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Fußball-Nationalmannschaft Ein Hauch von Befreiung

 ·  Die Neujustierung der Nationalelf wird durch das 6:1 in Irland leichterfallen. So unbeschwert, wie es einmal war, wird es aber kaum mehr werden. Und gegen Schweden am Dienstag droht Sami Khedira auszufallen.

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© dpa Der 6:1-Sieg über Irland befreit die deutsche Nationalmannschaft für den Moment von ihren Problemen

Marcel Schmelzer versuchte wirklich sehr lange, die Konzentration hochzuhalten. Die Dusche hatte er schon hinter sich, die meisten seiner Kollegen warteten im Bus. Aber auch, als die eigentliche Arbeit längst getan war in der WM-Qualifikation beim 6:1-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Irland, biss Schmelzer sich an seiner Argumentationslinie fest - so wie er vorher 90 Minuten lang das Spielfeld entlang der Seitenlinie beackert hatte.

Er möchte „darüber“ gar nicht so viel reden, sagte der Linksverteidiger von Borussia Dortmund immer wieder. Und doch schimmerte im einen oder anderen Augenblick durch, dass dieses „darüber“ schon etwas war, was ihm zu schaffen machte. Was weiter in ihm arbeitete.

Schmelzer, vor vier Wochen beim 2:1 gegen Österreich der Schwächste unter lauter schwachen Deutschen, hatte sich am Tag vor dem Irland-Spiel ein Stück weit vorgeführt fühlen müssen - und das vom Bundestrainer persönlich. Solange es auf seiner Position keine Besseren gebe, hatte Joachim Löw sinngemäß gesagt, „werden wir mit ihm weiterarbeiten“.

Und dieses „werden“ klang doch zu sehr nach „müssen“, als dass man darüber einfach hätte hinweggehen können. Es musste Schmelzer schmerzen. Selbst wenn der Bundestrainer sich falsch verstanden fühlte und den Schaden später mit Hilfe der Medienabteilung zu reparieren versuchte.

Ibrahimovic ein überragender Stürmer

“Natürlich ist es ein bisschen schwierig gewesen“, sagte Schmelzer über den Abend, an dem er unter Beobachtung stand wie vielleicht noch nie in seiner Karriere. „Das war das erste Mal, dass so etwas passiert.“ Was Löws Worte aber über die Kränkung hinaus zu einer Bedrohung für ihn und letztlich auch für das deutsche Team machte, war das allgemeine Klima, in dem der Bundestrainer sie tätigte. Hypernervös, wie auf dem Börsenparkett in Krisenzeiten, war zuletzt jede Äußerung rund um die deutsche Auswahl aufgenommen worden.

Teamgeist-Debatte, Hoeneß-Kritik, das alles hatte die Mannschaft schon genug beschäftigt. Da wäre es nett gewesen, wenn auch Löw die Konzentration hochgehalten hätte. Schmelzer jedenfalls berichtete von den vielen Aufmunterungen, die er erhalten hatte, vor dem Spiel von Seiten der Dortmunder Kollegen und auch während der 90 Minuten von Dublin, als er jede Menge Unterstützung aus dem Team erfuhr - und er schien dankbar dafür.

Joachim Löw: „Es war ein wichtiger Sieg“

Der Sieg gegen Irland indes tat nicht nur Schmelzer gut, der ein tadelloses Spiel machte. Alle Beteiligten waren froh, dass nach den vielen Worten nun endlich Taten sprechen konnten. Zwar kamen Giovanni Trapattonis Iren noch viel leichtgewichtiger daher, als die Deutschen das erwartet hatten. Um die Märkte der öffentlichen Wahrnehmung fürs Erste zu beruhigen, dürfte das deutliche Resultat allemal taugen. „Es war ein wichtiger Sieg“, sagte Löw.

Und auch wenn er das nicht aussprach, wird er nach all den Defizit-Debatten auf eine versachlichende Wirkung dieser drei Punkte hoffen - zumal, wenn am Dienstag (20.45 Uhr / Live in der ARD und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) in Berlin gegen Schweden im letzten Qualifikationsspiel des Jahres weitere folgen. Fraglich ist dann der Einsatz von Sami Khedira, der weiter an einer Muskelverhärtung im linken Oberschenkel leidet. Angesichts der deutschen Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre war es schon ein bisschen kurios, welche Nachbeben dem EM-Aus gegen Italien gefolgt waren - insbesondere, was Löws Rolle betraf.

„Unser Bundestrainer macht einen erstklassigen Job“

Mancher schien geradezu persönlich beleidigt, dass der Bundestrainer den versprochenen Titel nicht geliefert hatte, und so sah Löw sich plötzlich wieder all jenen Ressentiments ausgesetzt, die ihn ganz zu Beginn, auf dem Weg in seine Aufgabe, begleitet hatten. Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, brachte in Dublin sein Unverständnis über diesen radikalen und irrationalen Wandel der Löwschen Popularitätswerte zum Ausdruck.

Er stehe „vor einem Rätsel, wie ein solcher Stimmungsumschwung zustande gekommen ist“, sagte er und betonte: „Unser Bundestrainer macht den gleichen erstklassigen Job wie noch vor der Europameisterschaft.“ Löw selbst wirkte in den Tagen vor dem Irland-Spiel leicht irritiert ob des scharfen Gegenwinds, der ihm und der Mannschaft plötzlich entgegenblies. Und gab sich etwas distanzierter als in den Zeiten des stetigen Aufschwungs.

„Wir sind insgesamt auf einem sehr guten Weg“

Dass die Unruhe „von außen“ ins Team getragen wurde, wie er das am Freitag andeutete, stimmte so freilich nicht. Für die teils polemische Kritik von Uli Hoeneß mochte das gelten. Die verheerende Außenwirkung in der Sache Schmelzer hatte er aber selbst zu verantworten. Und in der Debatte, wie es um den deutschen Teamgeist bestellt sei, war die Initialzündung von einem Interview Bastian Schweinsteigers ausgegangen.

Der Münchner verteidigte am Freitag noch einmal seinen kritischen Einwurf: „Wir sind insgesamt auf einem sehr guten Weg, ich möchte aber sagen, dass wir den einen Schritt mehr gehen müssen, um Titel zu gewinnen.“ In Dublin immerhin konnten alle zufrieden sein mit dem Engagement, das die Mannschaft gezeigt hatte.

Marco Reus kann den Unterschied ausmachen

Team und Trainer sind dabei, sich unter veränderten Bedingungen neu zu justieren. Das ist nichts Ungewöhnliches nach einem großen Turnier, noch dazu, wenn es mit einer Enttäuschung geendet hat. Aber es erfordert Energie und Disziplin. Zu den wichtigsten Aufgaben mit Blick auf die WM 2014 wird es gehören, den Konkurrenzkampf insbesondere im Mittelfeld produktiv zu moderieren. In Dublin genügte ein Name, um das Steigerungspotential im Vergleich zur EM zu vermessen.

Marco Reus präsentierte sich nicht nur wegen seiner beiden Tore als ein weiterer Spieler, der den Unterschied ausmachen kann. Ein anderer hingegen, Toni Kroos, wird mit der bitteren Vorahnung in den Bus gestiegen sein, dass ihm seine zwei Treffer gegen Irland ebenso wenig wie Top-Leistungen in der Bundesliga zwingend zu einem Platz im Team verhelfen werden.

„Wir dürfen jetzt nicht wieder in Euphorie umschwenken“

Er sei sich der hohen Qualität in seinem Revier bewusst, sagte er. Aber: „Wer mich kennt, weiß, dass ich das Selbstbewusstsein habe, zu sagen, dass ich trotzdem irgendwo spielen sollte.“ Womöglich hilft ihm nun gegen Schweden das Verletzungspech von Khedira in die Startformation an die Seite von Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld. Während der Woche hatte Teammanager Bierhoff von „Reibereien“ gesprochen, die es nun einmal gebe, wenn um Plätze und vielleicht auch um die Hackordnung im Team gekämpft wird.

Am Freitag nun versuchte er, auch der Kritik der vergangenen Wochen einen positiven Spin zu geben. Sie könne dabei helfen, „zusammenzuführen“ und zu „fokussieren“, sagte er. Zugleich aber sprach Bierhoff auch eine neue Warnung aus, die über das Schweden-Spiel hinaus Gültigkeit besitzt: „Wir dürfen jetzt nicht wieder in Euphorie umschwenken und sagen, es ist alles beiseitegelegt.“ Irland mag eine kleine Befreiung gewesen sein. So unbeschwert, wie es einmal war, wird es dennoch kaum mehr werden.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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