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Fußball-Nationalmannschaft Einfach nur cool – Deutschlands reifste Vorstellung

11.10.2009 ·  Die DFB-Elf zeigte in ihrem schwierigsten Spiel, was in ihr steckt. Das 1:0 in Russland bedeutete das direkte Ticket für die WM 2010 – und der erste Treffer gegen die internationale Konkurrenz: Mit diesem Team ist in Südafrika zu rechnen.

Von Michael Horeni, Moskau
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Nach dem Schlusspfiff blieb Joachim Löw noch eine Weile allein auf seinem Stuhl sitzen. Was ihm in diesem Augenblick durch den Kopf gegangen sei, wurde er später gefragt, und die Erwartung, dass Löw nun einen kleinen Blick in sein Innerstes gestatten würde, blieb dem Bundestrainer natürlich nicht verborgen. Im deutschen Fußball gibt es offenbar einen Hang der sportlichen Leiter, sich nach geglückten Missionen auf sich selbst zurückzuziehen. Franz Beckenbauers einsamer Spaziergang 1990 auf dem Rasen von Rom mit der goldenen WM-Medaille um den Hals war einer dieser Momente, in denen sich der Triumphalismus verabschiedete und ein bisschen Nachdenklichkeit, Melancholie gar, zum Vorschein kam.

Unvergessen auch, als Berti Vogts nach dem EM-Gewinn in Wembley 1996 alleine zu den deutschen Fans in die Kurve ging und erstmals nur für sich einen Titelgewinn genießen durfte, unbeschwert von aller Last. Nach der Maßarbeit von Moskau, die Deutschland vorzeitig und im Stil einer Spitzenmannschaft zur Weltmeisterschaft nach Südafrika führte, blieb der Bundestrainer '09 einfach nur cool. „Ich habe an die Aufstellung gegen Finnland (Mittwoch, 18.00 Uhr / FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) gedacht, weil da einige Spieler geschont werden sollen und einige junge Spieler wieder ihre Chance bekommen“, sagte Löw, ohne sich nach dem 1:0-Sieg auch nur das kleinste Zeichen von Ironie in Stimme und Mimik anmerken zu lassen. Er dachte gar nicht daran, nach dem vielleicht wichtigsten Erfolg seiner Karriere, auch nur ein bisschen von seinen Gefühlen preiszugeben.

„Ein großartiger Trainer, der viel für den deutschen Fußball getan hat“

Die Leute sollen sich doch bitte schön an die Fakten halten: Löw sprach ganz nüchtern von der nahezu optimalen Punktzahl nach einer langen Qualifikationsrunde und ließ sein Team hochleben. „Diese Aufgabe haben sie glänzend gemeistert.“ Das Lob in eigener Sache konnte der Bundestrainer getrost seinem Vorgesetzten überlassen, der den Vertrag mit ihm nun am liebsten so schnell wie möglich über die WM 2010 hinaus verlängern möchte. „Er ist ein großartiger Trainer, der viel für den deutschen Fußball getan hat“, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger. „Von meiner Seite steht einer weiteren Zusammenarbeit nichts im Wege.“

1:0 gegen Russland: Einfach nur cool – Deutschlands reifste Vorstellung

In Moskau war eine deutsche Mannschaft unter Joachim Löw zu besichtigen, die nicht weniger als ihre bisher reifste Vorstellung ablieferte. Der Treffer von Miroslav Klose in der 35. Minute war der verdiente Lohn für eine taktische und mentale Meisterleistung, mit der das Team über weite Strecken die spielerische Klasse ihres Gegners und Genialität dessen Anführers Arschawin erstickte. Da stand keine deutsche Mannschaft mehr auf dem Kunstrasen von Moskau, die sich nur auf ihr Glück verlassen musste, auch wenn es ihr kurz vor Schluss bei einem nicht bestraften Foul im Strafraum zu Hilfe kam.

Selbst in Unterzahl nach der Gelb-Roten Karte für den übereifrigen Debütanten Jerome Boateng gut zwanzig Minuten vor Schluss war die innere Stabilität des Teams so stark, dass die Russen keinen neuen Weg selbst zu einem halben Erfolg mehr fanden. In den letzten Minuten fand die russische Resignation auf dem Platz auch in der Stille des riesigen Luschniki-Stadions auf den Rängen ihren stummen Ausdruck.

Die Deutschen indes blieben innerlich so kaltblütig und taktisch so souverän, wie man es sonst nur von italienischen Meistern kennt. „Es macht einen schon stolz. Es ist schön zu sehen, dass die Mannschaft in den entscheidenden Spielen gegen den stärksten Gegner zweimal die beste Leistung gebracht hat“, sagte Kapitän Michael Ballack regelrecht entzückt über einen Auftritt von Weltklasse in einem hochklassigen Duell. „Ich habe gespürt, dass jeder das Sieger-Gen in sich hat“, sagte Löw zum typisch deutschen Extrabonus, den sein Team in Moskau zusätzlich ins Spiel brachte und der den Russen und ihrem Trainer Guus Hiddink den Nerv raubte.

„Super von den Jungs, dass sie es zu zehnt geschafft haben“

Auf Deutsch sprach der Niederländer gleich dreimal mit einem Hauch Bitterkeit von der deutschen „Durchschlagskraft“, jener Anlage also, die sich offenbar seit Generationen auf dem deutschen Fußball-Sieger-Gen nachweisen lässt. „In den letzten 20 Minuten war es sehr hart. Jeder weiß, wie stark die Russen sind“, sagte Philipp Lahm über die Abwehr- und Selbstüberwindungskräfte, die das deutsche Team in Moskau über den Tag hinaus auszeichneten.

Bundestrainer Löw nahm nach dem Spiel auch seinen jungen Debütanten Boateng für dessen Ungeschicklichkeiten in Schutz. Aber wenn das Stammpersonal des Sommermärchens nicht in Unterzahl seine gereifte Stärke bewiesen hätte, hätte sich auch Löw fragen lassen müssen, ob er nicht ein wenig zu übermütig gewesen war. Er beließ den Hamburger selbst nach der Gelben Karte kurz vor der Pause auf dem Feld, und seine Warnung in der Kabine, kein unnötiges Risiko einzugehen, verfing bei Boateng nicht. „Scheiße“, dachte der HSV-Profi mit den Weddinger Wurzeln, nachdem sein Debüt viel zu früh beendet war. „Man schwächt die Mannschaft. Aber super von den Jungs, dass sie es zu zehnt geschafft haben“, sagte Boateng – und hatte die Haltung der Nationalmannschaft längst verinnerlicht: „Pech für mich – aber Hauptsache, wir haben uns für die WM qualifiziert.“

„Die Deutschen spielen bei einer WM immer eine gute Rolle“

Torwart René Adler erwies sich dabei in seinem erst siebten Länderspiel als erstaunlicher Rückhalt, der mit mehreren prächtigen Paraden den international erstklassigen Ruf der deutschen Torhüter auch auf die neue Generation ausdehnte. Löw wollte sich zwar ausdrücklich noch nicht darauf festlegen, dass der vom Boulevard schon zum „Bundesadler“ erkorene 24 Jahre alte Leverkusener seine Konkurrenten entscheidend hinter sich gelassen hat, aber das musste er auch gar nicht mehr nach Adlers Top-Bewerbung für 2010.

Mit Blick auf die Weltmeisterschaft, die am 11. Juni in Südafrika beginnt, hat sich die deutsche Mannschaft gleich wieder zu einem gefürchteten Herausforderer gemacht – auch wenn der Bundestrainer über die Aussichten in Südafrika ebenfalls noch kein Wort zu viel verlieren wollte. Aber wer in Russland besteht, das wussten die Spieler bei ihrer Siegesfeier im Hotel natürlich nur zu gut, der hat international auch schon vorab den ersten Treffer gelandet. „Was ich der Mannschaft bei der WM zutraue, vermag ich heute noch nicht zu sagen“, hob Löw an und fügte hinzu, was Hiddink und die Fußballwelt ohnehin nur zu gut wissen und fürchten: „Die Deutschen spielen bei einer WM immer eine gute Rolle.“

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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