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Fußball in Mannheim - gestrichen

02.07.2003 ·  Waldhof hat es in die Oberliga verschlagen, der VfR spielt in der Kreisliga

Von Michael Ashelm
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In vier Jahren steht die 100. Im allerbesten Fall könnten sie dann zum großen Jubiläum wieder der Beletage des deutschen Fußballs angehören. Aber Hoffnungen macht sich in der Kurpfalz derzeit niemand mehr. Die Situation ist trostlos, alles, was bleibt, sind ein paar schöne sentimentale Erinnerungen an die guten Zeiten, als die "Blau-Schwarzen" noch wer waren. Zwar klein, aber eine interessante Adresse, geprägt von großer Tradition - auch durch Sepp Herberger. Ein Verein des Arbeitermilieus, der viele Talente hervorgebracht hat - wie die Förster-Brüder, Jürgen Kohler, Maurizio Gaudino, Fritz Walter, Christian Wörns. "Der Waldhof stand immer für den Traum, nach oben zu kommen und sich rauszukämpfen", sagt Maurizio Gaudino, ein echter "Waldhof-Bube", der es bis zum Nationalspieler brachte und die guten Zeiten noch miterleben konnte. Das Jahr 2003 steht für den Absturz des SV Waldhof 07 und den Zusammenbruch des Mannheimer Fußballs.

Alles dreht sich um die Frage, ob überhaupt ein Überleben möglich ist. Dieser Tage regiert am Alsenweg der Insolvenzverwalter, es gilt, die Restbestände zu retten. Der Deutsche Fußball-Bund mußte dem Letzten der Zweiten Bundesliga aus wirtschaftlichen Gründen die Lizenz für die Regionalliga verweigern. Mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens am Amtsgericht Mannheim, Ende Juni terminlich gerade noch zur alten Saison, ist dem Verein wenigstens erst einmal der Platz in der viertklassigen Oberliga Baden-Württemberg geblieben. Natürlich nur, wenn ein Weg aus dem wirtschaftlichen Dilemma gefunden wird. Die kleine, marode Fußball-Unternehmung drücken Schulden in Höhe von fast acht Millionen Euro. "Wir müssen uns jetzt mit dem Einfachsten begnügen", sagt Präsident Hans Regelein, der seit vergangenem November das Übel zu verwalten hat. "Konsolidieren" und "Image aufbessern", das hat Regelein vor, wenn am Ende der Insolvenzverwalter nicht die Pforten ganz dichtmacht. Inzwischen ist der Profikader aufgelöst, acht von elf Mitarbeitern der Geschäftsstelle gekündigt worden.

Regelein, der 57 Jahre alte Prokurist einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, und seine Mitstreiter sind vorerst an die Entscheidungen des Insolvenzverwalters gebunden. Doch der Präsident glaubt fest daran, daß er um die Auflösung des eingetragenen Vereins herumkommt, was ein kleiner Erfolg wäre. Regeleins Hoffnungen gründen sich auf die Tatsache, daß 6,3 Millionen der fast acht Millionen Euro Verbindlichkeiten wohl erst zurückgezahlt werden müssen, wenn ein entsprechendes Guthaben in gleicher Höhe vorhanden ist. Ein Modus vivendi, der in die Verträge eingearbeitet worden war mit dem Vermarkter Sportwelt, der selbst in die Geschäftsunfähigkeit abrutschte. Als Hauptgläubiger tritt nun eine Nachfolgegesellschaft auf.

Wie an vielen anderen Fußball-Standorten im Lande war man bei Waldhof dem Größenwahn verfallen. Falsche Leute am falschen Platz, keine Kontrolle über die Geldströme. "Man hat hier geaast", sagt Regelein. Allein "zwanzig Millionen Euro", so Regelein, seien unter dem ehemaligen Präsidenten Wilfried Gaul "verwirtschaftet" worden. Eine schöne Summe, mit der man viel hätte anfangen können. Doch die Euros landeten in den Taschen von Beratern und Spielern aus ganz Europa, die sich im Vorbeigehen bedienten. Bald 110 Profis holte Trainer Uwe Rapolder in viereinhalb Jahren in die Mannschaft, ein trauriger Rekord. Der glücklose Fußball-Lehrer wurde Ende 2001 entlassen, Gaul zwischenzeitlich wegen Beihilfe zur Untreue in einem Finanzskandal auf Bewährung verurteilt.

Die schönen Erinnerungen, als ein Klaus Schlappner mit einer Mannschaft voller Talente in die Bundesliga aufstieg und dort für Furore sorgte, sind verblaßt.. Das war genau vor zwanzig Jahren. "Da gab es noch das solide Fundament mit guter Jugendarbeit ohne Verrücktheiten", sagt Gaudino, heute 36 Jahre alt. Später verpaßte der Verein dreimal nur knapp den Wiederaufstieg, mit Trainern wie Klaus Toppmöller oder Uli Stielike. Aber schon der Ausflug in die Regionalliga (von 1997 bis 1999) deutete an, wo die Reise am Ende hingeht. Ganz nach unten. Vielleicht wäre wenigstens ein wenig Mannheimer Tradition im Berufsfußball zu retten gewesen, hätte man sich mit dem Lokalrivalen VfR über eine Fusion geeinigt. Doch die Mannheimer Armenhochzeit platzte im Winter, Fans und Funktionäre zerstritten sich über den neuen Namen, obwohl mit dem Energiedienstleister MVV Energie ein großer Geldgeber für den Neubeginn parat stand. So kicken die Waldhöfer nun in der Oberliga, wenigstens noch besser als der ebenfalls traditionsreiche VfR. Den deutschen Meister von 1949 und Regionalliga-Neunten des vergangenen Jahres hat es ganz heruntergerissen, bis in die Kreisliga. Gehobener Fußball wird in der Region nun woanders gespielt, in den Dörfern drum herum. In Hoffenheim (Regionalliga) mit dem Geld des SAP-Gründers Dietmar Hopp oder im ambitionierten Wald-Michelbach (Oberliga), wo es Gaudino als Managernovize hinverschlagen hat. Die Stadt Mannheim hat auf ihrer Internetseite unter der Rubrik "Sportpower made in Mannheim" den Fußball schon gestrichen. Selbst die Hoffnung fehlt. Waldhof-Präsident Regelein spricht etwas positiver - von einem "Neuanfang".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2003, Nr. 151 / Seite 30
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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