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Fußball-Jahreschronik Das Leben des David

28.12.2004 ·  Er ist der spektakulärste Elfmeterverschießer, der sportlichste Hemdenverkäufer und der fleißigste Doku-Soap-Stofflieferant der Welt. Hinter David Beckham liegen zwölf harte Monate.

Von Christian Eichler
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Vor einem Jahr stand an dieser Stelle "Das Leben des Diego", die abenteuerliche Jahreschronik des unvergleichlichen Maradona. Inzwischen steht der kugelige Argentinier aber längst im Schatten eines anderen: des spektakulärsten Elfmeterverschießers, sportlichsten Hemdenverkäufers und fleißigsten Doku-Soap-Stofflieferanten der Welt. Hier seine wahre Geschichte, der etwas andere Jahresrückblick: Das Leben des David.

Januar: Dichtung

In Deutschland erscheint "Mein Leben" von David Beckham - eine Übersetzung aus dem Englischen, in dem es inzwischen fast zwei Dutzend Bücher über Beckham gibt. Die literarische Welt ist gespalten, das "Deutsche Handwerkblatt" immerhin preist den Autobiographen: "Er trifft nicht nur Papierkörbe, sondern auch den Zahn der Zeit." Letzterer nagt allerdings: Real Madrid verliert die Tabellenführung. Der blasse Beckham verdient sich den Beinamen "Der Unsichtbare".

Februar: Dschungel

Katie Price, in Deutschland als "Boxenluder" neben Ralf Schumacher bekanntgeworden und seitdem operativ weiter expandiert, palavert in der englischen Version der "Dschungelshow" ("Ich bin ein Star, holt mich hier raus") von einer angeblichen Affäre mit Beckham. Der Fußballstar, der allein in Madrid lebt - Frau und Kinder wohnen noch in England -, läßt seinen jeder Frauenaffäre unverdächtigen Freund Elton John dementieren: "David ist viel zu gut für Katie."

März: Frisur sitzt

Im Hinspiel im eisigen München ist Beckham glimpflich davongekommen: In seiner besten Szene fand er den verlorenen Zopfgummi im Gras wieder, und dank Kahns Krabbler beim Kullerfreistoß holte Real gegen die besseren Bayern ein 1:1. Das Rückspiel in Madrid gewinnen sie sogar. Es wird Reals einziger Sieg gegen einen von Europas Topklubs im Jahr 2004 bleiben.

April: Frauen reden

Fette Beute für den Boulevard: Rebecca Loos, Beckhams "persönliche Assistentin", stößt sich mit den Enthüllungen über ihre angebliche Affäre mit dem Ballstar gesund. Die Dame verkauft ihren "Sex-SMS"- Schriftverkehr mit Beckham und plaudert in TV-Interviews. Victoria Beckham sitzt sauer in "Beckingham Palace", dem Familienanwesen in Nordengland, und nennt die Rivalin eine "dumme Kuh".

Als der saftige Medienstoff ausgeht, legen andere mit angeblichen Beckham-Bettgeschichten nach: die Pastorentochter Sarah, die Anwaltstochter Celina, schließlich die Visagistin Danielle, die mindestens zwei ihrer "Schönheitsbehandlungen" des Fußballers über das geschäftlich übliche Maß hinaus vertieft haben will.

Mai: Weltraumschrott

Das "Time Magazine" führt unter den hundert "einflußreichsten lebenden Personen" nur zwei Deutsche auf, Joschka Fischer und Jürgen Habermas. Mit dabei, einflußreicher als Kanzler Schröder also: David Beckham. Wo sieht man diesen Einfluß? Zum Beispiel bei den Modenschauen in Paris und Mailand, deren Kreationen der Aura des "Metrosexuellen" nachspüren.

Hinter diesem Begriff verbirgt sich nicht das Thema Erotik im öffentlichen Nahverkehr, sondern ein Trend, den angeblich Beckham macht, dem aber eigentlich nur Beckham folgt: der männliche Metropolist, der wechselnde Frisuren, teure Wäsche und Nagellack trägt, ohne schwul zu sein.

Wo endet Beckhams Einfluß? Auf dem Fußballplatz. Real beendet die Saison mit fünf Niederlagen nacheinander, Negativrekord in 75 Jahren, und ohne Titel. Beckham fällt nur einmal auf. Er fliegt in Murcia vom Platz, und das nur wegen Lernfähigkeit: Nach einem Jahr Spanisch-Lektionen gelingt es ihm, den Linienrichter so zu beschimpfen, daß der es versteht: als "hijo de puta" (Hurensohn). "Dieses Madrid ist Unfähigkeit in Potenz", schreibt "Marca" über die Landung der "Galaktischen": "Es bleiben nur noch Trümmer."

Juni: Raketenschuß

In seinem Buch "Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell" erinnert Klaus Theweleit daran, wie England die große WM-Chance 2002 verspielte: indem Beckham bei Führung gegen Brasilien ein Tackling mädchenhaft mied. Ronaldinho nahm sich den Ball, Brasilien traf, England verlor, und der deutsche Gesellschaftstheoretiker fand darin eine "Szene schuldloser Schuld", in der das "heroische Element des Fußballs" als "tragischer Hauch" über den Platz wehte.

Kurz vor der EM in Portugal spüren die Verantwortlichen des englischen Nationalteams zwar noch nicht Beckhams tragischen Hauch, aber doch dessen Kurzatmigkeit. Bei den Lauftests des EM-Kaders soll nur ein Spieler noch schlechter gewesen sein als Beckham: einer der drei Torhüter. Trainer Eriksson traut sich aber nicht, seinen lahmen Kapitän zu ersetzen. So kann Beckham den Elfmeter gegen Frankreich verschießen.

Auch im Viertelfinale, als Portugals Trainer Scolari die Partie durch Figos Auswechslung wendet, darf Beckham sich bis ins Elfmeterschießen schleppen, das er mit seinem grotesken Raketenschuß auf die Tribüne vermasselt. Dort fängt ein Fan den Ball und versteigert ihn nach Galicien, was zu der schönen Schlagzeile führt: "Beckhams Elfmeter landet in Spanien."

Juli: Letztes Hemd

Beckhams Popularität in England stürzt so steil, wie sein Elfmeter stieg. Die Kaufhauskette Marks & Spencer kündigt ihm den Zehn-Millionen-Pfund-Vertrag über die Bekleidungsmarke "DB07". Diese litt erst unter dem Wechsel von Manchester nach Madrid und von Rückennummer 7 zu 23. Beckhams EM-Lachnummer machte sie endgültig zum Ladenhüter.

Dafür hat sich sein Real-Trikot millionenfach verkauft. Über den gekündigten Vertrag braucht Beckham sich sowieso nicht zu grämen: Er kassiert 2004 mehr als 30 Millionen Euro an Werbeeinnahmen.

August: Geldwerte Glatze

Alles wird gut? Victoria Beckham ist mit den Kindern nach Madrid gezogen, die Familie vereint, das dritte Kind unterwegs ("Quellen" wollen wissen, daß es wieder ein Junge wird und "Jesus" heißen soll). Bei Einschulung des fünfjährigen Brooklyn bricht der Papa in Tränen aus. Sogar auf dem Fußballplatz klappt was: Als wär's ein Film von früher, überrascht Beckham mit zwei Freistoßtoren (dabei bleibt's aber).

Auch optisch gibt sich Beckham solider, keine ständig wechselnden Frisuren und opulenten Mähnen mehr, dafür eine Dauerglatze, die sich rechnet: Für den Kahlschlag erhält er laut der spanischen Sportzeitung "As" per Vertrag mit Gillette für fünf Jahre 50 Millionen Euro.

Bei den Werbeaufnahmen für den Klingenhersteller müssen allerdings Beckhams immer flächendeckendere Tattoos retuschiert werden: vor allem das zehn mal fünfzehn Zentimeter große, geflügelte Kreuz im Nacken, das laut aufmerksamen Beobachtern neunte Tattoo (darunter zwei Engel und die Namen seiner Kinder). Neueste Dekorations-Idee gemäß "Sun": ein japanischer Riesendrache um den Brustkorb.

September: Hosen runter

Beckham hat einen Virus. Das heißt: Wer Beckham ohne Hose haben will, hat ihn. Das in Internet-Newsgroups und Diskussionsforen gestreute Gerücht, es gebe Beckham-Fotos "in flagranti", nutzt ein Trittbrettfahrer, um einen "Trojaner" zu verbreiten: Wer auf das Angebot eingeht, angebliche Seitensprung-Fotos zu sehen, infiziert seinen PC. Auf den kann der Hacker dann aus der Ferne zugreifen.

Auch Beckham selbst ist infiziert: Beim blamablen 1:2 in Bilbao, wo Real auf null Ecken kommt, wird er ausgewechselt und humpelt schmerzverzerrten Gesichts vom Platz. Der Klubarzt aber stellt keine Verletzung fest. Nur einen Virus.

Oktober: Hirn um Hirn

Beckham ärgert sich: Erst häuften sich die Stimmen, er sei zu schlecht fürs Nationalteam, dann schoß er, gegen Wales, endlich wieder mal ein Tor, dann aber reden alle kaum noch über das Tor, sondern über die blöde Verwarnung, die ihm eine Sperre einhandelte. Deshalb offenbart er sich: "Die Gelbe Karte war Absicht." Bei einer Kollision mit Gegenspieler Thatcher hatte er das Knacken im Brustkorb bemerkt: "Ich wußte gleich, die Rippen waren gebrochen."

Vor der fälligen Auswechslung nahm er sich Zeit, noch was zu erledigen: ein plump-brutales Foul an Thatcher. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Rache für die Rippe - und Gelb für eine Sperre, die er so auf dem Krankenbett aussitzen wollte. "Ich bin sicher, viele Leute denken, daß ich nicht genug Hirn habe, um so clever zu sein. Aber ich habe das Hirn." Weil er das alles aber einer Zeitung erzählt, ist die Empörung groß: Der Verband ermittelt gegen Beckham. Er traut sich zwar am Ende nicht, ihn zu bestrafen.

Das tut dafür das Fußballvolk: Laut einer Umfrage sind inzwischen 73 Prozent der Engländer dafür, Beckham als Kapitän zu feuern. Dafür wartet vielleicht eine neue Aufgabe: Beckham soll für ein Ja beim britischen Referendum zur EU-Verfassung werben. Er sei geeignet, die Vorzüge eines geeinten Europas zu illustrieren, zitiert der "Daily Mirror" eine "hohe Regierungsquelle".

Der "Mirror", eines der wenigen EU-freundlichen englischen Blätter, hat schon vorher den Fußballstar für die politische Integration gewonnen. Ein Reporter, den das Blatt ausschließlich zur Beckham-Berichterstattung nach Madrid beordert hatte - ein neuartiger Berufszweig namens "Beckhamista" - , stellte ihm die praktische Frage: "David, wie ist es eigentlich mit dem Euro?" Die Antwort: "Na ja, ich muß ihn jetzt hier ja benutzen. Aber es ist nicht schwer." Die Schlagzeile im "Mirror" am nächsten Tag: "Beckham für den Euro!"

November: Pfleger gesucht

Walter Godefroot, Teamchef des T-Mobile-Radteams, äußert sich über die Probleme mit Jan Ullrich und dessen Berater Rudy Pevenage mit einem originellen Vergleich: "Ich denke, auch David Beckham kommt nicht zu Real Madrid und sagt, ich will meinen Pfleger mitbringen."

Pfleger haben sie bei Real zwar immer noch nicht, trotz der weißen Berufskleidung. Doch tatsächlich erinnert manches mitunter an ein Irrenhaus: Es amtiert inzwischen der dritte Trainer binnen vier Monaten. Besser wird's nicht. Beim 0:3 in Barcelona gibt es zahlreiche Nullen für Beckham in den Spielerbewertungen der Sportteile.

Nur die Frauen bleiben ihm treu wie Motten dem Licht. Im Gedränge auf dem Flughafen zieht ihm eine Frau den Schal vom Hals und versteigert ihn für eine fünfstellige Summe im Internet. Weibliche Fans bedrängen ihn beim Einkaufsbummel in Madrid. Die Popstars Beyonce Knowles und Jennifer Lopez umschwirren ihn in einem Brause-Werbespot. Christie's versteigert durch Beckham inspirierte Kunstwerke, darunter einen Liebesbrief der Krawallkünstlerin Tracey Emin, samt Foto ihrer selbst in Unterwäsche.

Nur die Gattin, die ihre Musikkarriere für beendet erklärt und ihre Modekarriere für begonnen (erste Kreation: ein Luxusbabytragetuch für die vielreisende Millionärsfamilie), grollt weiter und will umworben sein: Der Boulevard meldet, zu Weihnachten gebe es für Victoria einen diamantbesetzten Platin-Vibrator.

Dezember: Krippenspiel

Die Weihnachtskrippe mit Beckham als Josef und seiner Frau als Maria in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in London wird von einem wütenden Besucher beschädigt. Die Krippe (mit Bush, Blair und Prinz Charles als Heiligen Drei Königen) wird aus der Ausstellung genommen. Auf dem Beckhamschen Familienanwesen werden die beiden Söhne getauft. Taufpate Elton John will dort, einem Klatschmagazin zufolge, demnächst sogar heiraten - seinen Lebensgefährten David Furnish.

Beim vorletzten Spiel des Jahres läßt Trainer Remon Beckham draußen: wegen schwacher Form. Beim letzten, der 0:1-Niederlage gegen Sevilla, wird er zur Pause ausgewechselt. Der Klub überweist seinem unterbeschäftigten Angestellten dennoch über vier Millionen Euro: die halbjährliche Gehaltszahlung.

Beckham gibt sein erstes Interview in Spanisch, hält eine Weihnachtsansprache an die Real-Fans und eine Neujahrsrede für die britischen Truppen im Irak. Auch Marge Simpson hält eine Weihnachtsansprache. Auf dem britischen Channel 4 redet die Hausfrau aus der Comic-Serie "The Simpsons" über ihre bekannt ruppige Ehe mit Worten, wie sie Victoria Beckham nach der Loos-Affäre im Frühjahr gebrauchte: "Mein Mann, Homer, und ich waren nie glücklicher. Unsere Ehe ist so solide wie die Bindung zwischen David Beckham und Posh Spice." Das kann man nur hoffen, denn was wäre diese Welt ohne diese Beckhams? Fortsetzung folgt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Dezember 2004
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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