Jose Mourinho hat gern das letzte Wort. Dafür änderte er den Ablauf am Montag, um einen Tag vor dem Duell mit dem FC Barcelona nach dem Kollegen Frank Rijkaard zur Presse zu sprechen. Teil des psychologischen Spiels, das der Trainer des FC Chelsea vor wichtigen Partien zu entfalten pflegt. "Wenn ich zur Pressekonferenz vor dem Spiel gehe, dann hat die Partie im Kopf schon begonnen", sagt er wie ein Schachmeister, der entscheidende Vorteile sucht, bevor der erste Bauer gezogen ist. Dabei geht es weniger um die Wahrheit, eher darum, von ihr abzulenken. Die Lüge ist oft der schlauste Schachzug.
Für die Achtelfinal-Begegnungen in der Champions League mit Barcelona hatte Mourinho schon zum Hinspiel alles aufgefahren. Erst schmähte er Rijkaard als erfolglosen Trainer. Dann zog er eine beeindruckende Show ab, als er vor der ersten Partie im Stadion Nou Camp die Aufstellungen der beiden Teams wie ein Wahrsager aus dem Ärmel schüttelte - seine Vorhersage für das Barca-Team war korrekt, die fürs eigene dagegen gelogen. Ohne viel Phantasie erkannte man dahinter den Plan, den Gegner im Glauben zu lassen, Damien Duff sei wirklich verletzt - natürlich spielte er dann. Während der Partie veranstaltete Mourinho großes Geschrei um ein Händeschütteln zwischen Rijkaard und Schiedsrichter Frisk in der Pause. Mourinho behauptete, Rijkaard sei "fünf Minuten lang in der Kabine des Schiedsrichters" gewesen (was Rijkaard und Frisk als Hirngespinst abtun), und deshalb habe ihn der folgende Platzverweis für Chelsea-Stürmer Drogba "nicht überrascht". Chelsea schrieb eine Protestnote, erwartet aber selber Strafen, weil man die Pressekonferenz boykottierte.
Die Polizei schickte Mourinho in die Katakomben
Mourinho gilt vielen als arrogant, beteuert aber glaubhaft, daß sein Auftreten nicht persönlicher Eitelkeit, sondern dem mannschaftlichen Erfolg diene. Tatsächlich gelingt es ihm, mit seinen kontroversen Auftritten Druck von seiner Elf zu nehmen. Bei den hitzigen Duellen der letzten zwei Monate stand stets er allein im Mittelpunkt. Vor dem Spiel bei Arsenal soll er sich - unter Verstoß gegen Regeln der Premier League - mit Arsenal-Verteidiger Ashley Cole getroffen haben, was Mourinho aber mit dem Hinweis leugnete, er sei gar nicht in London gewesen, sondern in Mailand, um sich mit Inter-Stürmer Adriano zu unterhalten und "mein Portugiesisch zu üben" - ein Alibi, das wiederum von Inter-Präsident Facchetti erbost ins Reich des Märchens verwiesen wurde.
Im Ligapokal gegen Manchester schlug er Alarm, weil Trainer Ferguson mit dem Schiedsrichter gesprochen habe - weil Mourinho einige United-Spieler außerdem als "Betrüger" bezeichnete, ermittelte der Verband. Im Ligacup-Finale erzürnte Mourinho nach dem Ausgleich die Liverpooler Fans mit einer Geste, als er den Finger an die Lippen legte. "Jetzt seid ihr ruhig, was?", so mußte das verstanden werden. Die Polizei schickte Mourinho in die Katakomben. Er behauptete, die Geste habe nicht den Fans, sondern der Presse gegolten - die aber ganz woanders saß. Er stilisierte sich so als eine Art Ali für Arme, in Anlehnung an dessen berühmte Worte "Eat your words" (Eßt eure Worte) an die Journalisten nach dem Sieg über Sonny Liston, noch als Cassius Clay.
Reizklima auf Kindergartenniveau
Der Vergleich mit dem "Größten", der auch der Größte im Entnerven seiner Gegner war - er würde Mourinho gefallen. Vor dem Rückspiel gegen Barcelona versuchte er nun Ronaldinho zu reizen - der hatte sich trotz eines Angebots von Chelsea für Barcelona entschieden. Nun erklärte Mourinho, er wolle Ronaldinho sowieso nicht. Prima, antwortete Ronaldinho, er wolle Mourinho auch nicht. Ätschbätsch, so ist ein Niveau erreicht, das man gern als "Kindergarten" bezeichnet, wäre das nicht eine Beleidigung für Millionen von Kindern und Pädagogen.
Aber vielleicht ist es genau das Reizklima, das Mourinho wollte. Die Spanier zeigen sich jedenfalls hitzig erregt vom kalten Provokateur aus Portugal. Trainer Rijkaard erklärte pampig, das Derby gegen Espanyol sei viel schwerer als das Spiel gegen Chelsea. "Espanyol spielt viel besseren Fußball." Barca-Torjäger Samuel Eto'o, auch von Chelsea umworben, ehe die Londoner Drogba holten, kündigte an, Chelsea aus der Champions League zu schießen: "Ich werde sie bezahlen lassen dafür, daß sie mich nicht gekauft haben. Ich werde Mourinho zwingen, es zu bereuen." Bei alldem hat sich die Haltung der Spanier vor allem auf den "negativen" Fußball von Chelsea fixiert: dicht stehen, Spiel zerstören - während Barcelona für den "positiven", schönen Fußball stehe. Deswegen sollte sich ein zähes Verteidigen des 2:1-Vorsprungs an diesem Dienstag verbieten.
Kann Mourinho lernen, auch zu verlieren?
Das ist wohl exakt das Rollenspiel, das Mourinho erreichen wollte, denn sein Team hat ohne den verletzten Robben Schwierigkeiten gezeigt, dichte, zurückgezogene Abwehrreihen zu überwinden. Wenn er Barca dazu gebracht haben sollte, nicht nur das Weiterkommen, sondern auch die Demonstration überlegener Spielkunst im Sinn zu haben, es wäre ein psychologischer Vorteil vor dem ersten Schachzug. Wenn die Sache aber mißlingt, wird er die Prügel für die Arroganz erhalten.
Sein früherer Lehrmeister Bobby Robson, als dessen Assistent er beim FC Barcelona begann, mahnt ihn, man brauche "auch ein wenig Demut". Mourinho müsse "lernen, auch zu verlieren". Aber wer intelligent sei, könne das lernen, "und Jose ist sehr intelligent". Er ist intelligent genug, bald noch ein anderes Fußballspiel zu besuchen: zwischen Jugendteams aus Palästina und Israel. "Es wird mein bescheidener Beitrag zu Verständigung und Freundschaft zwischen diesen beiden Völkern", schrieb Mourinho in seiner Kolumne in einem portugiesischen Magazin. Der Provokateur als Friedensstifter - der Mann beherrscht seine Rollen.