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Finanznot Angriff auf Schalke

25.10.2009 ·  In seiner größten Finanznot wird Schalke 04 zum Spekulationsobjekt. Jetzt wird bekannt, dass der Revierklub für die Lizenz doch Auflagen zu erfüllen hat. Deren Einhaltung wird demnächst überprüft.

Von Michael Ashelm und Richard Leipold
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Bald ist wieder Drückjagd auf dem Darß. Dorthin pflegt Clemens Tönnies, der Aufsichtsratsvorsitzende des FC Schalke 04, in jedem Herbst seine waidmännischen Freunde und Geschäftspartner einzuladen. In guten Zeiten war auch Theo Paeffgen unter den Gästen, die in Mecklenburg auf Rot- und Schwarzwild anlegen. Jagdfreunde schildern Paeffgen als angenehmen Gast, der in Wald und Flur eine ruhige Hand hat. Dieses Mal, am vorletzten November-Wochenende, wird Paeffgen wohl nicht dabei sein. In einem anderen Revier, das Tönnies unter sich hat, ist der Rechtsanwalt aus Bonn nicht mehr allzu gern gesehen - „auf“ Schalke. Jahrelang hatte Paeffgen dem Bundesligaklub wertvolle Dienste geleistet, doch vor kurzem ist er bei den Vereinsoberen in Ungnade gefallen. Sie haben ihm das Mandat entzogen.

Der Anwalt, dem beste Kontakte zu internationalen Finanzplätzen nachgesagt werden, hatte eine wichtige Rolle gespielt bei dem Ruhrgebietsverein. Als Kenner des angelsächsischen Rechts hat Paeffgen die sogenannte Schechter-Anleihe mit einem Volumen von 85 Millionen Euro juristisch begleitet, den größten Kredit, den der Klub je erhalten hat - vor mehr als sechs Jahren auf Vermittlung des Londoner Finanzmaklers Stephen Schechter. Solange das Schalker Fußball-Volkstheater auf europäischen Bühnen auftreten durfte, waren alle zufrieden, obwohl die Kosten explodierten. Wenn es eng wurde, wusste Schechter Rat. So vermittelte er Anfang 2007 eine große englische Bank als Partner, die Sockelbeträge aus dem bis 2012 laufenden Vertrag mit Hauptsponsor Gasprom auf einen Schlag zur Verfügung stellte (rund 43 Millionen Euro) und sich dafür Ansprüche gegen das russische Energieunternehmen übertragen ließ.

Paeffgens Coup ist gescheitert

Seit der einstige Arbeiterverein nur noch eine nationale Größe ist, wird über Liquiditätsengpässe spekuliert. Und wie diese Zeitung jetzt aus Klubkreisen erfuhr: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat dem FC Schalke vor dieser Saison die Lizenz nur unter Auflagen erteilt. Deren Einhaltung wird demnächst überprüft. Unterdessen hat Paeffgen, mitten in Tönnies' Fußballrevier, zum Halali geblasen. Aus seiner Anwaltsresidenz im Bad Godesberger Villenviertel wollte er mehr Einfluss über Schalke ausüben, als der Klubführung recht war. Angeblich hat der Advokat umfangreiche Kompetenzen im Verein angestrebt.

Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, wollte Paeffgen „Bevollmächtigter werden“ und gemeinsam mit Sportdirektor Felix Magath, dem neben Tönnies mächtigsten Mann auf Schalke, den Klub vertreten. Der Coup ist gescheitert. „Dieser Verein lässt sich nicht von außen reinregieren, die Karawane zieht weiter“, heißt es aus dem Aufsichtsrat.

Interne Informationen landen bei Externen

Angriff abgewehrt. Doch es scheint, als könnte der Klub in seiner Not zum Spekulationsobjekt werden. Schechter soll angeregt haben, Geschäftsführer Peter Peters Kompetenzen zu entziehen. Davon hätte auch Paeffgen profitieren können. Im Verein wundert man sich darüber, dass interne Informationen, die der Anwalt verschickt hat, nicht nur beim Adressaten Tönnies oder bei anderen Mitgliedern des Aufsichtsrates gelandet sind, sondern auch bei einer Zeitung. Schechter sei letztlich „ein Lieferant“, schimpft ein Mitglied des Aufsichtsrates. Er verdiene an Schalke gutes Geld und habe keinen Grund, sich zu beklagen.

Die jüngst verbreitete Einschätzung, es ginge beim Machtspiel um Postengeschacher, erweist sich als naiv. Mit ein Grund für Schechters vorerst abgewehrten Vorstoß dürfte die Aussicht auf weitere Provisionen für neue Finanzierungen gewesen sein. Es dürfte Schechter nicht um das Wohl des Klubs gehen. Auch die von Paeffgen angeblich ins Spiel gebrachte Umwandlung des Arena-Eigentums in eine Immobilien-AG wäre wohl nicht zu seinem Schaden gewesen. Ging es ums Abkassieren von Plazierungsprovisionen, Vermittlungshonoraren, Renditebeteiligungen? Weder Schechter noch Paeffgen waren zu einer Stellungnahme bereit.

Umsatzmilliardär Tönnies gibt sich zuversichtlich

Wie auch immer: Der Klub und auch Peters haben dem Druck standgehalten. Trotz der Bedenken, die Schechter offenbar hegt, trauen die Vereinsoberen dem Diplom-Kaufmann durchaus zu, sich in die komplizierte Materie einzuarbeiten, die Peters von Josef Schnusenberg, dem früheren Finanzvorstand, übernommen hat. Schnusenberg hat sich inzwischen auf repräsentative Aufgaben beschränkt, freiwillig, wie er betont. Solange Peters das Wohlwollen von Tönnies und Magath genießt, gilt seine Position als gesichert. Unabhängig davon, wie Peters bei der Erschließung neuer Geldquellen vorankommt, spielt Schalke wohl nicht ohne Absicherung. „Solange Tönnies Vorsitzender des Aufsichtsrates ist, kann Schalke nicht untergehen“, heißt es im Verein. Der Fleischfabrikant steht in dem Ruf, gelegentlich auszuhelfen, wenn das Geld allzu knapp wird.

Im Gespräch mit dieser Zeitung zeigt sich Umsatzmilliardär Tönnies überaus zuversichtlich. Er habe „null Anlass zur Sorge“, sagt er und fügt hinzu, er sei „kein guter Schauspieler“. Es gehe darum, „alles zu hinterfragen und den Verein wieder auf gesunde Füße zu stellen“. Tönnies behauptet, es genüge, „Ausgaben und Einnahmen in Einklang zu bringen“, vor allem also den immensen Personalaufwand zu senken, im Vorjahr rund 69 Millionen Euro. Das ist bisher nicht gelungen, zumal zu Saisonbeginn noch Trainer Magath und sein Mitarbeiterstab hinzugekommen sind, die Gehälter von insgesamt neun bis zehn Millionen Euro im Jahr beziehen sollen.

Gesamtschulden von mindestens 230 Millionen Euro

Ob der jüngste Vorstoß aus Richtung London und Bonn der letzte ist, vermögen selbst Kenner der Verhältnisse schwer einzuschätzen. Möglicherweise bietet der Schuldenberg von aktuell 137 bis 140 Millionen Euro Flanken für weitere Attacken, zumal die Finanzierung der Veltins-Arena noch erhebliche Mittel erfordert. Das Stadion, zu gut drei Vierteln im Eigentum des Klubs, ist noch nicht abbezahlt. Die Finanzierung läuft voraussichtlich bis Ende 2015. Dieser zweite Schuldenkomplex des Klubs wird auf rund 88 Millionen Euro taxiert.

Andererseits stehen den Gesamtschulden von mindestens 230 Millionen Euro erhebliche Werte gegenüber. Der Verein könnte sich zur Schaffung von Liquidität von seinen wertvollsten Spielern trennen, auf diese Art Millioneneinnahmen erzielen und gleichzeitig Personalkosten senken. Über den Weggang des Rechtsverteidigers Rafinha ist schon im Sommer spekuliert worden. Mit einem Transfer von Manuel Neuer, für den sich der FC Bayern interessiert, ließe sich wohl ein Erlös in zweistelliger Millionenhöhe erzielen, doch gilt der Verkauf des Torwarts in Schalke unter sportlichen Gesichtspunkten als „Katastrophenlösung“. Neuer, der seit dem fünften Lebensjahr für „Königsblau“ spielt, symbolisiert die Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft. Der aufstrebende Jungstar ist emotional eng mit der Anhängerschaft verbunden.

„Warum muss der Verein ein Catering-Unternehmen haben?“

Auf der Suche nach Geld könnten die Verantwortlichen des FC Schalke noch ihr Konglomerat von Tochterfirmen durchforsten. Kein anderer Klub in Deutschland hat sich ein solch verzweigtes Netz von Beteiligungen geschaffen; sie schlagen derzeit mit einem Wert von 110 Millionen Euro zu Buche und warfen zuletzt einen Gesamtertrag von rund sechs Millionen im Jahr ab. Die eine oder andere erfolgreiche Gesellschaft könnte herausgelöst und zu frischem Geld gemacht werden. „Warum muss der Verein ein eigenes Catering-Unternehmen haben? Weshalb muss der Verein alle Gebäude besitzen oder die Eintrittskarten für die vielen Veranstaltungen in der Arena selbst verkaufen?“, fragt Finanzexperte und Schalke-Mitglied Günter Vornholz. Der Banker glaubt aufgrund der Vermögensverhältnisse an eine Lösung des Liquiditätsproblems, rät dem Verein aber, sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin „Forbes“ schätzt den Gesamtwert des FC Schalke 04 auf 510 Millionen Dollar und rechnet den Traditionsverein zu den zehn wertvollsten Fußballklubs der Welt.

Bislang verteidigt der FC Schalke sein Firmennetz, vor allem seine Eigenständigkeit, die aber in der Vergangenheit im Zweifel durch Verschuldung gesichert wurde. Dabei entwickelte der versierte Steuerberater Schnusenberg, der noch immer Vorstandsvorsitzender ist, viel Phantasie. „Er war immer besonders kreativ, wenn es darum ging, an Geld zu kommen, aber er hat es nicht geschafft, das Geld zusammenzuhalten“, sagt ein Mitglied des Aufsichtsrats: „Es war immer schnell wieder weg.“ Das hat manchem Kontrolleur nicht gefallen, anderseits hat Schnusenbergs Geldbeschaffung den inzwischen beurlaubten Sportdirektor Andreas Müller in die Lage versetzt, auf dem Transfermarkt als Käufer aufzutreten, wenn auch wenig effektiv. Von den insgesamt 30 Millionen Euro, die Schalke im vergangenen Jahr an neuen Schulden aufgenommen hat, wurde der größte Teil in neues Spieler- und Trainerpersonal gesteckt, ohne dass sich der angekündigte sportliche Erfolg eingestellt hätte. Diese Risikostrategie hat Schalke noch tiefer in die roten Zahlen manövriert.

Es könnte zum „sofortigen Abzug von Gewinnpunkten“ kommen

Bankkredite dürften derzeit für den Klub nicht leicht zu bekommen sein. Unabhängig davon laufen Gespräche der Schalker mit der Stadt Gelsenkirchen, die angeblich bereit ist für „Hilfestellungen“. Zu hören ist von Überlegungen eines Einstiegs des städtischen Energieunternehmens GEW. Vielleicht als Arena-Mitbesitzer? Wie diese Zeitung erfuhr, denken die Schalker nämlich konkret über den Verkauf von weiteren Kommanditanteilen an der Stadionbesitzgesellschaft nach - angeblich bis zu einer Höhe von 20 Millionen Euro.

Ob die finanzielle Schieflage zum akuten Notfall wird, bringt nun die bevorstehende Liquiditätsschau der DFL zum Vorschein. Die Ligaorganisation will nichts zum Thema Schalke sagen. Peters, auch Vizepräsident des Ligaverbandes, erwähnte jüngst, der Klub habe bis zum 31. Oktober Zeit, das aktuelle Zahlenwerk und die Prognosen für die nächsten Monate einzureichen. Das gilt auch für mehr als zwanzig andere Vereine aus der ersten und zweiten Liga. „Es ist schon so, dass die im Frühjahr erstellte Planung eines Klubs für die bevorstehende Saison stark abweichen kann von der dann eintreffenden Realität. Deshalb haben wir die Nachlizenzierung zur Analyse der gegenwärtigen Situation eingeführt. Dieses Verfahren hat sich sehr bewährt, was auch die Rückmeldungen der Klubs bestätigen“, sagt der zuständige DFL-Geschäftsführer Christian Müller ganz allgemein. In den Statuten steht, dass die Nichterfüllung wichtiger Auflagen zum „sofortigen Abzug von Gewinnpunkten“ führen kann. So weit wird es bei Schalke nicht kommen - glaubt man den Verantwortlichen. Aber die Jagd wird weitergehen in Tönnies' Revier, die Jagd nach den Millionen, die dem zweitgrößten deutschen Fußballklub das Überleben sichern sollen.

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