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Fußball Lehmann übt sich in der Kunst des Verdrängens

22.08.2007 ·  Beim FC Arsenal unterliefen Jens Lehmann zum Saisonstart zwei für ihn selbst unfassbare Fehler, doch vor seinem „Heimspiel“ mit der Nationalmannschaft in England will Deutschlands Nummer eins von einer drohenden Formkrise nichts wissen.

Von Roland Zorn, London
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Er hat am vergangenen Freitag schon mal Mäuschen gespielt und seine erste Neugier befriedigt. Jetzt ist Jens Lehmann, der Londoner in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ganz gespannt auf das neue, dann pickepackevolle Wembley-Stadion.

An diesem Mittwoch (21 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker) kehrt der Besucher Lehmann zur Arbeit an einen der mythischen Orte des Sports zurück. Es gehört nicht viel Prophetie zu der Prognose, dass der 37 Jahre alte Torwart des FC Arsenal dann auch im Blickpunkt stehen wird. Persönliche Heldentaten verbindet Lehmann noch nicht mit Wembley. Bei seiner einzigen Dienstreise hierher im Jahr 2000, als Deutschland als letzter Gast im altehrwürdigen Wembley-Stadion 1:0 im WM-Qualifikationsspiel gewann, schaute kaum jemand auf den Schattenmann hinter dem breitschultrigen Zampano Oliver Kahn.

Gegenstand von Kritik und Häme

Das wird diesmal ganz anders sein, zumal Lehmann, beim FC Arsenal in der vergangenen Saison eine deutsche Bank an Verlässlichkeit, nicht gerade ideal in die Premier-League-Saison gestartet ist. Er musste sich in den vergangenen zwei Wochen zwei kapitale „Böcke“ anlasten lassen, die ihm in der Partie gegen den FC Fulham und bei den Blackburn Rovers unterlaufen waren. Beim ersten Mal war gleich der erste Ball drin, der auf ihn zukam, weil er sich „selbst angeschossen hatte“; beim zweiten Mal, als ihm der Ball in einer bizarr anmutenden Szene durch die Hände flutschte, war es „ein Fehler, den ich in meinem ganzen Leben nicht gemacht habe, weder im Training noch im Spiel“.

Kein Wunder, dass der Deutsche im Tor des Nordlondoner Traditionsklubs Gegenstand von Kritik und Häme wurde. Der stets leise und oft klug argumentierende Essener aber will danach reagiert haben wie jeder Fußballer, der peinliche Augenblicke kompensieren will. „Ich spüre keinen Druck“, sagte Lehmann am Tag vor seinem Heimspiel mit Deutschland in London, „weil ich nicht eine Zeile gelesen habe.“ Befürchtungen, bei Arsenal von den Konkurrenten Lukasz Fabianski oder Manuel Almunia abgelöst zu werden, hegt er genausowenig. „Das Leben geht weiter, ich bin nicht weiter beunruhigt“, kommentierte er seine selten so dicht gedrängten Momente der Schwäche, „diese Schnitzer waren zu simpel, als dass ich mir Sorgen um mein Spiel machen müsste.“

Eher kein „Freundschaftsspiel“

Torhüter brauchen ein hohes Verdrängungspotential, um dem Dauerdruck gewachsen zu sein, dem sie, zumal in der hin- und herwogenden Premier League, ausgesetzt sind. Also vertraut der in London heimisch gewordene Mann aus dem Revier darauf, dass ihn Trainer Arséne Wenger nicht in Frage stellt. An diesem Mittwoch bietet sich ihm, der von Wenger geholt wurde, weil er ein mitspielender, antizipierender, moderner Fußball-Torwart ist, die Chance, den deutschen wie den englischen Fans den alten, er würde wohl sagen: den wahren Weltklassetormann Jens Lehmann zu präsentieren. Schließlich erwartet bei diesem Duell zweier personell gebeutelter Mannschaften niemand ein „Freundschaftsspiel“ (Siehe auch: Ohne Muffensausen in den Fußball-Tempel). Das ist bei der uralten Rivalität der beiden Teams auch an einem Mittwoch im August, wenn es im neuen Wembley nur um die Ehre geht, nicht möglich.

Lehmann hatte vor ein paar Tagen in einem Interview mit einem britischen Fernsehsender die durch die Fußballgeschichte belegte Feststellung untermauert, nach der die deutsche Nationalmannschaft, wenn es darauf ankomme, mental stärker als die englische sei. Nach seinen eigenen Pannen ließ er sich am Dienstag nicht noch einmal auf eine derart eindeutige Behauptung ein, sondern sagte lediglich, „dass im englischen Team viele Spieler eine große Qualität“ hätten; warum sie ihre Fähigkeiten bei großen Turnieren so selten zeigten, wisse er auch nicht. „Ich hoffe nur, sie demonstrieren ihre Qualitäten auch morgen nicht.“

Hoffen auf den Faktor Zeit

Jens Lehmann spielt und macht Fehler; Timo Hildebrand macht keine Fehler, spielt aber (noch) nicht für den FC Valencia (Siehe auch: Der Sitzenbleiber: Timo Hildebrand), nun, da es ernst wird und die Saison auch in Spanien so richtig beginnt. Die Nummer zwei im deutschen Tor, die laut Bundestrainer Joachim Löw „einen maßgeblichen Anteil am Titelgewinn des VfB Stuttgart hatte“, wird am Sonntag gegen Villarreal zum Serienauftakt in der Primera División voraussichtlich auf der Bank sitzen. Am 37 Jahre alten valencianischen Platzhirschen Santiago Canizares ist der neun Jahre jüngere Odenwälder während der Vorbereitungszeit auf Anhieb nicht vorbeigekommen.

Fürs erste müssen der in seiner vorläufig letzten Bundesliga-Spielzeit herausragende Schlussmann wie auch Löw also auf den Faktor Zeit setzen. „Ich werde mich in Valencia durchsetzen – früher oder später“, sagt der blonde Deutsche am Beginn seines ersten Auslandsabenteuers. Der Bundestrainer sieht noch keinen Grund, das Gegenteil zu befürchten. „Jens Lehmann bleibt die Nummer eins“, bestätigt er die Hierarchie im deutschen Tor, „an Timo Hildebrands Qualitäten zweifeln wir nicht. Er wird um seinen Platz kämpfen und dabei nicht nachlassen.“

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