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Fußball in Italien Der riskante Tanz auf dem Vulkan

27.11.2008 ·  Randale, Pleitewelle und Zuschauerschwund: Während Italiens Fußballbasis der Kollaps droht, festigen Großklubs ihren Status rücksichtslos. Doch der sportliche Vorsprung, etwa gegenüber Deutschland, muss nicht von Dauer sein.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Italien ist mit vier Mannschaften in der Champions League vertreten, das sind doppelt so viele wie die deutschen Spitzenmannschaften. Alle, mit Ausnahme von Bayern Münchens glücklosem Gruppengegner Florenz, liegen sehr gut im Rennen für das Weiterkommen. Italien hat in den letzten Jahren immer wieder die Sieger von Europas Königsklasse gestellt und stand mit dem AC Mailand und Juventus Turin seit den neunziger Jahren quasi alljährlich im Finale. Da passt es ins Bild, dass die Männer des Calcio den aktuellen Weltmeister stellen und unter ihrem Trainer Marcello Lippi, der am Mittwoch vergangener Woche in Athen ein 1:1 gegen Griechenland einfuhr, einunddreißig Spiele hintereinander nicht verloren haben.

Das gescheiterte Intermezzo unter seinem Nachfolger-Vorgänger Donadoni bei den Europameisterschaften fällt kaum ins Gewicht, wenn man die neu aufgeblühte Attraktivität der Serie A bedenkt: Ronaldinho kam im Sommer aus Barcelona und blüht beim AC Mailand als Spielgestalter und Torschütze auf (siehe auch: Ronaldinho: Die Auferstehung einer abgehalfterten Diva), Schewtschenko kehrte aus Chelsea zu Berlusconis Startruppe Mailand zurück, David Beckham wird es ihm im Januar gleichtun (siehe auch: David Beckham: Für England von Amerika nach Italien).

Müssen Bundesliga, Löw und DFB kleine Brötchen backen?

Juventus Turin ist nach dem Schiedsrichterskandal und Zwangsabstieg postwendend in die Champions League zurückgekehrt und hat mit punktuell verjüngtem Kader Real Madrid im Bernabeu-Stadion 2:0 besiegt, durch sehenswerte Tore des mit 34 Jahren aufgeblühten Kapitäns Alessandro Del Piero. Und sogar der AS Rom, der in der Serie A nach verpatztem Start beinahe auf den Abstiegsrängen liegt, konnte den FC Chelsea in der letzten Runde der Champions League mit 3:1 daheim abfertigen.

Auch Inter Mailand, Serienmeister der Krise in den vergangenen drei Jahren und Gruppengegner von Werder Bremen, könnte international diesmal endlich der Durchbruch gelingen, schließlich hat man sich mit José Mourinho einen der weltweit begehrtesten Trainer gesichert und führt die Tabelle der Serie A mit beeindruckend zynischem Sicherheitsfußball wieder an. Ist also alles wundervoll im Land des Weltmeisters, gegen dessen Bilanz die Bundesliga, Joachim Löw und der DFB kleine Brötchen backen?

Die bedrohlichen Strukturprobleme des Calcio

Im Gegenteil - was die Organisation und wirtschaftliche Basis des Fußballs angeht, kann Italien Deutschland nicht das Wasser reichen. Noch sind südlich des Brenners die seismischen Wellen des Schiedsrichterskandals spürbar, wenn die römische Staatsanwaltschaft vorige Woche im Prozess gegen den einstigen Juve-Manager Luciano Moggi sechs Jahre Haft für den Angeklagten forderte; sein Sohn soll für fünf Jahre hinter Gitter, die Urteile werden im Januar erwartet.

Das perfide Netz, in dem Moggi zahlreiche Schiedsrichter und Dutzende von Spielern über die heute noch aktive Agentur „Gea World“ zappeln ließ (siehe auch: Fußball in Italien: Moggis Machenschaften), verrät allerhand über die bedrohlichen Strukturprobleme des Calcio: Moggi amtierte nicht nur als Manager des Rekordmeisters Juventus Turin, sondern niemand fand etwas dabei, dass sein Sohn die meisten Spieler als Makler unter Vertrag hatte. Wie würde es wirken, wenn Uli Hoeneß' Familie an den Verträgen der Bayern-Spieler mitverdienen würde, die er selbst für den Verein ausgehandelt und unterzeichnet hat? Kein deutscher Verein und auch nicht der DFB würden so etwas billigen.

Kein einziger Klub in Italien ist Eigner seines Stadions

Doch unsaubere Interessenverflechtungen bestimmen nicht erst seit Silvio Berlusconi Italiens Gesellschaft; sie prägen auch den Calcio. Wo sonst könnte der Chef des erfolgreichsten Vereins, AC Mailand, die Vermarktungsverträge seines Privatfernsehens (als Besitzer fast aller Privatkanäle) und zugleich des Staatsfernsehens (als oberster Hüter der Rai) an allen Seiten des Verhandlungstisches bestimmen? Solche quasifamiliäre Verfilzung hat dem Calcio zwar reihenweise spendable und eitle Präsidenten und deren Stars und aufgeblasene Etats beschert, aber die Infrastruktur, mit der man nicht in den Boulevardzeitungen glänzt, ist dabei marode geworden.

Noch in diesem Sommer hat die Serie A 450 Millionen Euro an Transfersummen ausgegeben und wurde dabei nur ganz knapp von den besser finanzierten Engländern ausgestochen. Dafür ist kein einziger Klub Eigner seines Stadions. Die veralteten öffentlichen Arenen reichen nicht entfernt an den modernen deutschen Standard der WM 2006 heran. Der sinkende Zuschauerschnitt hat die ungemütlichen Tribünen zu einem Biotop der Gewalt werden lassen.

Attraktives Derby von Prügeleien Hunderter überschattet

Auch harte Maßnahmen - Verbot von Fanreisen zu Auswärtsspielen, Stadionverbote, Hooligan-Karteien - nach dem Tod eines Carabiniere bei Krawallen in Catania haben nichts an der Misere bestens organisierter Gewalttäter geändert. Das konnte man vergangenes Wochenende beim römischen Derby erleben: Das attraktive 1:0 des AS Rom gegen den Stadtrivalen Lazio wurde überschattet von Prügeleien Hunderter Tifosi; fünfzehn Polizisten wurden zum Teil schwer verletzt.

Der Europäische Fußballverband hat Italiens nur mühsam vom sportlichen Glanz überstrahlte Misere zuletzt abgestraft, als die italienische Bewerbung um die Europameisterschaft 2012 sogar von sportlichen Entwicklungsländern wie der Ukraine und Polen ausgestochen wurde. Den erhofften Modernisierungsschub des Turniers mussten die Fußballmanager erst einmal abschreiben. Abschreiben und strecken wollen etliche Zweitligaklubs nun jedoch die teuren Gehälter ihrer Spieler; acht Vereine sind mit den Zahlungen im Rückstand, und Livornos Präsident Spinelli unkte vielsagend, dass diverse Konkurrenten das Saisonende nicht erleben würden.

„In Italien kann man alles lösen, aber nichts verbessern“

Eine solche Pleitewelle hatten Experten der Serie B schon länger vorhergesagt, nachdem die Liga durch Klüngelei mächtiger Präsidenten auf zwanzig Vereine aufgebläht worden war. Zu den tristen Duellen in der Provinz kommen derzeit im Schnitt 5600 Zuschauer - auch hier kein Vergleich mit der Zweiten, oft nicht einmal mit der Dritten Bundesliga.

Während Italiens Spitzenklubs, die ihrerseits vor vier Jahren durch ein Steuergesetz Berlusconis Geld vom Staat erlassen bekamen, kurzfristig noch Stars aus aller Welt, derzeit vor allem aus Südamerika, anlocken, droht an der Basis der Kollaps. Cesare Prandelli, der hochbegabte Trainer von Florenz, fasste die brodelnde Lage angesichts vieler untätiger Jahre der Vereinsbosse jüngst bündig zusammen: „In Italien kann man alles lösen, aber nichts verbessern.“

Misswirtschaft dürfte auch Folgen auf dem Spielfeld haben

Auf dem Vulkan zu kicken hat den Fußball im Land von Stromboli, Ätna und Vesuv lange beflügelt. Und auch jetzt kommen immer wieder beeindruckende Nachwuchsspieler mit hohen technischen Gaben nach vorne. Ein Spitzenspiel der Serie A ist einer guten BundesligaPartie an taktischer Finesse und geistiger Schnelligkeit sichtlich voraus.

Doch der sportliche Vorsprung der Italiener gegenüber Deutschland, wie ihn diese Saison der Champions League noch einmal vorführt, muss nicht von Dauer sein. Spieler wie Luca Toni in München oder die Wolfsburger Legionäre Barzagli und Zaccardo zeigen an, dass Misswirtschaft des Calcio irgendwann auch Folgen auf dem Spielfeld haben dürfte. Die wirtschaftlich solide Bundesliga jedenfalls kann jetzt schon auf die Serie A herabblicken.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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