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Fußball in Südafrika Keimzelle Robben Island

02.12.2009 ·  Auf der Insel vor Kapstadt, wo zur Zeit die Fifa-Exekutive tagt, gründeten Häftlinge zu Apartheidzeiten den Fußballverband Makana. Nelson Mandela durfte damals nicht mitspielen, Jacob Zuma dagegen war linker Verteidiger.

Von Thomas Scheen, Kapstadt
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Eigentlich sei er nie ein Fußballfan gewesen, sagt Marcus Solomon. „Ich war eher der Rugbytyp“, gesteht der heute 70 Jahre alte ehemalige Freiheitskämpfer. Gleichwohl spielte Marcus Solomon eine wichtige Rolle beim ersten schwarzen Fußballverband Südafrikas, der Makana Football Association, die 1969 auf der Gefangeneninsel Robben Island aus der Taufe gehoben wurde: Solomon, der 1964 wegen „versuchten Staatsstreiches“ zu zehn Jahren Straflager und anschließend zu fünf Jahren Verbannung verurteilt wurde, war einer der Ersten, die sich für den undankbaren Job als Schiedsrichter zur Verfügung stellten. „Einer musste es ja machen“, sagt der ehemalige Kämpfer der „National Liberation Front“ und lacht.

Wenn das Exekutivkomitee des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) in dieser Woche auf der ehemaligen Gefangeneninsel Robben Island vor den Toren Kapstadts tagt, ist dies auch als Hommage an das Fifa-Ehrenverbandsmitglied Makana und den langen Kampf zu sehen, den die politischen Häftlinge auf der Insel führen mussten, um ihr Recht auf sportliche Betätigung durchzusetzen. Gleichzeitig gilt die Tatsache, dass ausgerechnet die Gefangenen der Insel den ersten schwarzen Fußballverband gründeten, als ultimativer Beweis für die Begeisterung der Südafrikaner für diesen Sport - und somit auch als politisch zu verstehende Rechtfertigung, 2010 die erste Weltmeisterschafts-Endrunde auf afrikanischem Boden am Kap abzuhalten.

„Zuma spielte linker Verteidiger“

Doch genaugenommen war die Entstehung von Makana eher einem Zufall geschuldet. Den politischen Häftlingen war es damals, in den sechziger Jahren, zunächst einfach darum gegangen, am Wochenende an die frische Luft zu kommen. Unter der Woche wurden sie zum Steineklopfen zwar aus ihren Zellen herausgelassen, am Wochenende aber wurden sie weggeschlossen. „Wir wollten die gleichen Rechte wie die gewöhnlichen Kriminellen“, erinnert sich Solomon, „das Recht auf Bildung, auf sportliche Betätigung und auf Ausgang im Gefängnishof.“

Als sie sich Letzteres Mitte der sechziger Jahre endlich erstritten hatten, ging es darum, was mit dem kleinen Sieg anzufangen sei. „Also: Ich war damals dafür, zuerst für besseres Essen zu streiken und dann für die Erlaubnis, Sport zu treiben“, sagt Solomon heute. Irgendwie ging dann beides Hand in Hand, und die nächste Frage, die sich stellte, war die nach der Sportart. Die prominentesten politischen Insassen stammten nahezu alle aus der Provinz Eastern Cape, wo traditionell Rugby gespielt wird. „Die Jüngeren unter uns aber wollten unbedingt Fußball spielen, also haben wir Fußball gespielt“, erzählt Solomon. Einer dieser Jüngeren war ein ehemaliger Kuhhirte aus KwaZulu-Natal namens Jacob Zuma. Solomon kann sich an den heutigen Staatschef noch gut erinnern. „Zuma spielte linker Verteidiger“, sagt er, „ein beeindruckender Athlet.“

Die Wächter stellten die Mannschaften willkürlich zusammen

Der Beginn des organisierten Fußballs auf Robben Island aber war nach wie vor von den Launen der Wachmannschaften diktiert. Die bestimmten, wer samstags aus der Zelle heraus durfte. Die Wächter stellten die Mannschaften willkürlich zusammen, und wenn ihnen der Spielverlauf nicht passte, griffen sie kurzerhand ein. Erst als nicht zuletzt auf Druck des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz die Haftbedingungen ein wenig erleichtert wurden und das Apartheidregime 1969 eine weniger rigide vorgehende Gefängnisleitung auf Robben Island installierte, konnten die Häftlinge endlich ihre eigenen Spiele organisieren und ihren eigenen Verband gründen, den sie nach dem ersten politischen Häftling auf Robben Island benannten, dem Xhosa-Häuptling Makana. „Das war ein wichtiger Sieg für uns, weil uns dieser Verband Zusammenhalt unter unmenschlichen Bedingungen gab“, sagt Solomon.

Zudem, und das war vermutlich das größte Verdienst des Fußballverbandes, schuf der Sport ein Klima, in dem Gespräche und Diskussionen gedeihen konnten; Gespräche untereinander selbstverständlich, da viele der politischen Häftlinge in getrennten Blocks gefangen gehalten wurden und kaum miteinander kommunizieren konnten, aber auch Gespräche und Verhandlungen mit den Wächtern. Doch die im Laufe der Zeit entstehenden Kontakte des Makana-Komitees sowohl zu der Gefängnisleitung als auch zum Wachpersonal gingen indes nie so weit, den prominentesten Häftlingen auf Robben Island die Erlaubnis zu geben, die Stiefel zu schnüren. Nelson Mandela durfte nie Fußball spielen. Mandela saß in Isolationshaft, konnte die Spiele aber durch seine Zellenfenster verfolgen. Als die Wächter dies bemerkten, errichteten sie eine Mauer unmittelbar vor dessen Zelle.

„Der Versuch, in einem barbarischen Umfeld zivilisiert miteinander umzugehen“

Für den Aufbau des Verbandes hatten die Häftlinge nichts weiter als ein Buch des späteren britischen Sportministers Dennis Howell: „Soccer Refereeing“. Das Buch über die Kunst des Schiedsrichterns von Fußballspielen war eines der wenigen Bücher auf Robben Island, die den Häftlingen überhaupt zugänglich waren. Daneben gab es in der Knastbibliothek zwar noch „Das Kapital“ von Karl Marx, das die Gefängnisleitung den Häftlingen vermutlich nur deshalb zugänglich machte, um sie ständig daran zu erinnern, auf welchem Holzweg sie politisch gelandet waren. Doch Marx' Klassiker wurde nicht einmal annähernd so häufig ausgeliehen wie Howells Standardwerk. „Das war unsere Bibel“, sagt Solomon. Dabei war der Job des Schiedsrichters vermutlich der heißeste Auftrag, den Makana damals zu vergeben hatte. Schließlich musste der Unparteiische nach Spielschluss unter Umständen mit dem, den er vorher vom Platz gestellt hatte, die Zelle teilen. „Das genau war es aber, was Makana ausmachte“, sagt Solomon, „der Versuch, in einem barbarischen Umfeld zivilisiert miteinander umzugehen.“

Als Makana im Dezember 1969 schließlich die erste Fußballsaison auf Robben Island anpfiff, gab es neun Mannschaften, von denen jede wiederum in die Kategorien A, B und C aufgeteilt war. Ständig befanden sich mehr als 1600 Häftlinge auf der Insel, die alle Fußball spielen wollten. Gleichzeitig aber verfügte Makana lediglich über einen einzigen Fußballplatz. Um dem Ansturm gewachsen zu sein, wurde die Spielzeit kurzerhand auf zweimal dreißig Minuten begrenzt. „Das war eine organisatorische Glanzleistung“, sagt Solomon dazu. Auf anderen Gebieten indes wurden die Insassen stets daran erinnert, dass sie nur Häftlinge waren. Etwa bei der Beschaffung von Mannschaftstrikots, die von Verwandten finanziert wurden. Alle Aufträge mussten über die Gefängnisverwaltung abgewickelt werden, und die Lieferanten in Kapstadt lieferten nicht, was bestellt war, sondern was ihnen passte. Beschweren konnten sich die Gefangenen ja schlecht.

„Wir verbauen Milliarden von Rand für sinnlose Prestigevorhaben“

Die Unterteilung der Spiele in verschieden starke Ligen diente dazu, auch den weniger talentierten Häftlingen die Möglichkeit zu geben, Sport zu treiben. „Wir wollten etwas für alle Häftlinge tun, nicht nur für die guten Fußballspieler“, sagt Solomon, der neben seinem Job als Schiedsrichter bei der Knastmannschaft von „Hotspurs“ Stürmer spielte, bevor er bei den „Dynamos“ ins Mittelfeld wechselte. Und natürlich habe es hitzige Diskussionen gegeben darüber, wie der Fußball auf Robben Island aussehen solle. Talentierte Spieler wie etwa Tony Suze plädierten für hochkarätige Spiele zu Lasten der Kicker mit „zwei linken Füßen“ in den unteren Ligen, konnten sich damit aber nicht durchsetzen. „Das ist der große Unterschied zwischen uns und der Fifa, die unsere Idee jetzt usurpiert“, sagt Solomon: „Unser Anspruch war inklusiv, weil wir Sport als wichtig für das Allgemeinbefinden befanden. Die Fifa hingegen richtet in Südafrika gerade ein Turnier aus, das sich sowohl sportlich als auch finanziell nur an eine Elite wendet.“

Ohnehin lässt der ehemalige Freiheitskämpfer Solomon kein gutes Haar an der kommenden Weltmeisterschaft. „Wenn ich daran denke, wie viel Gutes wir mit dem Geld tun könnten, das allein für den Bau der WM-Stadien ausgegeben wird, werde ich wütend“, sagt der drahtige Siebzigjährige. „Unsere Kinder können sich Sport nicht leisten, weil es keine Infrastruktur dafür gibt, und wir verbauen Milliarden von Rand für sinnlose Prestigevorhaben“, sagt Solomon verärgert. Das sei eine „unverschämte Verschwendung von Ressourcen“, sagt Solomon und zuckt die Achseln.

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