Joachim Löw wollte gar nicht lange herumreden und startete voll durch bei seinem ersten Auftritt nach Wochen der öffentlichen Enthaltsamkeit. Seit Montagmittag steht fest, dass der Bundestrainer durch die Halbfinal-Niederlage gegen Italien bei der Europameisterschaft nicht aus der Bahn geworfen worden ist. Keine Spur von Zweifeln: Löw bleibt seinen Zielen und Methoden treu - er wird das Fußballprojekt Nationalmannschaft, welches er seit sechs Jahren maßgebend geprägt hat, unter den alten Leitlinien und mit höchstem Einsatz fortführen.
Löw nutzte einen Presseauftritt in Frankfurt vor dem Testspiel am Mittwoch gegen Argentinien dazu, klare Kante als Bundestrainer zu zeigen. Sein bald halbstündiger Monolog wirkte wie die Rede eines Regierungschefs zur Lage der Nation. Zugleich stellte der Bundestrainer klar, wie groß seine Motivation für seine wohl letzte Etappe als Frontmann der Nationalelf im Hinblick auf die Weltmeisterschaft ist - sein Vertrag endet 2014. „Ich gehe mit großer Motivation und großer Spannung an die Aufgabe heran. Wir wollen uns für die WM in Brasilien qualifizieren“, sagte er.
Schneidend scharf wurde seine Stimme zeitweise. Er rechnete vor allem mit den Kritikern ab, die nach der Niederlage gegen Italien im Halbfinale der Europameisterschaft eine Diskussion um weiche Faktoren mutmaßlichen Erfolgs oder eben Misserfolgs in Gang gesetzt hatten. Es ging um die Fragen, ob der Mannschaft nicht Leitwölfe alter Prägung fehlten oder die besten Spieler des Landes einfach nur zu verwöhnt seien. Ober aber, ob einige von ihnen - gerade diejenigen mit Migranten-Hintergrund - die letzte Leidenschaft im Einsatz für Fußball-Deutschland vermissen lassen, was sich angeblich im nicht Mitsingen der Hymne zeigte. „Ich halte diese Kritik für nicht zielführend - und sie ermüdet mich auch. Ich bin es leid, darüber zu reden“, sagte Löw. „Sie glauben doch nicht, dass bei unseren Spielen viele Millionen Menschen zu Hause vor den Fernsehern sitzen und in den Public-Viewing-Zonen stehen, wenn wir keine Siegertypen hätten“, entgegnete er.
In der Hymnen-Diskussion betonte der Bundestrainer, dass er es gut fände, wenn seine Spieler mitsingen würden, „respektiert“ allerdings persönliche Gründe, weshalb es nicht jeder tut. „Den unterschwelligen Vorwurf solcher Kritik, dass jemand, der nicht die Hymne singt, angeblich kein guter Deutscher ist, finde ich fatal. Es ist doch kein Beleg für die Qualität eines Spielers und seine Unlust zu kämpfen, wenn er nicht mitsingt.“
„Ich hatte einen klaren strategischen Plan“
Nicht alles blockte Löw kategorisch ab, was auf ihn und seine Mannschaft eingeprasselt war nach dem EM-Aus. Zu einer seriösen Aufarbeitung gehört selbstverständlich eine Analyse, die betrachtet, welche Gründe verantwortlich waren für den Misserfolg. Von Interesse ist da natürlich noch immer die Frage, ob der Bundestrainer mit seiner überraschenden taktischen Umstellung zum entscheidenden Italien-Spiel nicht zu sehr mit dem Glück gespielt hat. Direkt einen Fehler gestand er gestern nicht ein. Aber Löw ließ zumindest erkennen, dass ihn sein Fehlgriff lange beschäftigt hat.
„Ich hatte einen klaren strategischen Plan und war zu 100 Prozent von ihm überzeugt. Ich war mir auch des Risikos bewusst, eine erfolgreiche Mannschaft zu wechseln. Im Nachhinein muss man sagen, dass es nicht geklappt hat“, sagte Löw. Aber war man gegen Italien falsch aufgestellt? Oder zu vorsichtig eingestellt, wie zwischenzeitlich Nationalverteidiger Mats Hummels in einem Interview sagte? „Wir haben nicht mit den eigenen Waffen gekämpft und unser eigenes Spiel durchgezogen“, so lautete eine von Löws Erkenntnissen.
Er war auch da, um seinen Weg zu verteidigen. Der rote Faden seiner Arbeit und der Spielweise seines Teams soll beibehalten werden, wie er sich ausdrückte. Es handele sich um ein langfristiges Konzept, an dem nur „kleine Korrekturen“ vorzunehmen seien. Erste Auswertungen des EM-Turniers bestätigten dies. So hätte die Mannschaft im Vergleich zur Weltmeisterschaft 2010 mehr Torchancen, mehr Torabschlüsse und bessere Ballbesitzzeiten zu verzeichnen. Zudem hätte die Abwehr weniger Torchancen des Gegners zugelassen. Das soll nach der bisherigen Kurzanalyse auf der Habenseite stehen. Dagegen wäre die mangelnde Chancenauswertung vor dem gegnerischen Tor zu beklagen gewesen. Für einen Treffer hätte die Mannschaft neun Torchancen gebraucht - im WM-Turnier 2010 waren es wohl nur fünf.
Besonderen Wert will Löw zukünftig auf eine rigorosere Defensivarbeit legen - auf das frühe Stören des Gegners, wie es die Spanier fast perfekt beherrschten. „Das haben wir nicht umgesetzt. Da muss man den Hebel jetzt ansetzen.“
Der Start in die WM-Kampagne zeigte einen kämpferischen, anpackenden Bundestrainer, der sich hinter seine Spieler stellte (wie Schweinsteiger) und nach außen seine Ellbogen ausfuhr. Eine Abfuhr verpasste er dem Hoffenheimer Trainer Markus Babbel, den er als „respektlos“ bezeichnete, weil dieser die Art und Weise der Nichtberücksichtigung seines neuen Torhüters Tim Wiese per Zeitungsinterview kritisiert hatte.
Gegen Argentinien wird wohl Ron-Robert Zieler im Tor stehen, weil sich die Nummer eins, Manuel Neuer, im Supercup eine Beckenprellung zugezogen hat. Marc-André ter Stegen von Gladbach wurde nachnominiert. Der Bundestrainer will gegen die Argentinier offenbar viel ausprobieren und das Wechselkontingent voll ausschöpfen. In den nächsten Monaten sollte sich die Mannschaft formieren, die sich für die Weltmeisterschaft in Brasilien qualifizieren will, um dort dann wieder einen Anlauf auf den Titel zu unternehmen. Definitiv sieht der Bundestrainer noch Wachstumspotential. „Es ist immer noch ein kleiner Schritt von der Weltklasse zur Weltspitze“, sagte Löw gestern - und er schien optimistisch.
Nochmal für die werten Kollegen Müller und Arnold..
Lars Weseloh (larsito113)
- 16.08.2012, 18:09 Uhr
Herr Müller, Herr Arnold
Lars Weseloh (larsito113)
- 15.08.2012, 21:54 Uhr
Was erlauben Löw ?
Dieter Gödrich (ilsenburg1905)
- 14.08.2012, 16:47 Uhr
Bitte etwas differenzierter argumentieren!
Lars Weseloh (larsito113)
- 14.08.2012, 14:20 Uhr
Trotz allem will ich mal eine Lanze für Löw brechen...
Uwe Wagner (view)
- 14.08.2012, 13:59 Uhr