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Fußball-Nationalmannschaft Alle Macht für Löw

06.09.2010 ·  Vom Wackelkandidaten zum Dominator: Der Bundestrainer steht nach WM, K-Frage und gutem Start in die EM-Qualifikation stärker da als je zuvor in seiner DFB-Zeit. Das sorgt für neue Verhältnisse, auch im kleinen Führungskreis des Nationalteams.

Von Michael Ashelm
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Wenn Joachim Löw auf die WM zurückblickt und sagt, wie er die Zeit nach dem Turnier aus seiner persönlichen Sicht empfunden hat, dann hebt er stets hervor, wie belastend der Kraftakt doch für Körper und Geist gewesen sei. „Für uns alle waren die Wochen nicht leicht. Die sind nicht in ein paar Tagen einfach abzuhaken.“ Dies betonte der Bundestrainer noch einmal am Freitagabend, als in Brüssel der Start in die Qualifikation zur Europameisterschaft mit einem verdienten 1:0-Sieg gegen Belgien gelang und die Fußball-Nationalelf damit an die erfolgreichen Darbietungen in Südafrika anknüpfen konnte. Ihr wahres Leistungsniveau hätten seine Spieler längst nicht erreicht, einige seien erst vier Wochen wieder im Training und müssten sich weiter in Form bringen. „Deswegen kann auch nicht alles klappen“, sagte Löw.

Auf seine Mannschaft und die neunzigminütige Begegnung im Brüsseler König-Baudouin-Stadion bezogen, trifft diese Einschätzung vollkommen zu. Die Leistungen waren ansprechend, aber sind ausbaufähig. Die verschiedenen Mannschaftsblöcke funktionierten, die taktische Disziplin stimmte, aber einige individuelle Fehler oder Konzentrationsschwächen weniger gegen die couragierten und torgefährlichen Belgier hätten dennoch gutgetan. Doch es gibt eine weitere, wichtige Erkenntnis, die sich nicht nur aus diesem ersten Erfolg ergeben hat: Der Bundestrainer selbst steht stärker da als jemals zuvor in seiner Zeit beim Deutschen Fußball-Bund (DFB).

Dem langen WM-Turnier, der kurzen Phase, als nicht sicher erschien, ob Löw wirklich weitermachen wollte, und der knappen Regenerationszeit folgte die Festigung seiner Machtposition. Während der Bundestrainer vor einigen Monaten noch als Wackelkandidat gegolten hatte und selbst nach der grandiosen WM einige noch mit seiner Demission vom DFB rechneten, weil das Turnier solche Kraft gekostet hatte, ist das Gegenteil des Erwarteten eingetreten. Der schöne Start in die EM-Qualifikation, der durch einen Treffer von Miroslav Klose in der 51. Minute zustande kam, flankiert da nur Löws dominante Wirkung. Entspannt blickte der Bundestrainer nach dem Spiel in die nähere Zukunft. „Ich habe ein sehr positives Gefühl.“ Das sagte er bezüglich des sportlichen Potentials seiner Mannschaft.

Selbstbewusstsein der Jungen freut Löw

Es ist nicht nur, dass seine Elf von ihrer Spielweise und ihrem Engagement in Brüssel an die Darbietungen während des WM-Turniers erinnerte. Die Spieler haben das System ihres Trainers verinnerlicht und setzen dessen Vorgaben mit viel Einsatzbereitschaft um. Aber nicht nur in dieser Hinsicht macht sich der große Einfluss des Bundestrainers bemerkbar. Der einst so mächtige, aber durch eine langwierige Verletzung geschwächte Kapitän Michael Ballack, mit dem er offenbar nicht mehr plant, wurde von Löw zum Ersatzmann degradiert. Ob der bald 34 Jahre alte Mittelfeldstar überhaupt noch einmal in die Nationalmannschaft zurückkehrt, ist unsicher (siehe auch: Michael Ballack: Der Kapitän a. D. sucht den Ausgang)

Der Bundestrainer sagte am Wochenende nichts mehr zu Ballack, dafür Sami Khedira, der an der Seite des abermals souverän agierenden Mittelfeldregisseurs Bastian Schweinsteiger seit der WM den Platz des abwesenden Kapitäns einnimmt. „Michael Ballack hat genau den Anspruch, den ich auch habe, dabei zu sein und zu spielen. Es ist ein rein sportlicher Wettkampf“, sagte Khedira.

Solches Selbstbewusstsein bei seinen jungen Spielern wird den Bundestrainer freuen. Während Löw für sich und sein Team eine Antwort auf die Ballack-Frage gefunden hat, ist er auch im Umfeld der Nationalmannschaft in eigener Sache aktiv geworden. Dort, wo sein Zuständigkeitsbereich nicht mal ganz geklärt ist und wo seit Jahren mit Sportdirektor Matthias Sammer um die Kompetenzen gestritten wird. Nur durch Löws Patronage durfte der bislang erfolglose U-21-Nachwuchstrainer Adrion seinen Job behalten, womit der Bundestrainer seinen ewigen Möchtegern-Nachfolger Sammer abermals in die Schranken gewiesen und ihm zuletzt die schwerste Niederlage beigefügt hat. Er nutzte machtbewusst das „letzte Wort“, welches ihm vom Verbandspräsidenten Theo Zwanziger wohlwollend eingeräumt wird. Der DFB-Chef war auch in Brüssel beim Qualifikationsauftakt anwesend und schmeichelte dem starken Mann. „Joachim Löw ist das Beste, was uns auf dem Trainerstuhl passieren kann. Er ist einfach gut“, sagte Zwanziger.

Löw in vorderster Front

Selbst im kleinen Führungskreis der Nationalmannschaft, der seit jeher vertrauensvoll zusammenarbeitet und zusammenhält, sorgt Löws neue Machtposition für veränderte Bedingungen. Der bei einigen Verbandsfunktionären ungeliebte Manager Oliver Bierhoff, der nur durch den WM-Erfolg und mit Unterstützung des Bundestrainers wieder in die Position gekommen ist, dürfte sich - zumindest im öffentlichen Auftreten - in Zukunft hinter Löw zurücknehmen und wohl seltener streitbar an der Front wirken.

Am Dienstag (20.45 Uhr/ live im ZDF und FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) wird sich nach langer Abwesenheit erstmals zeigen, mit welcher Begeisterung die in der Ferne so erfolgreiche junge deutsche Nationalmannschaft zu Hause aufgenommen wird. Die zweite Begegnung in der EM-Qualifikation findet dann in Köln statt. Es ist das erste Heimspiel nach drei Monaten und nach der Weltmeisterschaft. „Wenn man so lange nicht im eigenen Land spielt, dann ist die Vorfreude besonders groß“, sagte Löw. Die Chancen stehen gut, dass der Bundestrainer auch diesmal keine persönliche Enttäuschung erleben wird und sein gutes Gefühl beibehält. Der Gegner heißt Aserbaidschan.

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