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Fußball-Nationalmannschaft Künstler ohne Dirigent

 ·  Das Schweden-Spiel wird sich dauerhaft einprägen. Nie zuvor hatte man eine deutsche Mannschaft gesehen, die eine so große spielerische Brillanz mit so großer innerer Labilität verbindet. Was ihr fehlt, kann man nicht lernen, man muss es wollen, unbedingt.

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© dapd Ein Team, zwei Gesichter: die deutsche Nationalelf zwischen spielerischer Brillanz und innerer Labilität

Joachim Löw wird nach dem Finale der Weltmeisterschaft 2014 gefragt, ob ihn der Anschlusstreffer der Spanier nervös gemacht habe, trotz des tollen Spiels seiner Mannschaft. Der Bundestrainer wird als Weltmeister antworten, dass ihn das Gegentor „in keinster Weise“ beunruhigt habe, man sei auf so etwas vorbereitet gewesen, denn, man erinnere sich, bei diesem 4:4 damals gegen Schweden in Berlin habe man eine Menge gelernt. So wunderbar also könnte das deutsche Fußball-Märchen in knapp zwei Jahren in Rio de Janeiro zu Ende gehen - und an dieser Erzählung arbeiteten der Bundestrainer und seine Spieler auch schon nach dem erst fabelhaften und dann unglaublichen Auftritt von Berlin. Tatsächlich aber liegt im Herbst 2012 das deutsche Happy End in weiter Ferne. Nur die Zweifel, ob es unter Löw überhaupt noch eins geben wird, sind nach der vermasselten EM gewachsen.

Das kunterbunte Kunststück, aus einem 4:0 noch ein 4:4 zu machen - und das sogar innerhalb einer halben Stunde - hat jedenfalls noch keine deutsche Elf in mehr als hundert Jahren fertig gebracht. Es ist nicht nur der Zusammenbruch mit seinen am Ende kabarettreifen Zügen, der im Olympiastadion für einen Fußballabend sorgte, der geniale, unterhaltsame und sportlich erschreckende Momente im Überangebot bereit hielt. Nie zuvor hatte man dabei eine deutsche Mannschaft gesehen, die eine so große spielerische Brillanz mit so großer innerer Labilität verbindet. In Berlin war mehr als nur eine Ahnung davon zu spüren, welche sportliche Tragik noch auf dieses Team warten kann.

Kollektiver Angstzustand

Auch wenn es sie gab, waren es nicht individuelle Fehler, die zum Fiasko der letzten halbe Stunde führten. Es war ein kollektiver Angst- und Lähmungszustand, der sich von einer auf die anderen Minute über ein Team legte, das eben noch fliegen konnte, wunderschön wie kein deutsches zuvor. Aber diese Mannschaft hat nur das Fliegen gelernt - nicht das Siegen um jeden Preis. Es gibt daher auch nicht das Versäumnis oder die Schwäche eines einzelnen Spielers zu beklagen. Dieses Team ist randvoll mit fußballerischer Klasse. Aber seine innere Statik funktioniert nicht, zumindest nicht in Ausnahmesituationen - und die gibt es im Fußball immer wieder. Der Mannschaft fehlt nun wiederholt die Kraft, an Widerstand zu wachsen, über sich hinauszuwachsen. Das Unvorhergesehene, das Unplanbare, das Wilde des Fußballs ist ihr größter Feind. Es ist in dieser Mannschaft und bei diesem Trainer kein Plan B zu erkennen, der aus der Kraft des Intuitiven und des Behauptungswillen entspringt.

Das Spiel gegen Schweden, der Glanz und die Vergeblichkeit, wirken wie ein Abbild von Löws bisherigem Werk. Er hat ein Ensemble von mitunter betörender Schönheit geformt, das aber keine andere als die spielerische Lösung kennt - und auch nicht kennen will. Als seine Mannschaft nach den ersten Gegentreffern um Hilfe bettelte, schickte Löw mit Götze bloß das nächste Wunderkind aufs Feld. Als Coach war er genau so hilflos wie seine Spieler. Die Zuschauer erlebten ein Vakuum an Führung, auf und jenseits des Platzes.

Die Erklärungen des Bundestrainers und auch des Kapitäns verfehlten nach dem 4:4 den Kern. Löw und Lahm sagten, sie wollten immer weiter lernen aus so einem Spiel. Fußball sei ein Lernspiel. Das klang wie bei Klinsmanns Amtsantritt. Aber das ist acht Jahre her. Die Mannschaft hat seither unglaublich viel gelernt. In ihren Füßen steckt mehr als genug, was es braucht, um Weltmeister zu werden, nicht zu reden von einem Vier-Tore-Vorsprung gegen Schweden. Was ihr fehlt, kann man aber kaum lernen, man muss es wollen, unbedingt.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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