlerweile dritter schwerer Knieverletzung ist der Nationalmannschaft nun innerhalb weniger Tage das gesamte defensive Mittelfeldpersonal der vergangenen EM abhandengekommen. Löw hatte kurz vor dem Fitnesstest mitgeteilt, dass Torsten Frings nicht mehr in sein Konzept passt – und gleichzeitig befindet sich sein Nachfolger Thomas Hitzlsperger in der größten Schaffenskrise seiner Karriere. Aus dem Kapitän des VfB Stuttgart ist ein Ersatzspieler mit unsicherer Perspektive geworden.

„Wir müssen natürlich auch mit dem Schlimmsten rechnen“

Löw machte kein Geheimnis daraus, dass er einen Vereinswechsel von Hitzlsperger in den kommenden Tagen mit Blick auf die WM begrüßen würde. Der Status der defensiven Mittelfeldkräfte von 2008 ist keine fünf Monate vor dem WM-Auftakt gegen Australien daher alles andere als verheißungsvoll – verletzt, verstoßen, verunsichert.

Aber eine Rückkehr von Frings schloss der Bundestrainer am Dienstag trotz der Verletzung von Rolfes kategorisch aus. „Wir müssen natürlich auch mit dem Schlimmsten rechnen und über Alternativen nachdenken“, sagte der Bundestrainer. Aber das hat er längst getan. Nun könnte in der Nationalelf endgültig die Stunde der jungen Kräfte schlagen, auf die Löw ohnehin entschlossen setzen wollte.

„Khedira kann die Position spielen, wie wir uns das vorstellen“

Aus dem EM-Kader der „U 21“-Europameister sind schon fünf Profis im erweiterten WM-Kader dabei – und das Auftreten auch der anderen jungen Spieler gefällt Löw außerordentlich gut. „Ich spüre, mit welchem Nachdruck die jungen Spieler nachdrängen, mit welcher Kraft und Dynamik sie in die Mannschaft wollen – und wie belastbar sie sind und welche kognitive und mentale Stärke sie mitbringen“, sagte er.

Beim kommenden Länderspiel Anfang März gegen Argentinien wäre es daher keine Überraschung, wenn der 22 Jahre alte Sami Khedira im defensiven Mittelfeld zu seinem zweiten Einsatz käme. Der Bundestrainer schwärmt schon lange von den Talenten des Stuttgarters, der ihm ideal geeignet erscheint, die „Sechser-Position offensiver auszurichten“. Das ist Löws Ziel bis zur WM. „Khedira kann diese Position so spielen, wie wir uns das vorstellen. Er kann auch in die Spitze gehen, strahlt Torgefahr aus“, sagte der Bundestrainer dieser Tage im „Kicker“.

Der Kampf um die zentralen Plätze im WM-Jahr ist eröffnet

Auch Bastian Schweinsteiger könnte bis zur WM noch zu einem zentralen Defensivspieler mit Offensivgeist umfunktioniert werden – die Verletzung von Rolfes macht diese Variante noch wahrscheinlicher. Aber auch diese Veränderung wäre ein Resultat des erfolgreich drängelnden Nachwuchses. Denn bisher galt der 25 Jahre alte Bayernprofi mit 72 Länderspieleinsätzen auf der rechten Seite als unentbehrlich. Das hat sich geändert, seit die beiden Zwanzigjährigen Toni Kroos in Leverkusen und Thomas Müller beim FC Bayern zu wichtigen Stützen des Aufschwungs geworden sind.

„Bislang habe ich keine adäquate Alternative für Schweinsteiger rechts gesehen, aber möglicherweise kann sich das schon bald ändern. Besonders Thomas Müller und eventuell auch Toni Kroos traue ich es durchaus zu, irgendwann mal die Lücke zu schließen. Wenn einer von ihnen in diese Rolle wächst, ist Bastian Schweinsteiger auch ein Kandidat für die Zentrale“, sagte Löw. „Ich bin überzeugt, dass er eine gute Sechs spielen kann.“ Der Kampf um die zentralen Plätze im WM-Jahr ist eröffnet – und so offen wie diesmal war er selten vor einem großen Turnier.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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