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Fußball-Nationalmannschaft Der nächste Özil soll für die Türkei spielen

 ·  Mit dem Adler oder dem Halbmond auf der Brust? Nach dem Aufstieg von Mesut Özil zum Weltstar wird der Kampf um die Talente wieder schärfer geführt. Noch ist der DFB dem Konkurrenten aus der Türkei voraus.

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Mesut Özil hat ein paar Dinge gesagt, die man einem Abtrünnigen zutraut, dass er sie sagt. Özils Botschaft an die Türken vor der Begegnung mit Deutschland, verbreitet in einem Interview mit dem türkischen Massenblatt „Hürryiet“, lautet so: „Erklärt mich nicht zum Verräter, wenn ich ein Tor schieße.“ Und weiter sagt der Mann mit der dünnsten Stimme, den schmalsten Schultern und den geschicktesten Füßen im deutschen Team, dass es in der Türkei ein paar Leute gegeben habe, die ihn als „Vaterlandsverräter“ beschimpft haben, nachdem er sich entschieden hatte, für das Land zu spielen, indem er aufwuchs, und nicht für das Land, in dem seine Eltern aufwuchsen. Und dann wurde Özil noch mit der Einschätzung zitiert, „dass wir Türken uns leicht über alles Mögliche aufregen“.

Das alles also soll Mesut Özil vor dem sportlich, aber vor allem auch von der heftigen Integrationsdebatte aufgeladenen Duell in der Qualifikation zur Europameisterschaft an diesem Freitag (20.45 Uhr / FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) im Berliner Olympiastadion gegen die Türkei gesagt haben. Aber der Deutsche Fußball-Bund legt Wert darauf, dass Özil mit dem Blatt überhaupt kein Interview geführt habe, und dass es diese Äußerungen auch nicht gibt. Das Problem ist nur, das alles, was Özil nicht gesagt hat, der Wirklichkeit trotzdem sehr nahe kommt.

Jedenfalls näher als alles, was Özil in diesen Tagen vor aller Öffentlichkeit gesagt hat. Das war nicht viel, denn allen Interviewanfragen, die es gegeben hat, beschied der DFB eine Absage. Man wollte Özil ein bisschen schützen, und so trat der 21 Jahre alte Fußballspieler, der Deutschland bei der Weltmeisterschaft begeisterte und den der türkische Fußball schmerzlich vermisst, nur einmal bei einer offiziellen Pressekonferenz auf. Was er da sagte, klang zurechtgelegt, wie aus dem Handbuch für Fußball-Integration. Er lebe in der dritten Generation in Deutschland und er habe immer für Deutschland spielen wollen, sagte Özil. „Aber natürlich ist es ein besonderes Spiel, denn es geht gegen meine Freunde. Da bin ich besonders motiviert.“ Und dass sie das Spiel gewinnen wollen, sagte Özil auch noch.

Kampf um die Ressource Talent

Aber so harmlos, wie Özil spricht, und so treuherzig, wie der deutsche und der türkische Verband tun, wenn es um Spieler mit türkischen Wurzeln und um ihre Entscheidung geht, für welches Land sie spielen, geht es in der Wirklichkeit längst nicht zu. Es gibt einen Kampf um diese Spieler, um die Ressource Talent. Seit Özil in und für Deutschland Karriere macht, wird dieser Kampf auch wieder härter geführt.

Man kann nicht behaupten, dass sich Guus Hiddink um das deutsch-türkische Fußballverhältnis auf dieser Ebene verdient gemacht hätte. Ein einziger Satz von ihm hat genügt, um für verstärkte Aktivitäten bei den Jugend-Nationalspielern zu sorgen, um es vorsichtig zu formulieren. „Schade, dass Özil sich für den falschen Pass entschieden hat“, sagte der neue türkische Nationaltrainer nach den glanzvollen WM-Auftritten des in Gelsenkirchen geborenen Fußball-Künstlers. Jetzt könne man auch Deutschland genießen, fügte Hiddink an. Aber die Botschaft an den eigenen Verband, dass so etwas nicht mehr vorkommen soll, ist auch angekommen.

„Beim DFB fühle ich mich bestens aufgehoben“

Erdal Keser ist deutschen Fans ein Begriff. Er spielte in den achtziger Jahren für Borussia Dortmund und damals hörte er in manchen Stadion noch die Rufe: „Türken raus.“ Nach seiner Karriere hat er in Deutschland das sogenannte Europabüro des Verbandes mit aufgebaut, das nicht zuletzt dazu diente, türkische Talente der zweiten und dritten Generation an die alte Heimat zu binden. Bei den beiden Brüder Hamit und Halil Altintop ist ihm das gelungen und auch bei Nuri Sahin.

Seit rund einem Jahr leitet Keser wieder das Scoutingsystem des Verbandes. In Interviews sagt er, dass die Spieler selbst entscheiden sollen, für wen sie spielen. Und dass man auch bei Özil und Tasci anfragte. Aber er habe deren Entscheidung akzeptiert und ihnen Glück gewünscht. In den Jugend-Nationalmannschaften, wo diese Frage nicht beantwortet werden muss, wächst nach Aussagen von Kennern der Szene eindeutig der Druck – selbst wenn die Spieler sagen, dass sie für Deutschland spielen wollen. In den vergangenen Jahren hat der DFB viel mehr Engagement entwickelt, um deutsch-türkische Talente für sich zu gewinnen. Die Trainer rufen bei den Eltern an, sie kümmern sich, und wenn die Jungs einmal bei der Jugend-Nationalmannschaft waren, kommen sie ausstaffiert im deutschen Look zurück. In der Betreuung und Förderung von Talenten, so sagen Jugend-Nationalspieler, die beide Verbände kennen, könne der türkische Verband derzeit nicht mithalten. „Beim DFB fühle ich mich bestens aufgehoben. Sie haben sich sehr um mich bemüht“, sagt auch Özil.

Business statt Herzensangelegenheit

Aber es spielen längst auch andere Gründe als Heimatgefühle eine Rolle bei der Entscheidung von deutsch-türkischen Profis, welchen internationalen Weg sie einschlagen. „Als deutscher Nationalspieler hat Mesut mehr Lobby, einen höheren Marktwert und er verdient mehr Geld. Hätte er sich für die Türkei entschieden, hätte er keine WM gespielt und wäre jetzt nicht bei Real Madrid. So einfach ist das“, sagt Bayern-Profi Hamit Altintop in der „Süddeutschen Zeitung“. Fußball sei manchmal Herzensangelegenheit, aber viel öfter Business. Das kann man auch als erfreuliches Zeichen werten. Vorbildcharakter hat Özil bei jungen Spieler jedenfalls.

Offiziell heißt es bei Keser, die Verbände würden auf diesem Feld sogar zusammenarbeiten. Wenn er erkenne, dass ein Spieler im deutschen Team besser aufgehoben sei, dann würde er zurückziehen. Die Zwischentöne sind aber auch nicht zu überhören. Mit Blick auf Özil und Tasci sagt der Scout, Özil habe sich richtig entschieden, aber für Tasci wäre es besser, wenn er für die Türkei spielte. „Entscheidend ist auch, welcher Verband sich mehr um den Spieler bemüht. Wenn wir diese Leute nicht sichten, dann haben sie das Recht, woanders zu spielen“, sagte Keser in diesen Tagen in einem Interview. „Viele sagen uns später: 'Ich wollte für mein Vaterland spielen, aber ihr habt mich ja nie gefragt.' Genau das dürfen wir uns nicht nachsagen lassen.“ Kann man auch nicht: 24 Spieler aus Deutschland stehen derzeit in den türkischen Nationalteams.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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