20.01.2005 · Kaum eine Stadt ist so fußballverrückt wie Rom, aber nirgendwo sonst flammt diese Leidenschaft mit ähnlich brutaler Gewalt auf. Beim AS Rom kam es zu Ausschreitungen, beim Lokalrivalen Lazio zu rassistischen Sprechchören.
Von Dirk SchümerKaum eine Stadt in Europa ist so fußballverrückt wie Rom, aber nirgendwo sonst flammt diese Leidenschaft mit ähnlich brutaler Gewalt auf. Inzwischen scheinen zahllose Römer ihre genetische Vorliebe für Gladiatorenkämpfe auf den Fußball übertragen zu haben.
Die Bilanz der vergangenen Monate ist niederschmetternd: Der AS Rom machte in der Champions League Schlagzeilen mit Ausschreitungen und einem blutigen Münzenwurf gegen Schiedsrichter Anders Frisk - es gab ein Zuschauerverbot für den Rest des Wettbewerbs, und der Club schied unrühmlich aus dem europäischen Fußball aus. Stadtkonkurrent Lazio Rom ereilte nach rassistischen Sprechchören beim Ausscheiden aus dem Uefa-Pokal dasselbe Schicksal: Heimspielsperre.
Nebelbomben und Schulden
Seither tun die Tifosi von Italiens Hauptstadt alles, um ihren schlechten Ruf zu untermauern. Schon im Frühjahr 2004 war bei einer Skandalpartie das städtische Derby abgebrochen worden, nachdem die Ultras beider Seiten das Feld zu stürmen drohten und die Spieler bedrohten.
In dieser Woche nun verhängte Italiens eigentlich sehr langmütiger Fußball-Verband gegen den AS Rom die sechste Platzsperre der Saison, weil die Fans beim 5:1-Auswärtssieg im Pokal in Siena Spiel und Fernsehübertragung mit Nebelbomben für über eine Stunde lahmgelegt hatten. Die Antwort frustrierter Raucher auf das neue Zigarettenverbot in öffentlichen Räumen? Wie so oft muß Rom nun auf neutralem Boden und unter Ausschluß des Publikums spielen, und wie in der Champions League fallen Einnahmen in Millionenhöhe weg.
Faschistengruß
Dabei ächzt der AS Rom ohnehin schon unter einem gewaltigen Schuldenberg. Vereinschef Franco Sensi konnte den Konkurs nur durch Notverkäufe von Spielern und Immobilien abwenden, doch dümpelt der einstige Meister mit einer zynischen Truppe unregelmäßig bezahlter Profis nur mehr im Mittelfeld der Serie A.
Ebenso erging es dem ehemaligen Meister Lazio Rom, dessen Eigner, der Finanzjongleur Cragnotti, Konkurs ging und zwischenzeitlich in Hausarrest mußte. Nur mit Hilfe der gleichnamigen Region Lazio und einem Bankenkonsortium konnte der Verein überleben, machte aber vor zwei Wochen sogleich wieder unrühmliche Schlagzeilen, als Kapitän Paolo di Canio ein Tor vor der Fankurve mit dem Faschistengruß feierte.
Tausende Rechtsradikale
Diese Entgleisung war kein Zufall. In den Fanklubs der Hauptstadt vermutet die Polizei einen Kern von tausenden Rechtsradikaler, die den einstigen Duce Mussolini verherrlichen. Bei Lazio Rom kontrollieren diese Fans, die sich zum Teil nach der Faschistenhymne „Giovinezza“ (Jugend) nennen, sogar den Verkauf der weißblauen Fan-Artikel.
Wenn schon ein Politiker wie Regierungschef Berlusconi Mussolinis Untaten entschuldigt und sein Stellvertreter Fini mitsamt den Chefs der Region Latium aus der faschistischen Nachfolgepartei „Alleanza Nazionale“ stammt, lockert dies die letzten Hemmungen der römischen Fans, die sich in rührigen Lokalradios als neofaschistische Elite feiern.
Moral auf den Hund gekommen
Doch der politische Revisionismus ist nicht allein das Problem einer rückwärtsgewandten Gemeinde von Fußballkriegern. Auch die Vereinspräsidenten mit ihren Mauscheleien ließen als Vorbilder die Moral auf den Hund kommen. Wer die Bilanz frisiert, um die Lizenz zu erhalten, wer nachträglich die Ligen aufstockt, um dem Abstieg zu entgehen, wer systematisches Doping betreibt und Wettbetrug vertuscht (wie Roms derzeitiger Trainer Gigi Del Neri), der lädt die Fans in den rechtsfreien Raum ein. In den veralteten Stadien der Weltmeisterschaft 1990 geben die brutalen Ultras auch darum den Ton an, weil die friedlichen Fans sich dramatisch abwenden.
Während in Britannien oder Deutschland moderne, wetterfeste Arenen für Sponsoren und Familien mit Kindern hochgezogen wurden, harren in den meist gähnend leeren Stadien der Serie A auf Beton- oder Stahlgerüst-Tribünen im Regen oft nur die Jugendlichen der Vorstädte aus, die sich mit ihren Aggressionen als einzig legitime Elite fühlen.
Totti mehrfach bedroht
Im Kaufrausch um immer teurere Stars aus dem Ausland haben Italiens Fußballbosse den Zug der Modernisierung ihres Sports offenbar verpaßt. Lange konnte wenigstens der letzte verbliebene Volkstribun in Roms Fußball, Francesco Totti, die Exzesse im persönlichen Kontakt mit den Fans dämpfen. Doch seit auch sein AS Rom im Titelkampf nicht mehr mithalten kann, richtet sich die Wut der Fans auch gegen das einstige Idol.
Totti wurde mehrfach massiv bedroht und bei den letzten Ausschreitungen in Sprechchören als „Söldner“ beschimpft. Es sieht so aus, als sei das Tischtuch zwischen den Ultras und Totti, der sich bei seiner Spuck-Attacke während der Europameisterschaft in Portugal auch nicht als Waisenknabe erwies, endgültig zerschnitten.
Frisk als Memme verspottet
Statt ihre Stadien endlich familienfreundlich auszubauen und mit harter Hand gegen die Gewalt vorzugehen, pflegen die Funktionäre der beiden römischen Klubs aber lieber die Opferrolle und verharmlosen die Existenzkrise des Calcio, der die Millionenstadt zielsicher in Richtung Serie B führt. Man habe eben in Europa keine Lobby mehr und werde verschaukelt - so kommentierte man gebetsmühlenhaft die Stadionsperren und Geldstrafen.
Der blutende Schiedsrichter Frisk wurde gar als Memme verspottet. Weder die zur Gewohnheit gewordenen rassistischen Sprechchöre gegen dunkelhäutige Spieler noch der Faschistengruß Paolo di Canios wurden je geahndet.
Üble Exzesse
Daß das Problem nicht nur auf die Hauptstadt beschränkt ist, machte jüngst Mailands Polizeichef Paolo Scarpis klar: „Ich kann nicht jeden Sonntag Krieg führen.“ Der Chefpolizist in Italiens reichster Stadt spielt damit auf die verwüsteten Eisenbahnzüge und die hohe Zahl verletzter Beamter nach Heimspielen von AC oder Inter an. Schlimmere Exzesse der Mailänder Tifosi scheinen nur durch momentane sportliche Erfolge gemildert zu werden.
Für die Bewerbung Italiens zur Fußball-Europameisterschaft 2012 - Fernziel für eine Stadionmodernisierung mit staatlicher Hilfe - verspricht die notorische Fan-Gewalt nichts Gutes. Wird den Ultras nicht das Handwerk gelegt, dürfte Italien schon sehr bald nicht mehr zur ersten Wahl im europäischen Fußball gehören.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |