Home
http://www.faz.net/-gtm-q0a5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball Leben im vorgezogenen Ausnahmezustand

25.03.2005 ·  Zum Ärger mancher Vereine sind die deutschen Nationalspieler schon 15 Monate vor der WM mit den Vorbereitungen beschäftigt. Doch auch das Spiel gegen Slowenien wird keine Schlüsse auf Form und Fähigkeiten der Mannschaft zulassen.

Von Michael Horeni, Maribor
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft sind es noch fünfzehn Monate, aber in diesen Tagen scheint es manchmal schon so, als stünde das Spektakel unmittelbar bevor.

Vom Länderspiel an diesem Samstag in Slowenien war jedenfalls in der deutschen Nationalmannschaft kaum die Rede. Es ging vielmehr um die WM-Prämien, um Fitnesstests für die Weltmeisterschaft, um Gesundheitsvorsorge für 2006 und die mentalen Belastungen bei diesem Großereignis. Die Vorbereitung auf den Ausnahmezustand, soviel ist sicher, hat von der ersten Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes jedenfalls weit früher als in der Vergangenheit Besitz ergriffen.

Sogwirkung

Manager Oliver Bierhoff konnte sich noch gut daran erinnern, wie früher erst wenige Wochen vor den Großveranstaltungen die Prämienfragen geregelt wurden. Dieses neue Leben im vorweggenommenen Ausnahmezustand gefällt nicht jedem im deutschen Fußball. Felix Magath jedenfalls mäkelte abermals, daß ihm der WM-Hype in der Fußballrepublik Deutschland viel zu früh komme. Seit der vom Bundestrainer im vergangenen Oktober ausgegebenen Marschroute, den WM-Titel in Angriff zu nehmen, würden die Nationalspieler "an fast nichts anderes mehr denken", klagte der Trainer des FC Bayern München, "die lassen da ihre Konzentration".

Der Bundestrainer bittet um Nachsicht. Aber was soll er machen? Er verstehe die Schwierigkeiten der Vereinstrainer, "aber wir können uns diesem Großereignis nicht mehr entziehen", behauptet Jürgen Klinsmann. Was auf die Spieler im kommenden Jahr einstürze, werde jedes bekannte Maß übersteigen. Man müsse sich darüber im Klaren sein, daß in Deutschland in den "nächsten vierzig, fünfzig, sechzig Jahren" keine WM mehr stattfinden werde und dies wirklich das größte Ereignis für die Spieler sei. "Es ist enorm wichtig, daß wir früh mit dieser Vorbereitung anfangen. Wir werden uns noch alle wundern, wie schnell die 15 Monate vorbei sind."

Neuville, Kuranyi und Podolski im Sturm

In Slowenien aber sollen an diesem Samstag die fußballexistentiellen Überlegungen erst einmal auf die sportliche Wirklichkeit zurückgeführt werden. Klinsmann und sein Assistent Joachim Löw wollen das zweite Spielsystem mit drei Stürmern auf ihre Tauglichkeit testen. Diesmal sollen die Deutschen ihr offensives Glück mit Oliver Neuville, Kevin Kuranyi und Lukas Podolski versuchen. Über den jungen Kölner Stürmer geriet der ehemalige Angreifer Klinsmann regelrecht ins Schwärmen: "Er macht eine rasende Entwicklung durch. Der Kerl macht uns viel Spaß."

Der Bundestrainer wich in seiner Amtszeit erst zweimal von der anfänglich bevorzugten 4-4-2-Formation ab - und das ziemlich erfolgreich beim 3:0 in Japan und beim 2:2 zuletzt gegen Argentinien. "Wir haben die Spielertypen, die beide System spielen können", sagt Klinsmann, der nun daran geht, die taktischen Variationsmöglichkeiten noch zu erweitern. Aber ob mit zwei oder drei Angreifern, die Richtung bleibt bei der Nationalmannschaft ohnehin dieselbe: immer nach vorn.

Rekordprämie: 300.000 Euro für den Titel

Von diesem Mut zum Risiko ist mittlerweile selbst Sicherheitsfreund Oliver Kahn überzeugt. Auch bei dem Torwart, der nichts lieber als Spiele ohne Gegentor erlebt, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß erfolgreiche Nationalmannschaften nicht mehr abwartend zum Erfolg kommen. "Man hat nur eine Chance, wenn man das Spiel bestimmt und nach vorne spielt", sagt Kahn, der sich vom stürmischen, temporeichen Trend über neunzig Minuten bei der Europameisterschaft überzeugen ließ. "Das ist die Zukunft des Fußballs." Der ehemalige Kapitän hat sich jedoch angesichts der Aufbruch- und Jubelstimmung in Richtung 2006 - die nun auch eine Einigung auf die Rekordsiegprämie von 300.000 Euro für den Titel (2002 wären es nur 92.000 gewesen) möglich machte - noch eine gesunde sportliche Skepsis bewahrt.

Testspiele bleiben trotz aller Überhöhungsversuche eben Testspiele. "Wir haben keine Spiele unter absoluten Druckbedingungen", sagt Kahn, und daher könne er auch nicht sagen, wo die Mannschaft derzeit in der Vorbereitung auf die WM wirklich stehe. Erst der Confederations Cup könne dafür erste taugliche Indizien liefern, und das "Geheimnis" des "Rhythmuswechsels" müßten sie auch noch lernen. Die Sorgen seines Vereinstrainers, der Tunnelblick Richtung 2006 raube den Spielern im Alltag die Konzentration, konterte Kahn ganz locker. "Die Kritik kann ich absolut nicht nachvollziehen", sagte der Torwart. Denn die Spieler müßten Topleistungen nicht nur bei der Nationalelf bringen, sondern auch in den Vereinen. Die Bundesligaklubs sollten endlich begreifen, "daß sie von der Zugkraft der WM schon jetzt profitieren". Klarer hätte das sein Chef auch nicht sagen können.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. März 2005
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr

Ergebnisse, Tabellen und Statistik