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Fußball-Nationalmannschaft Comeback der Komfortzone

 ·  Joachim Löw wandelt sich vom Reformer zum Fußball-Konservativen. Der Bundestrainer lobt lieber – dabei hat sogar die einst vielkritisierte Bundesliga die DFB-Elf überholt.

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© picture alliance / dpa Komfortzone Nationalmannschaft: Bierhoff (rechts) mit den DFB-Spielern Schürrle, Khedira, Reus, Özil und Gündogan (von links nach rechts)

Das „Aktuelle Sportstudio“ hatte am vergangenen Wochenende Ilkay Gündogan als Studiogast geladen, den Dortmunder Mittelfeldspieler, der an diesem Mittwoch im deutschen Kader beim Testspiel gegen Frankreich steht. Das ZDF lieferte dazu einen sogenannten Einspieler, in dem Joachim Löw zu Wort kam. Der Bundestrainer sagte, Gündogan fände technisch „wahnsinnig“ viele Lösungen. Er könne sich auf engem Raum „wahnsinnig“ gut behaupten. Gündogan sei psychisch „wahnsinnig“ gut geworden, und im letzten Spiel gegen Holland habe er ihm „wahnsinnig“ gut gefallen. Viermal „Wahnsinn“ in 25 Sekunden.

Dass Gündogan, über den das Wahnsinns-Lob nur so niederprasselte, zu den prägenden Figuren der Nationalmannschaft gehört, kann man allerdings nicht behaupten. Der Dortmunder hat bisher vier Länderspiele absolviert, dreimal wurde er eingewechselt. Eine einzige Partie hat die Nationalelf mit Gündogan gewonnen, das war im Oktober 2011 gegen Belgien. Er kam damals sechs Minuten vor Schluss ins Spiel. Was für eine Botschaft geht somit eigentlich von einem Bundestrainer vor dem Länderspielstart 2013 in Paris aus, der so sehr lobt?

Löw spricht nach den Enttäuschungen 2012 schließlich über einen vielversprechenden Ergänzungsspieler - und nicht etwa Guardiola nach 14 von 17 möglichen Titeln über Messi, Xavi oder Iniesta. Diese Komplimente dürften kaum als Appell an den unbedingten Willen eines 162-Minuten-Nationalspielers ankommen, sich für einen Stammplatz zu zerreißen, sich auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2014 alles abzuverlangen. Das Signal, das der Bundestrainer damit aussendet, lautet vielmehr: „Willkommen in der Komfortzone.“

Das Wort Komfortzone ist ein Begriff, der einst in der Nationalmannschaft Karriere gemacht hat. Jürgen Klinsmann brachte ihn aus Amerika mit nach Deutschland, er sah es damals als seine Aufgabe an, den deutschen Fußball zusammen mit seinem Assistenten Löw aus dieser Komfortzone zu vertreiben, jener Zone, zu der unbequeme Wahrheiten keinen Zutritt haben. Klinsmann, man mag zu ihm stehen, wie man will, hatte sich seinerzeit ein paar Maximen zurechtgelegt, mit denen er die Komfortzone hinter sich lassen wollte. Er sagte sich: „Suche ständig Lösungen. Lerne umgehend aus den Fehlern und stehe dazu. Denke voraus und agiere, anstatt zu reagieren.“

Vom Feindbild zum Vorbild

Die Nationalmannschaft, die sich auch mit Löw im Jahr 2004 selbst reformierte - und damit erst zum Feindbild und dann zum Vorbild für die Bundesliga wurde -, hat sich mittlerweile von ihrem früheren Leitbild entfernt. Die Verhältnisse in Fußball-Deutschland haben sich sogar umgekehrt. Einige Bundesligaklubs rückten über die Jahre an die Spitze der Reformentwicklung - während man bei der Nationalmannschaft frische Impulse vergeblich sucht. Innovation sieht jedenfalls anders aus als der Alltag beim DFB-Team, der auch nach der enttäuschenden Halbfinal-Niederlage gegen Italien und dem alarmierenden 4:4 gegen Schweden nach dem Motto zu funktionieren scheint: weiter so.

Innerhalb der Führung lassen sich jedoch unschwer Differenzen über den weiteren Weg bis zur WM in Brasilien ausmachen. Manager Oliver Bierhoff hatte zum Jahreswechsel so unmissverständlich wie nie zuvor ein Umdenken gefordert. „Wir müssen neue Wege gehen. Wir müssen eine andere Einstellung, ein anderes Bewusstsein zum Spiel entwickeln“, sagte Bierhoff, der vor allem für den Verantwortungsbereich des Bundestrainers Handlungsbedarf ausgemacht hat. „Was das Technisch-Taktische angeht, kann man das in veränderten Trainingseinheiten angehen. Die Zahl der Abschlüsse im Training erhöhen; Wettbewerbe schaffen, die Sieg-Anreize setzen. Aber auch in persönlichen Gesprächen und in sportpsychologischen Maßnahmen kann man dieses Thema bewusst vor Augen führen.“

Bierhoffs Botschaft jedoch scheint zu verhallen. Löw preist weiterhin lieber die positiven, herausragenden Seiten des deutschen Spiels, die eine so exzellent wie nie besetzte Nationalelf auch immer wieder zu bieten hat. Seine Erkenntnis aus den Erfahrungen 2012 machte der Bundestrainer zum Jahresende in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ deutlich: „Wir müssen lernen, bei dem zu bleiben, was wir sehr gut können. Die Spieler müssen lernen, sich über 90 Minuten voll zu konzentrieren. Sie dürfen sich nicht irritieren lassen.“ Mit anderen Worten: Alles soll so bleiben, wie es ist - nur eben ein bisschen besser. Die Komfortzone erlebt ihr Comeback.

Vom Reformer zum Fußball-Konservativen

Aus dem Fußballreformer, als der Löw erst unter Klinsmann und dann als Chef angetreten war - und sich mit einer modernen Spielkultur um den deutschen Fußball verdient machte -, erscheint mittlerweile wie ein Fußball-Konservativer; ein Bewahrer, der an dem einmal eingeschlagenen und lange erfolgreichen Weg trotz aller Warnzeichen festhält, Veränderungen und Konflikte eher scheut und zu offenkundigen Fehlern, wenn überhaupt, erst nach Wochen und Monaten stehen mag. Ob Löw aus den Defiziten, wie nach der EM 2008, auch diesmal wieder zu lernen vermag, ist die große Frage - bisher sieht es nicht unbedingt danach aus. Und es ist auch noch nicht klar, ob Löws Stärken, die die Nationalelf so weit nach vorne gebracht haben, auch die richtigen sind, um „die letzten fünf Prozent“, wie sich Bierhoff ausdrückt, zu aktivieren.

Es ist schon eine Weile her, dass Nationalspieler nur im DFB-Trikot brillierten, während sich ihre Klubs kopfschüttelnd fragten, warum das nicht in der Liga möglich sei. Die Klubs wissen es längst, sie sind mittlerweile auf der Überholspur - und auch diese Klub-Dynamik lässt die Nationalelf so eingefahren wie nie seit 2004 erscheinen. In Dortmund, Mainz oder Freiburg übertragen die Trainer Klopp, Tuchel und Streich nicht nur enorme Emotion und Leidenschaft in ihr Werk, sie tüfteln auch akribisch daran, ihre Teams weiterzuentwickeln, sowohl in den Mannschaftsteilen als auch auf einzelnen Positionen, dazu kommt kompetente wissenschaftliche Unterstützung. Leverkusen und Hannover arbeiten ebenfalls, stets nach besseren Lösungen suchend, auf hohem wissenschaftlichen Niveau mit vorbildlicher Trainingssteuerung. Und die erstklassigen Bayern gönnen sich nun auch noch Guardiola. Zudem liefert die Nachwuchsarbeit dem Bundestrainer schon seit einigen Jahren technisch und taktisch stark ausgebildete Spieler - die sich angesichts ihres professionellen Willens auch leicht führen lassen. Die Voraussetzungen waren noch nie so gut vor einem Turnier.

In der Nationalelf wäre jetzt die Zeit gekommen, um an physischen und psychischen Grundlagen zu arbeiten, um bei der WM in eineinhalb Jahren in Brasilien darauf zurückgreifen zu können - und sich dann während eines Turniers endlich einmal auch in der entscheidenden Phase steigern zu können. In dieser Saison mit gerade mal zwei Qualifikationsspielen gegen Kasachstan sind die äußeren Anreize für die Spieler zudem nicht besonders groß - sie müssten gezielt gesetzt werden.

Fußball-Nationalmannschaft: Fakten, Fakten, Fakten

Noch ein Blick zu dem in Deutschland viel kritisierten Klinsmann. Löws Vorgänger hat als amerikanischer Nationaltrainer gerade die Spieler vornehmlich aus der nationalen Liga für ein paar Wochen in Kalifornien zusammengezogen. Er will sie als Konkurrenz für die Amerikaner aufbauen, die in europäischen Ligen spielen, damit sie sich ihrer Plätze nicht zu sicher sind. Er hat das den Spielern genauso gesagt. Man kann das einen systematischen Ansatz nennen, um neue Kräfte gezielt als Alternativen aufzubauen, um den etablierten Spielern Druck zu machen. Die besten deutschen Nachwuchskräfte Holtby, Rode und Jung werden in dieser Saison jedoch nicht mehr zur Nationalelf stoßen. Sie sollen die U21 im Sommer zum EM-Titel führen. Womöglich keine schlechte Idee angesichts der Erfahrungen mit Neuer, Özil, Khedira, Boateng, Hummels und Schmelzer vor vier Jahren - aber dieser Konkurrenzkampf in der Nationalelf ist damit erst mal auf die kommende Saison verschoben, mindestens.

„Gegenpressing“ als wichtigste taktische Konsequenz

Die wichtigste taktische Konsequenz aus der zurückliegenden EM sollte für den Bundestrainer das „Gegenpressing“ sein, das derzeit populärste taktische Mittel, vom FC Barcelona beherrscht und von Borussia Dortmund erfolgreich kopiert. Auch Löw wollte dies als dringlichste Maßnahme nach der EM umsetzen. Zu sehen ist davon bisher wenig. Der Bundestrainer erklärt dies mit Zeitmangel, er könne die neuen Dinge mit dem Team unter diesen Bedingungen nicht einüben, nur in der unmittelbaren Turniervorbereitung sei dies möglich. Aber warum sollen heute größere Umfänge, höhere Intensität und stärkere Individualisierung im Training nicht mehr möglich sein? Vor einigen Jahren galt bei der Nationalelf noch der Anspruch, jede Minute effektiv zu nutzen. Es ist höchste Zeit, sich wieder daran zu erinnern.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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