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Veröffentlicht: 12.11.2012, 17:08 Uhr

Fußball-Nationalmannschaft Auf der Suche nach dem Systemfehler

Defensiver denken, weiter attraktiv spielen - die deutsche Nationalmannschaft zieht erste Lehren aus dem Kollaps gegen Schweden. Die Lerngruppe ist allerdings stark dezimiert. Am Montag nominiert Löw auch noch Holtby als Nachrücker.

von , Amsterdam
© dpa Bundestrainer Joachim Löw muss das 4:4 gegen Schweden aufarbeiten - aber muss auf etliche Spieler verzichten

Den Kollaps gegen Schweden hat Mats Hummels auf dem Sofa erlebt. Kein schlechter Platz für einen Verteidiger, wenn aus einem 4:0-Vorsprung innerhalb von dreißig Minuten ein 4:4 wird. Sollte man meinen. „Ich wäre aber gerne dabei gewesen“, sagte der Dortmunder Innenverteidiger über die schwarze halbe Stunde der deutschen Nationalmannschaft. Und da Hummels ein ziemlich großes Selbstbewusstsein nachgesagt wird, durfte man gespannt sein, wie er vor dem Jahresabschluss an diesem Mittwoch gegen die Niederlande in Amsterdam auf die Frage reagieren würde, ob es mit ihm im Abwehrzentrum gegen Schweden vielleicht anders ausgesehen hätte, ob er in der Lage gewesen wäre, das Unheil abzuwenden.

Michael Horeni Folgen:

„Das hätte sehr gut auch mit anderen Spielern in der Abwehr passieren können“, sagte der Dortmunder - und sprach damit ganz lapidar die chronischen Schwierigkeiten an, die Deutschland in der Defensive zuletzt immer wieder befallen haben. „Es hat mit mir fünf Tore gegen die Schweiz gegeben“, fuhr er fort. „Und in der Ukraine haben wir auch mal 3:3 gespielt - da war ich auch dabei.“ Kein Einzelfall also, aber trotzdem ein unvergessliches Spiel in Berlin.

Eine inhaltliche Aufarbeitung der mangelhaften deutschen Widerstandskraft hat es in der Nationalelf aber bisher nur am Rande gegeben - und auch in Amsterdam ist bei der ersten Zusammenkunft seit dem Zusammenbruch von vor vier Wochen nicht viel zu erwarten. Die Trainer hätten zuletzt mit einigen Spielern telefoniert, sagte Manager Oliver Bierhoff am Montag, die sportliche Leitung habe deren Analysen aufgenommen und festgestellt, dass da einiges in der Problembetrachtung „übereinstimmt“.

Jung und Holtby als Nachrücker

In Amsterdam fehlt es Joachim Löw nun aber auch an ein paar wichtigen Ansprechpartnern, um den großen Reinfall in großer Runde zu besprechen. Am Montag ließen auch Mesut Özil und Miroslav Klose ihre Unpässlichkeit für die Nationalmannschaft in der aktuellen Klub-Hochphase mitteilen, und damit stieg die Anzahl der nicht verfügbaren Stammkräfte auf acht. Zum Wochenende hatten sich schon die Bayern-Profis Schweinsteiger, Kroos und Boateng sowie der Dortmunder Schmelzer abgemeldet, zudem fehlen zwei etablierte Kräfte (Khedira und Badstuber) schon länger. Löw entschied sich, den Frankfurter Sebastian Jung als Neuling sowie den Schalker Holtby ebenfalls von der U 21 auf die Schnelle zu holen.

Es war am Montag also an den professionellen Zuschauern im Kreis der DFB-Auswahl, die ersten theoretischen Lernergebnisse in defensiver Angelegenheit zu präsentieren. Hummels sprach davon, dass gegen Schweden ja nicht zum ersten Mal die Situation entstanden sei, „dass die letzten vier, fünf dumm ausschauen“ - und dafür mitunter „recht wenig können“.

WM-Qualifikation - Deutschland - Schweden © dpa Vergrößern Nachwehen: Das 4:4 gegen Schweden schmerzt noch immer bei der Nationalmannschaft

Die Abwehrspieler als alleingelassene Opfer einer funktionalen Störung des gesamten Systems - das scheint die Erkenntnis, die sich in der Nationalmannschaft mittlerweile durchgesetzt hat. Es gehe darum, die Angriffe vorher zu stoppen, damit die Abwehrspieler eben nicht in diese Situation kämen, „in der Angriffe nicht mehr zu verteidigen sind“, sagte Hummels. Das sei die vielbeschworene „Balance“, aber in so wenigen Trainingseinheiten sei das nicht leicht zu ändern.

Spagat zwischen spielerischer Eleganz und Effizienz

Manager Bierhoff hofft, dass die Mannschaft spätestens bis zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien lernt, „zu einem gewissen Zeitpunkt das Defensivverhalten in den Vordergrund zu stellen“. Es gehe um den Spagat zwischen spielerischer Eleganz und Effizienz. Aber „nur effizient“ funktioniere eben auch nicht, sagt Bierhoff, „das ist uns doch auch schon vorgeworfen worden“. Dann heiße es immer gleich: glanzlos. Der Bundestrainer, so Bierhoff, müsse seine offensive Philosophie weiterführen. Und die Defensivarbeit sei nicht nur in einem Mannschaftsteil zu verorten, sondern das Problem der gesamten Mannschaft. „Das ist der Hauptpunkt, den wir uns auf die Fahnen geschrieben haben. Das gilt es in den nächsten Spielen mit Inhalt zu füllen.“

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Und was ist eigentlich aus Fan-Sicht zum Berliner Zusammenbruch nach einer Stunde Hochglanzfußball zu sagen? Diese Rolle fiel in Amsterdam René Adler zu, dem Torwart-Rückkehrer nach zweijähriger Abwesenheit. Er habe dieses Spiel gegen Schweden noch aus „entfernterer Sicht“ wahrgenommen, sagte er. Noch vor vier Wochen habe er keinen Gedanken daran verschwendet, „so schnell zurückzukehren“, er habe die Partie, bei der sogar die Bundeskanzlerin beim vierten Tor der Schweden in der Schlussminute auf der Tribüne auflachte, „wie ein normaler Fan“ angeschaut.

Lewis Holtby © dpa Vergrößern Rückkehrer: Lewis Holtby rückt wegen der vielen Absagen ins Nationalteam nach

Er habe sich aber schon gefragt: „Was hättest du gemacht? Ist es normal, so was aus der Hand zu geben?“ Ist es natürlich nicht. Adler glaubt, dass die Mannschaft dann einfach zu „wenig gemacht“ habe, das sei menschlich. Als Besserwisser aber wollte der Torwart natürlich nicht auftreten, schon gar nicht von seiner Fernsehposition aus, so nach dem Motto: „Von der Couch hätte ich es so gemacht.“ Nach ein oder zwei Gegentoren hätte man, so Adler, aber schon für „fünf bis zehn Minuten Ruhe reinbringen“ müssen, um so die Angriffswellen der Schweden zu unterbrechen. Aber niemand gab das Signal dafür.

Am Mittwoch, so viel steht fest, hat es Adler von der Couch schon mal auf die Bank gebracht, vielleicht darf er auf der Suche nach Stabilität sogar im Tor mithelfen. Sein Optimismus ist auch nach dem Rückschlag gegen Schweden ungebrochen. Mit Rafael van der Vaart hat er schon auf einen deutschen Sieg gewettet. Der HSV-Spielmacher muss bei einem deutschen Sieg im Deutschland-Trikot ran: „Ich weiß, wie weh es ihm tut, als stolzer Holländer unser schönes Trikot zu tragen.“

Quelle: F.A.Z.

 

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