17.05.2010 · Die Nationalmannschaft reist ohne Kapitän nach Südafrika: Für Bundestrainer Löw beginnt nach dem WM-Aus für Ballack die Suche nach Ersatzlösungen. Zudem wirbt er für Jerome Boateng. Dessen Halbbruder hat Ballack die schwere Fußverletzung zugefügt.
Von Michael HoreniEs ist eine Szene, die im Gedächtnis des deutschen Fußballs haften bleiben wird. Michael Ballack spielt den Ball im Mittelfeld, von der rechten Seite kommt Kevin-Prince Boateng angerauscht. Er trifft den deutschen Kapitän mit ganzer Wucht am Knöchel und hebelt ihm mit dem anderen Bein aus. Mit schmerzverzerrtem Gesicht liegt Ballack am Boden und hebt den Arm. Er signalisiert: Es geht nicht mehr. Knapp 48 Stunden später ist aus einer hässlichen Szene ein historischer Moment geworden.
Nach einer Untersuchung in München beim deutschen Mannschaftsarzt steht fest: Die deutsche Nationalmannschaft verliert erstmals in ihrer Geschichte vor einer WM ihren Kapitän. Ein Innenbandriss und ein Teilriss des vorderen Syndesmosebandes des oberen Sprunggelenks kosten Ballack die Teilnahme an der Weltmeisterschaft.
Enttäuschung, fast Entsetzen
Bei Bundestrainer Joachim Löw sorgte die sportliche Schreckensnachricht für große Enttäuschung, sie löste fast schon Entsetzen aus. „Wir sind alle sehr, sehr traurig, dass so ein wichtiger Spieler, unser Kapitän, der ein richtiger Weltklassespieler ist, ausfällt. Wir waren geschockt, keine Frage“, sagte Löw. Das sogenannten Regenerationstrainingslager, eigentlich gedacht, um auf Sizilien frische Kraft für die WM zu schöpfen, hat sich in einen Krisengipfel verwandelt.
Wie es seine Art ist, reagierte ein auf Krücken gestützter Ballack äußerlich ganz sachlich auf die wohl größte Enttäuschung seiner Karriere. „Wenn man zwei oder drei Wochen vor der WM eine solche Diagnose erhält, ist das natürlich bitter. So ist aber Fußball, es muss weitergehen. Ich muss das jetzt alles erst mal sacken lassen“, sagte Ballack, der unmittelbar nach der Attacke beim Finale um den FA-Cup erklärt hatte, was offensichtlich schien: „Das sah schon nach Absicht aus.“ Der Kapitän reiste dennoch nach Sizilien. Er traf am Montagnachmittag ein, um auch nach seinem Ausfall die Mannschaft zu unterstützen, die nun einen neuen Kapitän, einen neuen Anführer und eine neue Formation im defensiven Mittelfeld finden muss.
„Kräfte bündeln“
Der Bundestrainer hielt sich nach dem ersten Schrecken aber nicht allzu lange mit der schlechten Nachricht auf und nahm die neue Herausforderung an. „Wir müssen jetzt alle Kräfte bündeln, von Resignation kann keine Rede sein“, sagte Löw. „Es ist klar, dass es ohne Ballack schwieriger wird. Trotzdem wollen wir das erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Wir werden konsequent arbeiten und zunächst alles auf die Gruppenphase ausrichten. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir eine erfolgreiche WM spielen.“
Vom Titel, wie noch zuletzt bei der Kadernominierung, sprach der Bundestrainer auffallenderweise aber nicht mehr. Vor allem die nachrückenden jüngeren Spieler müssten sich nun beweisen, forderte Löw. „Wir müssen daran arbeiten, eine gute Lösung zu finden.“ Doch wie könnte die aussehen? Ziemlich einfach: Denn Löw hat fast keine Wahl mehr.
Die neue Leitungsfunktion in der Nationalelf wird Bastian Schweinsteiger zufallen. Der Münchner, der in vergangenen Turnieren als offensiver „Schweini“ Karriere machte, in dieser Saison beim FC Bayern unter van Gaal jedoch als Spielorganisator erwachsen wurde, muss nun mit 25 Jahren selbst Vorbild sein. „Bastian Schweinsteiger hat in den vergangenen Monaten bei uns und bei Bayern schon mehr Verantwortung übernommen“, sagte Löw über das erweiterte Anforderungsprofil des Münchners.
Mit 73 Länderspielen bringt Schweinsteiger nach Klose ohnehin die größte internationale Erfahrung mit ins deutsche Spiel. Die wird auch dringend nötig sein, um Sami Khedira führend zur Seite zu stehen, der nach Ballacks Ausfall vermutlich ins defensive Mittelfeld nachrücken wird. Schweinsteiger übernahm in München, beim Medientag des FC Bayern vor dem Finale der Champions League, schon mal die neue nationale Führungsrolle. „Ich bin trotzdem guter Dinge, dass wir eine gute WM spielen werden. Wir haben genug Spieler mit großen Fähigkeiten in unseren Reihen. Vielleicht beflügelt es sogar den einen oder anderen. Für mich verändert sich innerlich nicht viel“, sagte Schweinsteiger wenig beeindruckt. Ob da schon der neue Kapitän sprach?
Zu denen, die nun mehr Aufmerksamkeit genießen werden, gehört womöglich auch Khedira, den der Bundestrainer schon seit einiger Zeit wegen seines schnellen Aufbauspiels und seiner Führungsstärke für den Mann der Zukunft hält - der es aber nun mit 23 Jahren schon in der Gegenwart richten muss. Seine Qualitäten haben den Stuttgarter zuletzt beim EM-Titelgewinn für die U21 unersetzlich gemacht. Aber in der Nationalelf kommt Khedira erst auf drei Einsätze, keiner über die komplette Spielzeit, insgesamt sind es nur gut hundert Minuten - dagegen stehen die knapp hundert Länderspiele Ballacks. „Diese zwei Spieler sind jetzt gefragt“, sagte der Bundestrainer über das neue Defensivduo Schweinsteiger/Khedira - es hat noch nie zusammen gespielt.
Schwund an Leistungsträgern
Der erste Testlauf wird wohl am 29. Mai gegen Ungarn zu besichtigen sein, dann folgt fünf Tage später gegen Bosnien-Herzegowina die Generalprobe. Dort sollte Ballack eigentlich für sein 100. Länderspiel geehrt und gefeiert werden. Aber nicht einmal im Training kann Löw nun sein neues Not-Duo vor dem Ernstfall gegen Australien am 13. Juni testen, denn Schweinsteiger trifft mit den anderen sechs Bayern-Spielern erst am 24. Mai bei der Nationalelf ein, das zweite Trainingslager in Südtirol hat dann längst begonnen.
Auf der „Doppel-Sechs“, vor zwei Jahren noch das personell bestens ausgestattete Prunkstück des deutschen Spiels, erlebt die Nationalelf mit dem Ausfall des Kapitäns nun den Höhepunkt eines kaum für möglich gehaltenen Schwunds an erstklassigen Kräften. Vor Ballack hatte schon der Leverkusener Rolfes nach einer Knieverletzung absagen müssen, Hitzlsperger stürzte in eine völlig unerwartete Formkrise und wurde von Löw ebensowenig berücksichtigt wie Routinier Frings. Als Alternative, falls das Verletzungspech nochmals zuschlägt, nannte der Bundestrainer den Stuttgarter Träsch. „Wir hoffen, dass sich niemand mehr verletzt“, sagt Löw vier Wochen vor der WM. Das kann man nur zu gut verstehen - die Nationalmannschaft geht schon jetzt am Stock.
Schade
Benjamin Schmidt (Benni37)
- 17.05.2010, 13:56 Uhr
Wie wenig Absicht dahintersteckte
F Schmidt (Bronson)
- 17.05.2010, 14:04 Uhr
Eindeutige Absicht von Boateng, Ballack zu verletzen.
Ralf Becker (mfoe)
- 17.05.2010, 14:21 Uhr
in der Premier League passiert das vor WMs und EMs öfter...
Martin Klocke (mampo)
- 17.05.2010, 14:24 Uhr
Ballack
Henry C. Brinker (hcbrinker)
- 17.05.2010, 14:51 Uhr
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |