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Fußball-Nationalelf Klinsmann zu unamerikanisch?

08.01.2012 ·  Der frühere deutsche Bundestrainer eckt in den Vereinigten Staaten durch seine Suche nach Spielern mit ausländischen Wurzeln an. Auch vier in Deutschland geborene Kandidaten stehen auf der Liste.

Von Michael Horeni, Berlin
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© dapd Klinsmanns Doppelspiel: Wer zwei Staatsbürgerschaften hat, kommt eher an den Ball

Jürgen Klinsmann krempelt mal wieder um, diesmal den amerikanischen Fußball. Bei der erfolgreichen Erneuerung der deutschen Nationalelf und dem missglückten Versuch beim FC Bayern war dem schwäbisch-kalifornischen Reformer immer wieder vorgehalten worden, zu „amerikanisch“ an die Sache ranzugehen. In Amerika aber kommt nun manchen Leuten die Sache mit Klinsmann nach einem halben Jahr als Nationaltrainer ein bisschen zu unamerikanisch vor - viel zu europäisch, viel zu deutsch.

Kurz vor dem Jahreswechsel hat Preston Zimmerman die Kritik am Auswahlverfahren des amerikanischen Nationaltrainers auf die Spitze getrieben. Der frühere amerikanische U-23-Nationalspieler, der mittlerweile für Darmstadt 98 in der dritten Liga spielt, klagte über Twitter, dass es mittlerweile drei Voraussetzungen gebe, um unter Klinsmann amerikanischer Nationalspieler zu werden: „Sei ein Fake-Amerikaner, sei außerhalb der Staaten geboren und habe einen entfernten amerikanischen Verwandten.“ Zimmerman twitterte sich damit bis auf die Nachrichtenseiten von Fox News, dem Sprachrohr der amerikanischen Rechten.

Tatsächlich geht Klinsmann in Amerika wieder neue Wege. Auf dem Spielfeld markieren ihn vier in Deutschland geborene Spieler: Timothy Chandler vom 1. FC Nürnberg, Alfredo Morales von Hertha BSC sowie Fabian Johnson und Danny Williams von Hoffenheim. Dazu kommt mit Claudio Reyna (ehemals Leverkusen und Wolfsburg) als Direktor für Jugendfußball ein Helfer mit europäischer Erfahrung. „Er sammelt Erfahrungen und Eindrücke auf der ganzen Welt, er geht in die Jugendakademien. Das Ergebnis sieht so aus, dass es eine gewaltige Nachfrage nach amerikanischen Spielern gibt.“

Seit Anfang des Jahres ist zudem der Österreicher Andreas Herzog Klinsmanns neuer Assistent. „Wir sind dabei, das Gesicht der Nationalmannschaft zu verändern“, sagte Klinsmann in dieser Woche bei einer deutschen Telefonkonferenz. „Wir kommen dabei jetzt in eine sehr interessante Phase. Überall auf der Welt spielen Jungs mit doppelten Staatsbürgerschaften, auch in der Bundesliga. In Buenos Aires zum Beispiel gibt es zwei U-18-Spieler, die sehr interessant sind. Das geht bis runter in die U 18, U 17 und U 16.“

Klinsmann macht sich, anders als seine Vorgänger, gezielt auf die Suche nach diesen Talenten außerhalb des Landes. Weltweit gibt es rund 500 Kandidaten mit einer doppelten Staatsbürgerschaft, die meisten davon in Mexiko, aber rund hundert auch in Europa. „Das ist ein anderer Teil der amerikanischen Kultur, das ist das globale Fenster, das Amerika repräsentiert“, sagte Klinsmann unlängst über seine Sichtung jenseits der amerikanischen Grenzen. „Das sind Kinder, die durch das Militär mit ihren Eltern, aus beruflichen oder ganz anderen Gründen kamen. Sie sind in einem unterschiedlichen Erziehungs- und Bildungssystem groß geworden, was ihnen im Fußball mit den jeweiligen Leistungssystemen einen Vorteil gegenüber Kindern verschafft, die in Amerika groß werden.“

Im Oktober war Klinsmann mit dem Nationalteam an der Gedenkstätte des 11. September in New York. „Wir repräsentieren nur den Fußball in Amerika“, sagte Klinsmann dort, „aber wir haben hier eine Generation von jungen Leuten mit doppelter Staatsbürgerschaft. Das gibt uns ein tiefes Verständnis und eine tiefe Verbindung, wen wir repräsentieren - ein ganz besonderes und faszinierendes Land.“

Derzeit befindet sich Klinsmann mit seinem Team für knapp drei Wochen in Phoenix, im Hauptquartier des Fitnessunternehmens, das auch die deutsche Nationalmannschaft seit 2004 voranbringt. Zwei Länderspiele stehen danach Ende Januar auf dem Programm, gegen Venezuela und Panama. Die lange Pause der Liga muss dabei überbrückt werden, das große Ziel ist die WM 2014.

„Wenn du nur acht Monate Fußball im Jahr spielst, kannst du nicht Weltklasse werden.“ Gleichzeitig hat Klinsmann an diesem Wochenende die amerikanische U-19-Auswahl nach Sindelfingen geschickt, um auf einem Hallenturnier mit der „Crème de la Crème der Jugendmannschaften“ Erfahrungen zu sammeln, die der amerikanische Nachwuchs in der Heimat so nicht machen kann.

„Ein großes Problem ist, dass der Jugendfußball losgelöst ist von der Profivereinsstruktur. Es gibt viele Klubs, die gar keinen Erwachsenenfußball anbieten. Den Jugendmannschaften fehlen dann die weiterführenden Teams im Seniorenbereich. Hier sind die Strukturen nur dafür da, die besonders Begabten herauszufinden und ihnen ein Stipendium zu verschaffen“, sagt Klinsmann. Erst vor wenigen Jahren haben die Klubs der Major League Soccer begonnen, eigene Jugendakademien zu betreiben. „Das sind erste Schritte, aber es fehlen noch die festen Strukturen. Da haben wir noch einen langen Weg vor uns.“

Neben der Grundlagenarbeit sollen aber bald Erfolge und attraktives Spiel auf dem Platz zu sehen sein. Dabei sollen gerade die „Europäer“ helfen. Mittlerweile sind einige Amerikaner Stammspieler in europäischen Ligen, wo mit einem höheren Tempo als in den Staaten gespielt wird. „Der nächste Schritt wäre jetzt, dass wir diese Spieler auch gerne in der Champions League sehen würden. Aber es ist ein deutlicher Qualitätssprung zu sehen“, sagt Klinsmann. „Wir wollen nicht mehr nur auf Konterfußball lauern. Wir wollen mit den großen Nationen mitspielen.“

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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