Home
http://www.faz.net/-gtm-qerc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball Marco Reichs Pilgerfahrt ins Herz des Fußballs

18.05.2005 ·  Zurück zum Nullpunkt: Der Neubeginn eines deutschen Fußballprofis beim englischen Zweitligaklub Derby County.

Von Christian Eichler, Derby
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Jeder Fußballer kennt das: Wenn man sich festgerannt hat. Neu aufbauen, heißt es dann, "hintenrum" spielen. Marco Reich nennt es so: "Einen Schritt zurück, wieder bei null anfangen." Er meint keinen Spielzug, sondern eine ganze Karriere. Der Mann, der als Teenager Meister mit Kaiserslautern war, Nationalspieler unter Ribbeck, torloser Millionenkauf bei Aufsteiger Köln, Bankdrücker bei Meister Bremen - dieser Marco Reich entschied sich Anfang 2004 für die Null-Lösung: zweite Liga in England, einen Punkt vor einem Abstiegsplatz, und das in den reizarmen Midlands. Rückpaß, Neuaufbau einer Karriere.

"Ich wollte nicht mehr die ewigen Vorwürfe hören", sagt Reich, "mich nicht immer rechtfertigen." Das hat geklappt. "Ich habe wieder Spaß am Fußball." Er ist Stammspieler, ja Star bei Derby County. Vielleicht wird er diesen Donnerstag sogar eine Legende. Dann stehen die "Rams" (Widder) im Play-off-Halbfinale um den Aufstieg in die Premier League: "Endlich mal so ein Spiel mit dem Rücken zur Wand, in dem man unsterblich werden kann."

Spielfreude schon im Sitzen

Der Marco Reich von 2005 strahlt Spielfreude selbst im Sitzen aus; schon wenn er nur so dahockt im hochmodernen Trainingszentrum von Derby. Dort herrscht Champions-League-Niveau, bis hin zum überdachten Fußballfeld in voller Größe fürs Wintertraining. Der Klub hat ein modernes Stadion, gefüllt mit im Durchschnitt über 25000 Zuschauern. Und viel Tradition: Derby County ist 121 Jahre alt und war zweimal englischer Meister. Eine "Null-Lösung" ist es also wirklich nicht. "Doch es ist eben zweite Liga", sagt Reich. "Viel härter" als alles, was er kannte.

Wie fast alle, denen Fußball Herzenssache ist, schwärmt Reich von der englischen Erfahrung: Für jeden Zweifler am eigenen Fußball ist es eine Art Pilgerfahrt zum Herzen des Spiels. Und zur eigenen Mitte. Englischer Fußball, dazu ein schönes Haus, spazieren mit dem Hund, mit der Frau mal ein Ausflug nach Birmingham, mehr braucht Reich derzeit nicht: "Zum Golfen bin ich zu müde vom vielen Fußball." "Es ist ein einfacheres Leben hier", sagt er, "weniger Neid, man wird nicht ständig mit dem Geld konfrontiert". Anders als in Köln, wo er sich nach dem Weggang von Trainer Lienen und Manager Linßen, die ihn geholt hatten, von Angriffen der Boulevardpresse und der Fans "völlig überfordert fühlte".

In England genießen die Spieler mehr Respekt

Reich genießt es, daß in England mehr "das Gute, die Kunst des Fußballs gesehen wird"; daß die Spieler "mehr Respekt bekommen". Natürlich gibt es Schattenseiten; die ewigen Frotzeleien über den Krieg und das 5:1 von München, die Saufgelage und Schlägereien. Aber das sind Randerscheinungen. "Eigentlich", findet er, "sind die Engländer uns sehr ähnlich." Unterschiede liegen in der Fußballkultur. Es wird weniger gepfiffen und geschauspielert in England. Es wird schneller gespielt. Und öfter: Das Playoff-Halbfinale, in dem Derby ein 0:2 gegen Preston wettmachen muß, ist für Reich das 50. Pflichtspiel der Saison. Ausgerechnet jetzt sind der polnische Torjäger und der spanische Spielmacher verletzt - da kommt es noch mehr auf den Deutschen an, der sich mit seiner Vielseitigkeit als Flügelmann und Spitze unentbehrlich gemacht hat.

Der Sieger spielt am 30. Mai in Cardiff gegen den Gewinner des Duells Ipswich/West Ham um einen Platz in der Premier League, der Traumwelt fast aller Fußballprofis. "Ich träume natürlich davon, wieder erste Liga zu spielen", sagt Reich. "Aber realistischerweise wird das eher in Deutschland sein als in England oder Spanien." Er hat die Option, den Vertrag in Derby um ein Jahr zu verlängern. Der Klub möchte ihn gern gleich zwei Jahre behalten. Aber Reich hofft, daß sein Manager Klaus Gerster noch mehr Interessenten findet, nun, da er wieder im Gespräch ist.

Der Traum von der Premier League

"Eigentlich habe ich immer eine schöne Karriere gehabt", sagt der 27 Jahre alte Pfälzer, als wär's keine Zwischen-, sondern eine Schlußbilanz. "Wenn Außenstehende sagen: Der Reich hat es überall nicht gepackt, dann machen sie es sich zu einfach." Reich hat es in Derby gepackt. Rückpaß, Neuaufbau. Nun will er wieder angreifen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 3 4

Ergebnisse, Tabellen und Statistik