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Fußball-Nationalmannschaft Ein bisschen FC Bayern, bitte

Sami Khedira, von Manchester United umworben, aber bei Real verblieben, sagt, dass die Nationalelf ihr Tor ruhig ein bisschen aggressiver verteidigen dürfe - am besten schon an diesem Freitag gegen Österreich.

© dpa Vergrößern Guck mal, wer da kommt: Sami Khedira gehört zu den Führungsspielern des Bundestrainers - egal, in welchem Verein er spielt

Es gibt Tage, an denen gibt es im Leben eines modernen Fußballers nur eine Konstante. Es sind jene hektischen Phasen, in denen er sich im Gewitter explodierender Notierungen kurz vor Handelsschluss an der Spielerbörse wie eine lebende Aktie vorkommen kann, ein Spekulationsobjekt, einst gefragt, nun abgestoßen und weitergereicht. Diese Konstante ist die Nationalmannschaft. Für Staatsangehörigkeiten gibt es noch keinen Transfermarkt, jedenfalls keinen frei handelbaren.

Am Montag, als er zum deutschen Nationalteam stieß, war Mesut Özil noch Spieler von Real Madrid. Am Dienstag, beim ersten Training für das WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich an diesem Freitag in München, schon Spieler des FC Arsenal. Und all das auch mit dem Plazet von Bundestrainer Joachim Löw. Die sportliche Leitung habe Özil „unterstützt, diese Aktion durchzuziehen“, sagte Nationalteam-Manager Oliver Bierhoff - weil „gerade im WM-Jahr“ für einen Nationalspieler ein Stammplatz in seinem Klubteam sehr wichtig sei. „Mesuts Freude ist groß, bei einem Verein zu spielen, der ihn unbedingt wollte, und bei einem Trainer zu sein, der von ihm überzeugt ist“, so Bierhoff.

„Persönlich bedaure ich den Wechsel“, sagte der in Madrid verbliebene Freund und Kollege Sami Khedira, der im Gegensatz zu Özil vor die Presse trat: „Auch sportlich kann er ein Verlust sein. Er ist ein Spieler, der oft den Unterschied macht.“ Womöglich hat nicht viel gefehlt, dass auch Khedira am Dienstag einen neuen Klub vertreten hätte. Er bestätigte, dass Manchester United ihn verpflichten wollte - laut BBC für 40 Millionen Euro, was Khedira hinter dem neuen Rekordmann Özil (50 Millionen) zum zweitteuersten deutschen Spieler gemacht hätte.

„Äußerlich vollkommen entspannt“

Özil hatte in der vergangenen Woche noch beteuert, in Madrid um seinen Platz kämpfen zu wollen, wo weniger der 100-Millionen-Euro-Einkauf Gareth Bale als der ebenfalls neu geholte Jung-Spanier Isco ihn zu verdrängen drohte. Er war dann aber offenbar schon vor dem Wochenende umgeschwenkt und nach einem langen Telefonat dem Werben von Trainer Arsène Wenger erlegen. „Er sagte, dass er mir vertraut, und das brauche ich“, sagte Özil in einem Video auf der Internetseite des Deutschen Fußball-Bundes. Bei Real und dessen neuem Trainer Carlo Ancelotti habe er dagegen gemerkt, „dass ich das Vertrauen vom Trainer nicht habe“.

Deutschland - Paraguay - Training © dpa Vergrößern Ganz schön teuer: Mesut Özil

Özil habe ihm „schon vor zwei, drei Tagen“ von seinem Wechsel nach London berichtet, sagte Khedira - dem seinerseits die Entscheidung, ob er ebenfalls in die Premier League wechseln will, abgenommen wurde. „Der Verein hat das Angebot für mich abgelehnt“, schilderte Khedira. Auf seiner Position im defensiven Mittelfeld hat der frühere Stuttgarter bei Real, anders als Özil in der Offensive, keine Konkurrenz durch teure Neueinkäufe bekommen. Zudem sei er schon vorher nach „sehr guten Gesprächen“ mit Ancelotti überzeugt gewesen, „diese Saison bei Real zu spielen“. Manchester United verpflichtete stattdessen in den letzten Minuten der Transferperiode den Belgier Marouane Fellaini vom FC Everton für rund 33 Millionen Euro.

Entgegen der Vermutung, Özil sei möglicherweise niedergeschlagen wegen seines Kurssturzes bei Real und Ancelotti, sagte Bierhoff, er habe den Spielmacher „äußerlich vollkommen entspannt“ und „sehr aufgeräumt und freudig“ erlebt. Aus eigener Erfahrung (2001 beim AC Mailand) zeigte Bierhoff Verständnis dafür, dass Spieler wie Özil oder Mario Gomez „nicht das Risiko eingehen wollen, in einem WM-Jahr ihren Spielrhythmus zu verlieren“ - und sich, statt nach einem Wechsel von Trainer oder Taktik auf der Bank zu landen, lieber einen neuen Klub suchen. Für Özils „physische Robustheit“ werde die Premier League einen Schub bringen, sagte Bierhoff. Dazu werde er „sich sportlich und menschlich weiterentwickeln“, weil er bei Arsenal „noch mehr Verantwortung übernehmen“ müsse.

Seit 82 Jahren keine Heimniederlage gegen Österreich

Von der Verantwortung sprach auch Khedira; der im Nationalteam, in dem er in dieser Woche in Abwesenheit der verletzten Schweinsteiger und Gündogan eine noch zentralere Rolle übernehmen muss. „Es ist mein Anspruch, die Mannschaft mit zu führen“, sagte Khedira. Er nutzte diese Rolle zu einem Appell, „nicht nur das spektakuläre Offensivspiel“ zu pflegen, „sondern auch das, was uns stark gemacht hat, das kompakte und aggressive Verteidigen“, und das, nach dem Vorbild des Triple-Siegers Bayern München, auch durch „jeden Offensivspieler“. Nach zuletzt drei Spielen mit neun Gegentoren sieht Khedira das „langfristige Ziel“ für die Nationalelf auf dem Weg zur WM 2014 darin, „nicht mehr so anfällig“ zu sein. Kurzfristig sollen dafür drei Punkte gegen die Österreicher her, die „uns immer ein Bein zu stellen versuchen“, wie Bierhoff fand.

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„Mit einem sehr guten Trainer“, Marcel Koller, hätten die Fußballer des Nachbarlandes sich so gut weiterentwickelt, „dass wir gewarnt sind“. Doch unverblümt verlangte der Manager: „Wir wollen von Beginn an zeigen, dass Österreich keine realistische Chance hat.“ Denn auch für diese Konstante steht das deutsche Nationalteam: Es hat seit 82 Jahren zu Hause nicht mehr gegen Österreich verloren.

Die teuersten Transfers deutscher Spieler

1. Mesut Özil: 2013 für 50 Millionen Euro von Real Madrid zum FC Arsenal

2. Mario Götze: 2013 für 37 Millionen von Borussia Dortmund zum FC Bayern

3. Mario Gomez: 2009 für 30 Millionen vom VfB Stuttgart zum FC Bayern

4. Manuel Neuer: 2011 für 27,5 Millionen von Schalke 04 zum FC Bayern

5. André Schürrle: 2013 für 22 Millionen von Bayer Leverkusen zum FC Chelsea

6. Mario Gomez: 2013 für 20 Millionen vom FC Bayern zum AC Florenz

7. Mesut Özil: 2010 für 18 Millionen von Werder Bremen zu Real Madrid

8. Marco Reus: 2012 für 17,1 Millionen von Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund

9. Mirolsav Klose: 2007 für 15 Millionen von Werder Bremen zum FC Bayern

10. Sami Khedira und Marcell Jansen: 2010 für 14 Millionen vom VfB Stuttgart zu Real Madrid, 2007 für 14 Millionen von Borussia Mönchengladbach zum FC Bayern

(dpa)

Quelle: F.A.Z.

 
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