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Fußball in Leipizig Jagd auf den Roten Stern

02.11.2009 ·  Roter Stern Leipzig will anders sein. Der linksalternative Fußballklub hat schon Nachahmer in weiteren Orten Deutschlands gefunden. Doch nun spielt die Angst mit: Denn der Verein wurde Opfer rechtsextremer Gewalt.

Von Matthias Wolf, Leipzig
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Diesmal kamen 700 Zuschauer in den Sportpark Dölitz. Noch mehr als sonst. Doch viele Fans kamen am Sonntag nicht, weil sie das Spiel von Roter Stern Leipzig gegen den SV Mügeln-Ablaß, das die Gäste mit 3:2 gewannen, wirklich interessierte. Nein, sie wollten sich vor allem solidarisch zeigen. Es waren zahlreiche Ordner da, auch sehr viele Polizisten. Denn seit dem vergangenen Wochenende, als eine Horde von Schlägern Jagd auf die Fans von Roter Stern machte, ist für den Bezirksklasse-Klub nichts mehr, wie es einmal war.

„Ich habe den Jungs offengelassen, ob sie unter diesen Umständen noch weitermachen“, sagt Trainer Thomas Knopf. Einstweilen haben alle Spieler in einer Gesprächsrunde signalisiert, nicht aufgeben zu wollen. Aber einige hätten ihm auch gesagt, „dass ihnen der Preis dafür womöglich auf Dauer einfach zu hoch ist“. Knopf hat dafür Verständnis.

Den 44-Jährigen, zu DDR-Zeiten noch Halbprofi in der dritten Liga, plagen ja selbst Zweifel. „Das soll eigentlich mein Hobby sein, nicht mehr“, sagt er: „Ich hatte Angst. Nackte Angst.“ Er sah in die Fratzen von Menschen, die mit Eisenstangen, Steinen und Holzlatten angriffen. „Eigentlich wollten wir nur Fußball spielen, plötzlich hat die große Politik uns eingeholt.“

„Ich bin in die äußerste Ecke des Stadions gerannt“

Einem Fan wurde der Unterarm gebrochen, einem anderen das Jochbein. So die Bilanz des Überfalls in Brandis, zwanzig Kilometer hinter Leipzig. Das Auswärtsspiel von Roter Stern lief erst zwei Minuten, da stürmten fünfzig Krawallmacher auf den Platz. Die Gruppe war offensichtlich gemischt mit Schlägern aus der rechtsextremen Szene und Hooligans. Auf dem Gelände sollen die Waffen für die geplante Attacke deponiert gewesen sein, ein Ordner war wohl Mittäter. Er streifte sich die Ordnerbinde ab und prügelte mit.

„Es war furchtbar, ich bin in die äußerste Ecke des Stadions gerannt“, sagt Vereinssprecherin Claudia Krobitzsch, die seither ständig neue Pressetexte schreibt: „Wir wollen nicht auf die Opferschiene, aber dennoch nach außen tragen, was passiert ist.“ Die Polizei muss sich Vorwürfe gefallen lassen. Sie habe trotz - allerdings nebulösen - Hinweisen auf mögliche Krawalle im Vorfeld mit zu wenigen Beamten letztlich auch zu behäbig reagiert. Nun wolle man aber „die Hintermänner dieses brutalen Überfalls ermitteln“, so ein Polizeisprecher. Doch das könnte schwer werden, weil viele Zeugen aus Angst vor weiteren Angriffen zögern.

Warum schlägt einem Fußballverein so viel Hass entgegen? „Wir passen nicht in das Weltbild der Angreifer“, sagt Adam Bednarsky. Offiziell ist er Geschäftsführer des Klubs, der aber solche Strukturen nur pro forma pflegt, um dem Vereinsrecht Genüge zu tun. Der Rote Stern versteht sich als linksalternatives Sportprojekt. Alle Entscheidungen werden nicht von einem Vorstand, sondern einmal wöchentlich in einem sogenannten „Plenum“ getroffen. Nicht einmal basisdemokratisch kann man das nennen, denn wenn in dieser Runde im Klubheim nur ein Mitglied gegen einen Antrag stimmt, wird er verworfen. Der Verein hat übrigens ganz bewusst immer nur Präsidentinnen - ein symbolischer Akt im Männersport Fußball.

Der Klub und seine Anhänger genießen den besten Leumund

Bednarsky war einer der Vereinsgründer im Jahr 1999. Allesamt junge Leute, politisch links. Bednarsky: „Wir wollten Fußball spielen, aber nicht in einem dieser Vereine, in denen es Nazis gibt, wo Homophobie und Sexismus gefrönt werden.“ Sie wollten anders sein. Dafür werden sie, meist Studenten, die nur einmal in der Woche trainieren und trotzdem Tabellenführer sind, auf vielen Plätzen als „linkes Pack“ oder „Zecken“ beschimpft. Es gab auch schon oft Hitlergrüße, auch vereinzelt körperliche Attacken - aber nie so massiv wie jetzt.

Eines vorneweg: Auch im eigenen Verein schließt mancher nicht aus, dass unter den knapp 300 Mitgliedern oder unter den Fans Autonome sind. Der Leipziger Stadtteil Connewitz, wo der Rote Stern beheimatet ist, hat eine große alternative Szene. Am 1. Mai kam es hier zwischen Hausbesetzern und Polizei schon oft zu Auseinandersetzungen. Aber der Fußballklub, der anfangs vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, und seine Anhänger genießen den besten Leumund.

„Sie sind weder verfassungsfeindlich noch negativ aufgefallen“

In wenigen Tagen ist der Klub sogar für den Sächsischen Demokratiepreis nominiert. „Sympathisch, engagiert. Kein Gewaltpotential“, sagt Leipzigs Stadtsprecher Steffen Jantz über den Roten Stern. „Die sind anders, haben Ansichten, die in eine bestimmte politische Richtung gehen“, sagt Rainer Hertle, der Präsident des Leipziger Fußballverbandes, mit Blick auf den Fanblock, wo Punks auch mal Spruchbänder mit gesellschaftskritischen Botschaften entrollen. „Aber sie sind weder verfassungsfeindlich noch jemals negativ aufgefallen. Das ist ein buntes, friedliches Völkchen, das es nicht verdient hat, von Truppenteilen bandenmäßig mit Waffen angegriffen zu werden, die auch töten könnten.“

Der ehemalige Anwalt lobt auch die Jugendarbeit. Sechzig Kinder spielen aktuell mit dem Roten Stern auf dem Herzen. Einem Symbol, das natürlich auch provoziert, weil es für den Kommunismus steht oder auch für die radikale Linke - erinnert sei nur an die RAF. Doch es ist nicht nur das Wappen, sondern auch das Programm der Leipziger, das manchem zuwider ist. Der Klub hält in seinem Vereinsheim, dem „Fischladen“, Lesungen und veranstaltet Podiumsdiskussionen, er organisiert antirassistische Turniere und Fantreffen; ja er hat sogar schon zwei Demonstrationen angemeldet.

„Was wir hier erlebt haben, ist kein klassisches Fußball-Problem“

Der Rote Stern wendet sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs, aber auch und vor allem gegen jede Form von Diskriminierung, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit. Ein Mitglied, das auch in der Frauenelf mitspielt, ist die Bundestagsabgeordnete Monika Lazar (Bündnis 90/Die Grünen). Sie sagt: „Der Stern polarisiert, klar, aber er ist auch ein Beweis dafür, dass man Sport und Politik nicht trennen kann - dafür gibt es beim Fußball noch zu viel Gewalt und Diskriminierung, auf die man aufmerksam machen muss.“

Auf der von Fans betriebenen Homepage springt einem sofort ein durchgestrichenes Hakenkreuz ins Auge. Mancher Kritiker fragt auch deshalb: Muss im Fußball so offensiv politisiert werden? Bednarsky sagt dann nur: „Ja, wir sehen das so.“ Damit liegt er mittlerweile sogar auf einer Linie mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Dessen Sicherheitsbeauftragter Helmut Spahn leitete unlängst die DFB-Flugblattaktion gegen Homophobie und sagt: „Dieser Verein kämpft für mehr Toleranz, das fordern wir auch von unseren Vereinen. Klar ist aber auch, dass ein Sportverein überfordert ist, wenn er gesellschaftliche Probleme lösen will.“ Spahn hat eine Theorie: „Im Fall Roter Stern ist der Fußball von politisch motivierten Schlägern missbraucht worden. Was wir hier erlebt haben, ist kein klassisches Fußball-Problem, das hätte auch auf einem Konzert von Linken passieren können.“

Bei Fahrten ins Umland spielt bei Roter Stern die Angst mit

Hertle sieht das ähnlich. „Da muss der Fußball ausbaden, was an gesellschaftlichen Auseinandersetzungen da ist“, sagt er: „Also, ich fühle mich da machtlos.“ Das Image des Leipziger Fußballs, der seit der Wende als Spannungsfeld gilt, hat wieder gelitten. Unabhängig davon aber beobachtet DFB-Sicherheitschef Spahn „ein Sinken der Hemmschwelle“ bei Ausschreitungen: „Es wird immer brutaler.“ Vor allem im Osten.

Deshalb spielt beim Roten Stern auch die Angst mit, vor allem dann, wenn sie - wie seit dem Aufstieg in diesem Jahr - ins Umland fahren, wo Rechtsradikale teilweise ihre Burgen haben. Die Leipziger reisen deshalb immer in großen Gruppen, mit 150 Fans oder mehr - um sich wehren zu können. Wie in Brandis. Denn Märtyrer wollen sie nicht sein. Vorbilder für andere aber sind sie längst. Eine Art linksalternatives Franchise-Modell. Auch in Städten wie Berlin, Lübeck, Flensburg, Hofheim, Wehringhausen oder Altenburg gründeten sich Klubs mit dem Roten Stern.

„Keine Zeit, um schockiert zu sein. Es gibt noch so viel zu tun.“

Torsten Hahnel, Bildungsreferent bei „Miteinander“, einem Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit, spielte für Roter Stern Halle: „Wir fanden nicht nur den Namen plakativ. Wir wollten so sein wie die Leipziger.“ Dabei gehe es nicht darum, „große Politik zu machen, aber diesen Sport nicht den Rassisten zu überlassen, die bei uns in Sachsen-Anhalt so viele Vereine infiltriert haben“. Auslöser waren Beschimpfungen gegen einen farbigen Spieler, die er bei einem anderen Verein miterleben musste. „Da war uns klar, dass wir ein Gegenmodell machen“, so Hahnel: „Aber darauf springen die Nazis natürlich an.“

Im August dieses Jahres überfiel eine Gruppe von Schlägern in der Halbzeitpause des Spiels bei Motor Halle den Block von Roter Stern Halle. „Ihr seid Zecken, ihr seid die neuen Juden, wir machen euch weg“, brüllten die Angreifer. Zwei Verletzte gab es an diesem Tag - aber auch in Halle haben sie sich nicht beirren lassen. „Der rote Stern“, sagt Hahnel, „ist nicht nur ein Zeichen für den Kommunismus.“ Als Rote Karte gegen Intoleranz empfindet ihn Adam Bednarsky aus Leipzig: „Uns bleibt keine Zeit, um schockiert zu sein. Es gibt noch so viel zu tun.“

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