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Fußball Klinsmann lockert sein Stammplatzgebot

06.10.2005 ·  Der Bundestrainer hatte in dieser Saison immer wieder gefordert, daß seine Nationalspieler in ihren Klubs Stammplätze einnehmen müßten und eine „dominierende Rolle“ spielen sollten. Die Realität sieht im Herbst der WM-Saison für seine Kandidaten an vielen Schauplätzen ganz anders aus.

Von Michael Horeni, Hamburg
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Vier Tage vor dem Länderspiel in der Türkei wurde ziemlich offensichtlich, wie sehr die Medien dem deutschen Bundestrainer schon auf den Leib gerückt sind. Aber diesmal, während der Hamburger Fitnesstage vor dem Test am Samstag in Istanbul, hat es Jürgen Klinsmann gar nicht anders gewollt. Der Bundestrainer und seine Helfer hatten am Dienstag zur Abwechslung einmal ins Hamburger Literaturhauscafe zum Gespräch geladen, und so fühlte sich Klinsmann, obwohl buchstäblich eingekeilt zwischen "Bild" und "Hamburger Abendblatt" und von Dutzenden Reportern, Fotografen und Kameraleuten in die Enge getrieben, noch immer recht wohl in dieser medialen Zwangslage.

Durch die ungewöhnliche Nähe zu den Kritikern, erzwungen allein durch die beengten Räumlichkeiten, ließ sich Klinsmann natürlich nicht zu Gefälligkeiten verleiten. Aber ganz so glashart, wie er in den letzten Monaten tat, wenn es um angeblich unverrückbare sportliche Kriterien für die Berufung in den Weltmeisterschaftskader ging, argumentierte Klinsmann vor dem letzten Doppelspieltag des Jahres nicht mehr (Siehe auch: Nationalmannschaft: Fitnesstests für die gläsernen Athleten).

Spieler ohne Stammplatz im Klub

Er hatte in dieser Saison immer wieder gefordert, daß seine Nationalspieler in ihren Klubs Stammplätze einnehmen müßten und nach Möglichkeit eine "dominierende Rolle" spielen sollten. Die Realität sieht im Herbst der WM-Saison für seine Kandidaten an vielen Schauplätzen, ob nun beim FC Bayern München, dem FC Chelsea oder beim VfB Stuttgart, ganz anders aus. "Der ein oder andere kommt nicht so zum Zug, wie er sich das vorstellt", sagt Klinsmann. "Es ist möglich, daß wir auch mit einem Spieler zur WM fahren, der im Verein keinen Stammplatz hat."

Besonders schwierig stellt sich die Lage für Robert Huth da. Der 21 Jahre alte kantige Innenverteidiger kommt beim englischen Meister Chelsea über Kurzeinsätze auch in dieser Saison nicht hinaus. Klinsmann ist mit seinem Vereinstrainer Jose Mourinho ständig in Kontakt, doch zu mehr Spielen für Huth führt die Verbindung natürlich nicht. Trotz seiner mangelnden Praxis und der eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeit gehört Huth nach seiner Pause gegen die Slowakei (0:2) und gegen Südafrika (4:2) wieder zum Kader für die Spiele gegen die Türkei sowie am Mittwoch darauf in Hamburg gegen China. "Wenn ein Robert Huth einen Carvalho und einen John Terry vor sich hat, muß man Realist sein. An diesen beiden Weltklasseleuten kommt er derzeit nicht vorbei - und das tut uns ein bißchen weh für ihn. Jetzt müssen wir sehen, wie wir damit umgehen", sagt der Bundestrainer (Siehe auch: Fußball: Metzelder springt ohne Ansprüche auf WM-Zug)

Pluspunkte für Huth

Die Nominierung von Huth will Klinsmann als Zeichen für dessen günstige WM-Zukunft verstanden wissen - ebenso wie für die anderen 20 Profis. "Es war wichtig, daß der engere Kader sieht, daß er die Nase ein bißchen vorne hat gegenüber dem erweiterten Kader von 35 bis 40 Leuten. Das war schon ein sehr deutliches Zeichen. Wir versuchen jetzt, was die Startformation und den Kern der Mannschaft betrifft, einen gewissen Rhythmus aufzunehmen", sagt Klinsmann neun Monate vor der WM. "Was aber nicht heißt, daß wir nicht weiter Dinge ausprobieren."

Es dürfte für die diesmal nur zum Fitnesstest oder gar nicht berücksichtigten Konkurrenten sehr schwer werden, sich bis zum Saisonende noch in die Mannschaft zu spielen, auch wenn der Bundestrainer rhetorisch "die Tür offen" hält für alle potentielle Kandidaten. Schon für den nun dritten Fitnesstest hatte Klinsmann seinen Kader von zuletzt 35 auf nur noch 26 Spieler reduziert. "Die Trainer haben damit ein klares Zeichen gesetzt. Sie haben schon einen Stamm im Kopf", sagt Manager Bierhoff.

Rückkehr der Aussortierten

Die Rückkehr der Aussortierten in den WM-Kader ist nun an Bedingungen geknüpft, die im Vergleich zur ersten Test- und Experimentierphase deutlich härter zu erfüllen sind. Denjenigen, die in Istanbul und Hamburg nicht dabei sind, bleiben auch nur noch drei Länderspiele - eins im November, zwei im März 2006 -, um direkt bei Klinsmann ihre persönliche Qualifikation voranzutreiben. Nur wer "über einen längeren Zeitraum überdurchschnittliche Leistungen bringt", so Klinsmann, gerate noch ins Blickfeld. Es bedürfe daher "schon einer gewissen Konstanz" und "ständiger Topleistungen" im Klub, wie er sagt. Nur wer diese Voraussetzungen mitbringt, besitzt noch eine Chance. "Dann halten wir uns selbst Anfang Mai die Option noch auf, zu sagen: Den nehmen wir mit."

Klinsmanns WM-Expedition machte sich schon in Hamburg zielstrebig auf den Weg. Am Abend bekam sie im Hotel Besuch von Stefan Glowacz, dem bekanntesten deutschen Extremkletterer. Er sollte erzählen, was so alles passiert, wenn man für ein Projekt zwei Monate zusammen in einem kleinen Zelt leben muß, und welche Herausforderungen sonst noch unter extremen Bedingungen warten. Der programmatische Titel seines Vortrags lautete: "Wie plant man eine schwierige Expedition?"

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Oktober 2005
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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