Simone Farina spielt nur in der zweiten Liga. Dennoch ist der Verteidiger des AS Gubbio zum italienischen Fußballhelden geworden. Der 29 Jahre alte Abwehrspieler des Vereins aus Umbrien wird im krisengeschüttelten Italien als moralisches Leuchtfeuer gefeiert. Ein Wettbetrüger hatte ihm 200.000 Euro für die Manipulation des Pokalspiels zwischen AC Cesena und Gubbio im vergangenen November geboten.
Der Spieler, der in seiner Karriere vor allem in der dritten Liga spielte und etwa 90.000 Euro im Jahr verdient, lehnte ab und erstattete Anzeige bei der Polizei. Nationaltrainer Cesare Prandelli zeigte sich begeistert von Farinas „außerordentlicher innerer Kraft“ und sagte: „Wir sollten ihn deswegen unterstützen und uns bei ihm bedanken.“ Zum Lohn wird der Abwehrspieler Ende Februar drei Tage mit der italienischen Nationalelf vor dem Länderspiel gegen die Vereinigten Staaten trainieren dürfen.
Die weitaus bedeutendere Folge von Farinas Anstand ist allerdings, dass durch seine Anzeige wieder mehr Licht in das Dickicht des italienischen Wettskandals gekommen ist. Wegen seiner Anzeige verhaftete die Polizei kurz vor Weihnachten neun mutmaßliche Täter, darunter mehrere bekannte Fußballspieler wie Atalanta Bergamos früheren Mannschaftskapitän Cristiano Doni, der bereits im Sommer für dreieinhalb Jahre gesperrt worden war.
Er gestand der Staatsanwaltschaft, an der Ergebnisabsprache der Zweitliga-Partie Atalanta Bergamo gegen Piacenza (3:0) im März 2011 beteiligt gewesen zu sein. Atalantas Elfmeter, so lautete eine der Abmachungen zwischen den Spielern, würden hart in die Mitte geschossen. Doni, für den die Tifosi noch vor kurzem einen Solidaritäts-Fackelmarsch veranstalteten, traf zweimal vom Punkt, hart und in die Mitte, Piacenza-Torwart Mario Cassano warf sich in die Ecke.
Abgehörte Telefonate und weitere drückende Beweise haben jetzt auch andere Betrüger dazu bewogen, mit der Justiz zusammenzuarbeiten, darunter Carlo Gervasoni. Der Verteidiger des FC Piacenza war früher bei Zweitligavereinen wie Cremona, Mantua und Albinoleffe aktiv und manipulierte auch dort Spiele. Gervasoni, der schon bei der ersten Verhaftungswelle im Juni als Schlüsselfigur galt und für fünf Jahre gesperrt worden war, ist seit seinem Verhör Hauptbelastungszeuge der Staatsanwaltschaft in Cremona.
Von ihm stammen die von den Ermittlern als seriös eingestuften Behauptungen, Lazio Rom sei Ende der vergangenen Saison an mindestens zwei Manipulationen beteiligt gewesen. Miroslav Klose spielte damals noch beim FC Bayern München. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, droht seinem neuen Verein ein Punktabzug noch in dieser Saison.
Auch die Serie-A-Vereine Atalanta Bergamo, dem schon im ersten Sportprozess sechs Punkte abgezogen wurden, und der CFC Genua müssen mit Punktabzügen rechnen. Gervasoni berichtete den Ermittlern allein von 18 manipulierten Partien, drei in der Serie A, 13 in der Serie B zwei Pokalspielen, und nannte die Namen von mehr als 40 an den Absprachen beteiligten Fußballspielern. Der italienische Verbandspräsident Giancarlo Abete kündigte bereits ein neues Verfahren der Sportjustiz an.
Es ist bekannt, dass Serie-A-Spiele vor allem am Saisonende, wenn einige Teams keine sportlichen Ambitionen mehr haben, für Manipulationen anfällig sind. Beim Spiel US Palermo gegen AS Bari am 8. Mai 2011 schlug der Betrugsversuch fehl. Zwei Spiele von Lazio Rom wurden laut Gervasoni hingegen „sicher“ manipuliert. Sowohl Lazio gegen Genua als auch US Lecce gegen Lazio im Mai 2011 endeten 4:2 für Lazio, in der Halbzeit stand es jeweils Unentschieden. Damit erreichten die Betrüger, deren Hintermänner einem internationalen Wettkartell in Singapur angehören sollen, das verabredete Wettresultat „over“, das mehr als zwei erzielte Tore voraussetzt.
Das anscheinend auch in vielen anderen europäischen Ländern wie Deutschland, Kroatien, Ungarn, Finnland und Griechenland aktive Kartell, das je manipulierter Partie zwischen 500.000 und 1,5 Millionen Euro verdienen soll, ist in Italien seit der Saison 2008/2009 aktiv und geht nach einem festen Muster vor. Korrupte Spieler wurden von Mittelsmännern der Bande, den Mitgliedern der sogenannten „Zigeuner-Gruppe“, gemeinsam mit Szenekennern angesprochen. Die Mittelsmänner quartierten sich vor den Spielen in die Mannschaftshotels ein, um Kontakt zu den Akteuren herzustellen.
Vor der Partie Lecce gegen Lazio übernachteten beispielsweise der zur Bande gehörende Mazedonier Hristyan I. sowie der nun verhaftete frühere Spieler Alessandro Zamperini im Mannschaftshotel von US Lecce, um den Betrug mit verschiedenen Spielern zu verabreden. Zamperini war es auch, der Italiens Winterhelden Simone Farina zu bestechen versuchte. „Unser Ziel ist, das Vertrauen derjenigen wiederherzustellen, die sich ein Fußballspiel ansehen“, sagte Staatsanwalt Roberto Di Martino. Angesichts der Umstände ist das ein ehrgeiziges Unternehmen.
Wir alle sollten unsere Verhaltensmuster
Norbert G. Kaess (GeJN)
- 04.01.2012, 21:43 Uhr