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Fußball-Nationalmannschaft Kränkelndes Krisenmanagement

 ·  Seit fast einer Woche treibt die Debatte um die Nationalelf immer weiter - ohne ein Wort des Bundestrainers. Während Joachim Löw nach dem 4:4 gegen Schweden die Grippe kuriert, mehren sich kritische Töne.

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© dapd Vergrößern Auf eine Erklärung des Bundestrainers zur Lage der Fußball-Nationalmannschaft wird gespannt gewartet

Dem Bundestrainer geht es nicht gut. Schon in den vergangenen Wochen war er verschnupft, jetzt hat es ihn umgehauen. Joachim Löw wollte am Samstag im Sportstudio des ZDF den Diskussionen um die Nationalmannschaft und seine eigene Rolle eine neue Richtung geben. Aber daraus wurde nichts. Der Bundestrainer bekam vier Tage nach dem sprachlos machenden 4:4 gegen Schweden kaum einen Ton heraus. Er sagte seinen Auftritt ab.

Als der Pressesprecher der Nationalmannschaft am Samstag mit dem Bundestrainer telefonierte, um das weitere Vorgehen abzustimmen, war am anderen Ende der Leitung vor allem ein Husten zu hören. Der Deutsche Fußball-Bund wollte nicht den Hauch eines Zweifels am angegriffenen Gesundheitszustand des Bundestrainers aufkommen lassen, niemand sollte annehmen, dass es sich nur um eine Unpässlichkeit Löws gehandelt haben könnte und er seinen öffentlichen Auftritt leichthin abgesagt haben könnte. Der Verband teilte daher per Presseerklärung mit, der Bundestrainer sei „ans Bett gefesselt“.

Nun soll an diesem Montag festgelegt werden, wie der Bundestrainer, wenn sich das Fieber gelegt hat, seine andere Entfesselung plant, wie er der Debatte im deutschen Fußball begegnen will, die dann schon fast eine Woche ohne ein Wort des Bundestrainers immer weiter treibt. Noch eine weitere Woche warten, bis das Sportstudio wieder auf Sendung geht, um von sich hören zu lassen? Oder doch früher aktiv werden?

Die Fragen in den Medien zielen längst über den Zerfall der Mannschaft gegen Schweden, sie richten sich auch auf Löws Zukunft. Ob er noch genügend Kraft für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien habe (“Bild“), ob er noch der richtige Trainer sei (“Focus“)? Bei den deutschen Fans genießt der Bundestrainer jedenfalls weiterhin großes Vertrauen. In einer von der „Bild am Sonntag“ in Auftrag gegebene Umfrage ermittelte Emnid, dass 73 Prozent der Deutschen Löw weiterhin für den richtigen Mann halten und nur 16 Prozent seine Ablösung als Bundestrainer fordern.

Späte Erklärung mit zwiespältiger Wirkung

Indes mehren sich in der Liga die kritischen Töne, auch an Löws Krisenmanagement, dies aber meist hinter vorgehaltener Hand. Schon das lange Schweigen des Bundestrainers nach der Halbfinal-Niederlage gegen Italien, das über einen Monat dauerte, ist Löw im Profifußball als Schwäche ausgelegt worden, als Mangel an Druckresistenz. Der Bundestrainer hatte in den Tagen nach dem 1:2 gegen Italien alle Interviewanfragen abgelehnt, erst vor der neuen Saison gegen Argentinien meldete er sich zu Wort.

Es hieß, er sei nach der Europameisterschaft zu erschöpft gewesen, und er habe geglaubt, in der hitzigen Atmosphäre nur aus der Defensive argumentieren zu können - und mit seinen Worten in dieser Phase nicht durchzudringen. Löws spätere Erklärung hinterließ eine zwiespältige Wirkung. Als Stärke galt, wie entschlossen er seine Spieler gegen die populistische Kritik jener Sommertage in Schutz nahm. Als Schwäche, dass er seine eigenen Fehler gegen Italien nicht klipp und klar benannte - und insgesamt eine Diskussion um die Nationalmannschaft neu entfachte, die eigentlich schon beendet schien, aber nun bis heute andauert.

Pressestimmen: „Das Comeback aller Comebacks“

In der sportlichen Führung der Nationalmannschaft meinen Kenner nun erste Risse im Umgang mit der Krise entdecken zu können. Manager Oliver Bierhoff trat am Freitag auf einer Podiumsdiskussion der European Business School im Rheingau auf. Dabei gab er dem Bundestrainer den Rat, dass es jetzt wichtig sei, „dass er als Trainer Stellung bezieht und das Länderspiel aufarbeitet“. Der Druck werde so schnell nicht weichen. „Das Thema wird uns durch die ganze WM-Qualifikation begleiten.“

Mehr aber noch durfte unter diesen Umständen das Lob für den Dortmunder Trainer Jürgen Klopp aufhorchen lassen: „Es ist eine Stärke von Jürgen Klopp, dass er auch mal eigene Fehler zugibt. Auch die Fehler der eigenen Spieler dramatisiert er nicht.“ Nachdem Bierhoff schon direkt nach dem 4:4 deutliche Worte gefunden hatte und zwei Tage später im Rheingau forderte, dass sie als Team-Verantwortliche nun „ganz ehrlich zu uns selbst sein müssen“, legte er am Freitagabend in der Talkshow „3 nach 9“ dann noch mal nach in Sachen Krisenmanagement. „Ich habe schon einige Krisen als Sportler und auch mit der Nationalmannschaft durchgestanden. Nach der kurzen Enttäuschung und Wut habe ich immer versucht, auf das Positive zu schauen, Kraft zu schöpfen und das Ganze anzugehen“, sagte der frühere Kapitän. „Ich kann mich als Verantwortlicher nicht drei Tage einbuddeln und auch mitheulen.“

Eine ungewohnte Situation für Joachim Löw

Einbuddeln? Das beschreibt ziemlich exakt, wie das Verhalten des Bundestrainers im Umgang mit kritischen Momenten im Profifußball weithin gesehen wird. Seit dem Fußballsommer des Missvergnügens steht der Bundestrainer erstmals nach sechs Jahren in der Kritik. Es ist eine ungewohnte Situation für Löw, der einst aus der Versenkung zur Nationalmannschaft kam und bis zum Halbfinale immer weiter bis zu einer fast grenzenlosen öffentlichen Verehrung aufstieg. Und so kommt es, dass aus den Fehlern, die Löw seither macht, geschlossen wird, es handele sich dabei um Fehler, die ihm unter Druck unterliefen.

Etwa sein bloßstellender Kommentar vor dem Spiel in Irland gegenüber Marcel Schmelzer, der für Irritationen auch in der Mannschaft sorgte. Genauso wie schon seine Erklärungen unmittelbar nach der Halbfinalniederlage, als Löw die individuellen Schwächen seiner Spieler betonte, über seine eigenen aber schwieg. Nach dem Spiel gegen Irland sagte Löw, dass seine Wortwahl im Fall des Dortmunder Verteidigers „sehr, sehr unglücklich“ gewesen sei, und er dies auch mit Schmelzer besprochen habe. Die Erklärung von Löw wurde als Entschuldigung verstanden, auch wenn der Bundestrainer dieses Wort gar nicht benutzt hatte. Aber vermutlich war es so gemeint.

© AFP, afp Vergrößern 4:4 - Drama gegen Schweden
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22.10.2012, 10:18 Uhr

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