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Fußball-Kommentar Die Zeit ist abgelaufen

 ·  Michael Ballack könnte sich jetzt als Gewinner fühlen. Joachim Löw schenkt ihm als DFB-Kapitän sein Vertrauen. Der Bundestrainer sendet indirekt aber schlechte Signale. Ballacks Zeit dürfte bald ablaufen.

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Die sportliche Botschaft, die Joachim Löw neben der Entscheidung in der Kapitänsfrage nach mehr als zwei Monaten Bedenkzeit unter das Fußball-Volk gebracht hat, dürfte bei Michael Ballack angekommen sein: Seine Zeit in der Nationalmannschaft ist abgelaufen - auch wenn er offiziell die Bezeichnung Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach dem nur formal gescheiterten Übernahmeversuch von Philipp Lahm weiter behalten darf. Denn wie oft der alte Capitano diese Rolle nach 98 Einsätzen in der deutschen Auswahl künftig tatsächlich noch wird ausfüllen dürfen, ist eine ganz andere und für Ballack ziemlich bange Frage. Dabei geht es nun nicht mehr um alte Verdienste und um Stilfragen, sondern nur noch um frische Belege der eigenen Leistungsfähigkeit. Der Bundestrainer hat zwei Tage vor dem Beginn des neuen Turnierzyklus auf seine Weise schon erkennen lassen, wohin für ihn die Reise Ballacks auf dem Weg zur EM 2012 in Polen und der Ukraine geht. Er sagte in schonungsloser Offenheit, dass der Kapitän derzeit nicht in der Lage sei, dem Team weiterzuhelfen. Löw sagte das sogar zweimal.

Die Darstellung des Bundestrainers entspricht den Tatsachen. Aber wer als Trainer große Erwartungen und Hoffnungen in einen nach einer Verletzung um Form ringenden Spieler setzt, der würde natürlich anders über Ballack reden als Löw das getan hat. Ein solcher Trainer würde davon sprechen, wie sehr man sich auf sein Comeback freue und wie sehr die Mannschaft von seiner Rückkehr profitieren würde. Löw sagte das ausdrücklich nicht. Und er würde auch lügen, wenn er das täte. Denn in der Nationalmannschaft wird Ballack nicht vermisst - und der Glaube, dass die prägende Figur des vergangenen Jahrzehnts bei der EM mit fast 36 Jahren noch für einen Qualitätssprung sorgen könnte, ist dort auch eher gering ausgeprägt.

Kapitän ohne Reich

Es spricht viel dafür, dass Lahm nicht nur bei den beiden Qualifikationsspielen gegen Belgien und Aserbaidschan als Kapitän auftritt. Auch bis zum kommenden Doppelspieltag in einem Monat gegen die Türkei und Kasachstan dürfte es für Ballack schwer werden, sich in Leverkusen auf ein sportliches Niveau heranzuarbeiten, das den Bundestrainer zwingen würde, seine WM-Stammformation mit Schweinsteiger und Khedira wieder aufzulösen. Der Kapitän muss sich jetzt sportlich hinten anstellen - da nutzt die Binde nichts.

Aus eigener Kraft, so steht zu vermuten, wird Ballack die Rückkehr in die Start- und Stammformation nicht mehr gelingen. Schwere sportliche Rückschläge sind gegen Belgien und Aserbaidschan nicht zu erwarten - wie sollten sie auch aussehen, damit die Fußballnation für eine Rückkehr des Kapitäns plötzlich auf die Straße ginge? Und selbst wenn Khedira bei Real Madrid öfter auf der Bank landen sollte, macht das den Weg für Ballack nicht automatisch frei. Löw lobte Khedira in höchsten Tönen - das vergaß der Bundestrainer nicht zu erwähnen im Kreis der Nationalmannschaft, aus der Ballack vor drei Monaten weder als Spieler noch als Spielführer wegzudenken war. Jetzt ist er nur noch ein Kapitän ohne Reich.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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