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Fußball in Südafrika Für eine neue Identität

12.06.2009 ·  Mit der Ausrichtung der Fußball-WM 2010 will Südafrika entdeckt werden. Kurz vor dem Probelauf Confederations Cup meldet die Republik am Kap positive Zahlen. Doch der Preis für die WM ist hoch - und viele Fragen harren einer Antwort.

Von Thomas Scheen
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Es ist beinahe geschafft. Im Green Point Stadium in Kapstadt sind Arbeiter gegenwärtig dabei, die letzten Segmente des halboffenen, gläsernen Daches zu montieren. Dort, wo einst ein Rasen sein wird, steht noch ein monströser Kran. Im September soll der Kran dem längst in Stellenbosch herangezogenen Grün Platz machen und das Green Point Stadium dann offiziell eröffnet werden.

Auch in Johannesburg machen die Bauarbeiten enorme Fortschritte. Dabei ist das neue Soccer City Stadium, das in der Trabantenstadt Soweto zwischen die Abraumhalden der Goldbergwerke geklotzt wurde, ein beeindruckendes Ding. 94.000 Sitzplätze wird die riesige Arena haben und neben anderen Begegnungen sowohl das Auftaktspiel der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft beherbergen als auch das Endspiel. „Dezember, allerspätestens, Punkt“, antwortet Architekt Piet Boer auf die Frage, wann das Stadion fertig sei. Man will es ihm gern glauben.

Südafrika hat sich finanziell eindeutig verhoben

Green Point und Soccer City gelten als die beiden Prestigeobjekte der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika, und allen Unkenrufen zum Trotz werden die Arenen noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Dasselbe gilt für die neuen Stadien in Durban und Port Elizabeth. Von einem Plan B jedenfalls, einem anderen WM-Austragungsland, wie ihn eine Zeitlang auch Joseph Blatter, der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), angesichts von Schludrigkeiten, Streiks und landesweiten Strompannen am Kap erwogen hatte, ist heute nichts mehr zu hören.

Danny Jordaan jedenfalls, der lange Zeit kritisierte Chef des lokalen Organisationskomitees, ist kategorisch: Nicht nur die Neubauten, zu denen neben Kapstadt, Johannesburg, Durban, Port Elizabeth auch noch die Stadien in Polokwane und Nelspruit gehören, werden fristgerecht fertiggestellt. Auch der Benutzung der vier runderneuerten Stadien in Pretoria (Loftus Versfeld Stadium), Johannesburg (Ellis Park Stadium), Rustenburg (Royal Bafokeng Stadium) und Bloemfontein (Free State Stadium) für den an diesem Sonntag beginnenden Confederations Cup stehe nichts mehr im Weg (siehe auch: Confederations Cup 2009: WM-Ouvertüre mit gemischten Erinnerungen).

Schusselige Planung, dramatischer Wertverfall

Ende gut, alles gut? Nicht ganz, denn Südafrika hat sich finanziell mit der Ausrichtung der WM 2010 eindeutig verhoben. Das hatte zum einen mit einer schusseligen Planung zu tun, zum anderen mit dem dramatischen Wertverfall der Landeswährung Rand. Allein das Green Point Stadium wird 4,5 Milliarden Rand kosten und damit mehr als eine Milliarde Rand (umgerechnet 88 Millionen Euro) mehr als veranschlagt. Der Grund dafür ist der Wind, den man bei der Planung schlichtweg vergessen hatte.

Dort, wo das Stadion steht, bläst in den Wintermonaten Juni, Juli und August der Wind mit mehr als hundert Kilometer pro Stunde vom Atlantik, bricht sich am Tafelberg und fegt zurück. Das Dach, das ursprünglich gar nicht vorgesehen war, ist die Glas und Metall gewordene Konzession an die Wetterkapriolen der Hafenstadt. Das Material dazu stammt aus Amerika und Europa und ist sündhaft teuer. Soccer City wird ebenfalls wesentlich teurer als geplant. Das Gleiche gilt für nahezu jeden der Neubauten.

Gleichwohl behauptet Jordaan, dass sich die finanzielle Belastung im Rahmen halte. Angeblich liegt das Gesamtbudget für die erste WM auf afrikanischem Boden bei inzwischen 30 Milliarden Rand statt der ursprünglich vorgesehenen 29,2 Milliarden. In der südafrikanischen Presse geistert aber längst die Zahl von weit über 40 Milliarden Rand umher, in die die zahlreichen Infrastrukturmaßnahmen wie etwa die neue Zugverbindung „Gautrain“ in der Provinz Gauteng ebenso wenig eingerechnet sind wie der Ausbau der Flughäfen von Johannesburg und Kapstadt sowie der Neubau des Flughafens von Durban.

„Wir erwarten, dass sich dieses Stadion selbst finanziert“

Doch Jordaan denkt vermutlich in anderen Kategorien. Für ihn geht es bei dieser Weltmeisterschaft um die „Schaffung einer nationalen Identität“, und man ist geneigt zu fragen, ob es nicht auch ein bisschen kleiner gehe. Denn die Begeisterung der Südafrikaner über das kommende Großereignis hält sich noch in engen Grenzen. Diejenigen, die das Geld zum Erwerb der Eintrittskarten haben, interessieren sich eher für Rugby, während diejenigen, die großen Fußball sehen wollen, kein Geld haben.

Immerhin: Die Runderneuerung der Infrastruktur, die nicht nur mit der WM zu tun hat, aber wegen ihr angestoßen worden war, ist ein Segen für die südafrikanische Wirtschaft, die bislang mit bis zu sechs Prozent wuchs und nunmehr zum ersten Mal seit 17 Jahren in einer Rezession steckt. Umgerechnet 115 Millionen Euro wurden allein für die Sicherheit ausgegeben, und 40.000 zusätzliche Polizisten sollen eingestellt werden. Rund 1,3 Milliarden Euro wurde für Transportsysteme aufgewendet und über 1,8 Milliarden Euro für die Modernisierung der Flughäfen. Südafrika profitiert in jedem Fall von der WM: Allein auf den WM-Baustellen sind gegenwärtig 25.000 Arbeiter beschäftigt, die sich dort eine Qualifikation erwerben und damit bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben werden. Das gilt in gleicher Weise für die 490.000 anderen Arbeiter, die an der Infrastruktur werkeln.

Südafrika besteht nicht nur aus Aids und Gewalt

Da man Geld aber nicht beliebig drucken kann, hat man sich zumindest in Kapstadt bereits Gedanken über die weitere Verwendung des Green Point Stadium gemacht. Ob es damit zu tun hat, dass Kapstadt die einzige südafrikanische Großstadt ist, die nicht vom ANC, sondern von der oppositionellen „Democratic Alliance“ regiert wird, sei dahingestellt. 500 Millionen Rand der Entstehungskosten trägt die Stadt, weitere 500 Millionen Rand, die von der Regierung zugesagt waren, lassen auf sich warten. Kapstadt finanziert die Lücke mit einem Kredit, der mit den Einnahmen aus einem Pachtvertrag für das Stadion getilgt werden soll. Die kommenden dreißig Jahre soll die Betreibergesellschaft des „Stade de France“ in Paris auch die Arena am Kap füllen, und von jeder Veranstaltung erhält die Stadt dreißig Prozent der Einnahmen. „Wir erwarten, dass sich dieses Stadion selbst finanziert“, sagt Ian Nielson, der stellvertretende Bürgermeister der Kapmetropole. Dafür wird die Zahl der Sitzplätze nach der WM von 68.000 auf 55.000 reduziert werden, um mehr Platz für Werbeflächen zu schaffen.

Und trotzdem: Auch die zuvor über den Bau des Stadions nicht sonderlich glückliche Stadtverwaltung von Kapstadt hält die WM inzwischen für einen Segen: Allein die öffentlichen Ausgaben rund um das Turnier werden auf umgerechnet 880 Millionen Euro geschätzt. Der private Sektor, so rechnen sie in Kapstadt vor, habe glatte 1,8 Milliarden Euro investiert. Der Nettoprofit durch die WM-Besucher soll allein für die Kapmetropole 440 Millionen Euro betragen. Im ganzen Land sollen es den Schätzungen zufolge 4,4 Milliarden Euro sein. Langfristig sollen Einnahmen in dieser Größenordnung die Regel werden, denn Südafrika versteht die Weltmeisterschaft in erster Linie als Werbung in eigener Sache. Zehn Millionen Besucher, so Jordaan, sollen das Land jährlich besuchen, wenn sie nach der WM erst einmal entdeckt haben, dass Südafrika nicht nur aus Aids und Gewalt besteht.

Lange Busfahrten nach Polokwane, Rustenburg und Nelspruit

Vordergründig scheint die Rechnung aufzugehen. Bei der ersten Verkaufsrunde für die WM-Tickets, bei der 743.000 Eintrittskarten angeboten wurden, bewarben sich nahezu 2,1 Millionen Fans. Die meisten Gebote kamen aus Großbritannien und Amerika, gefolgt von Deutschland und Australien. Auch die zweite Verkaufsphase Anfang Mai, bei der weitere 100.000 der insgesamt drei Millionen Tickets angeboten worden waren, war innerhalb von Stunden abgeschlossen. Selbst für den weniger bedeutsamen Konföderationen-Pokal der Kontinentalmeister konnten bislang mehr als die Hälfte der Eintrittskarten verkauft werden, wenngleich der richtige Schub erst einsetzte, als der südafrikanische Präsident Jacob Zuma dem Organisationskomitee die Leviten gelesen hatte.

Fragt sich nur, wo die vielen ausländischen Besucher ihr müdes Haupt betten sollen. Zwar wurden in Kapstadt acht neue Hotels gebaut, und auch Johannesburg und Pretoria werden voraussichtlich keine größeren Schwierigkeiten haben, die WM-Besucher unterzubringen. In der Provinz aber sieht das anders aus. Der Hinweis des Organisationskomitees, dass auch in Port Elizabeth nunmehr ein Luxushotel entstehe, ist in diesem Zusammenhang ein schwacher Trost. Lediglich die 55.000 Hotelzimmer für die Mannschaften, die Betreuer, das Organisationskomitee und die sogenannte Fifa-Familie sind gesichert.

Die Fans aber werden ihre Unterkünfte über Touristenagenturen buchen müssen, die ihnen das Eintrittsticket im Paket mit der Übernachtung verkaufen. Für Spiele in Polokwane, Rustenburg, Nelspruit und Port Elizabeth heißt das, sich auf stundenlange Busfahrten gefasst zu machen. Auch der Vorschlag Jordaans, für die Spiele beispielsweise in Nelspruit auf Hotelzimmer im benachbarten Maputo in Moçambique auszuweichen, erweist sich bei näherer Betrachtung als Zumutung. Erstens ist Maputo noch schlechter bestückt mit Unterkünften als Nelspruit, zweitens sprechen sie dort Portugiesisch, was auch nicht jedem in die Wiege gelegt wurde, und drittens macht der Grenzposten um 22 Uhr dicht.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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