http://www.faz.net/-gtl-6wd4w

Fußball in Frankreich : Die Pariser Spaßgesellschaft

  • -Aktualisiert am

Der Scheich macht euch reich: Nasser Al-Khelaifi (links) mit Trainer Carlo Ancelotti und Sportdirektor Leonardo (rechts) Bild: AFP

Der französische Herbstmeister PSG macht mobil - und sorgt mit seinen Investitionen für Wirbel. Beckham, Pato und Kaka stehen auf der Wunschliste. Manche befürchten ein zweites Disneyland.

          Wenn ein Tabellenführer seinen Trainer entlässt, scheiden die branchenüblichen Kündigungsgründe aus. Sportliches Versagen lässt sich in solchen Fällen schwerlich unterstellen. Mangelnden Erfolg konnte Frankreichs Herbstmeister Paris Saint-Germain dem abgesetzten Antoine Kombouaré trotz des vorzeitigen Scheiterns in der Europa League tatsächlich kaum vorwerfen. Die Art, wie der Klub zum Jahresende Kombouarés Nachfolger Carlo Ancelotti präsentierte, machte ohnehin klar, dass die Motivation für den Trainerwechsel eine andere war.

          Als „star fantastique“ rühmte Saint-Germains nicht minder schillernder brasilianischer Sportdirektor Leonardo den Italiener und verwies damit indirekt auf das, woran es Ancelottis Vorgänger gemangelt hatte: an Strahlkraft. Der stille, unprätentiöse Kombouaré war schlichtweg nicht mehr kompatibel mit den gewachsenen Ansprüchen und dem neuen glamourösen Selbstverständnis des Klubs.

          Seit die Qatar Sports Investment Group im Sommer 2011 die Aktienmehrheit des Vereins übernahm, verfügt PSG über eine beträchtliche Liquidität. Die Sportliche Führung denkt nun in Superlativen - und Ancelotti, eine Institution im europäischen Vereinsfußball, gehört zweifellos in diese Kategorie. Als Spieler und Trainer gewann er mit dem AC Mailand je zweimal die Champions League, den FC Chelsea führte er 2010 zum englischen Double, bevor er im Mai 2011 nach einer Saison ohne Titel beurlaubt wurde.

          Jetzt soll er auch die Pariser Equipe dorthin führen, wo er mit schwergewichtigeren Vereinen bereits war: an die internationale Spitze. „Ich will Paris helfen, ein großer Klub zu werden“, hat der 52-Jährige bereits betont. „Es geht künftig nicht mehr darum, ob wir Erster oder Zweiter werden, sondern um Höheres. Wir werden alles daransetzen, nächste Saison Champions League zu spielen.“

          Der abgesetzte Antoine Kombouaré war zwar erfolgreich, aber nicht schillernd genug
          Der abgesetzte Antoine Kombouaré war zwar erfolgreich, aber nicht schillernd genug : Bild: AFP

          Obwohl Saint-Germain neben Olympique Marseille bislang der einzige Verein ist, der mit dem Europapokal der Pokalsieger 1996 einen europäischen Titel nach Frankreich holen konnte, war es doch nicht das, was man gemeinhin eine große Nummer nennt. Ein überzeugenderes Verhandlungsargument als das sportliche Renommee des zweimaligen französischen Meisters dürfte für Ancelotti daher die Höhe des Gehalts gewesen sein, das er an der Seine beziehen wird.

          Die Unterschrift unter den Zweieinhalb-Jahres-Vertrag macht den Italiener zum bestbezahlten Trainer in der Sportgeschichte der Grande Nation. Das Jahressalär, das zwischen sechs und sieben Millionen Euro liegen soll, bezeichnete Manager Leonardo lapidar als „üblichen Marktpreis“ und verhehlte nicht, welche Erwartungshaltung daran gekoppelt ist. „Dafür bekommen wir hier in Frankreich etwas vollkommen Neues.“

          Der neue Coach Ancelotti muss sich an seine neue Umgebung noch gewöhnen
          Der neue Coach Ancelotti muss sich an seine neue Umgebung noch gewöhnen : Bild: AFP

          Wirklich vollkommen neu ist allerdings nicht, was Paris sich erhofft. Im Ausland ist das Konzept bereits erprobt. Zahlreiche Vereine haben vorgemacht, wie investorengesteuerter Fußball funktioniert. Doch durch die Investitionsflüsse aus dem spendablen Emirat am Persischen Golf eröffnen sich nun auch in der französischen Hauptstadt völlig neue Möglichkeiten. Mit einem Budget von 150 Millionen Euro ist PSG der Liga-Konkurrenz schon weit enteilt. Wie weit, zeigte der Verein erstmalig im vergangenen Sommer, als er den Argentinier Javier Pastore für 42 Millionen Euro verpflichtete. Die Summe ist ein Rekord für die französische Liga, den PSG bald selbst überflügeln könnte.

          Zum Rückrundenauftakt dürfte sich das Geld vom Golf nicht nur auf der Trainerbank, sondern auch auf dem Platz materialisieren. Mit Beckham, Pato und Kaká werden durchweg alte Bekannte Ancelottis und Leonardos als potentielle Neueinkäufe gehandelt. Der brasilianische Stürmer Pato trainierte schon in Mailand erfolgreich unter „Carletto“, ebenso wie Real Madrids luxuriöser Ersatzspieler Kaká und Altstar David Beckham, den Ancelotti 2009 als Leihspieler von Los Angeles Galaxy zum AC holte.

          David Beckham ist nur ein berühmter Name, der bald in Paris auf der Gehaltsliste stehen soll
          David Beckham ist nur ein berühmter Name, der bald in Paris auf der Gehaltsliste stehen soll : Bild: dpa

          Dass Leonardo keine dieser Personalien dementieren wollte, macht umso wahrscheinlicher, dass mindestens einer dieser Spieler zum Rückrundenauftakt im Parc des Princes aufläuft. Allein die Spekulationen über das mögliche Gehalt Beckhams sorgten in Frankreich schon für gehörigen Wirbel. Dass der Engländer 800 000 Euro monatlich erhalten könnte, empört Politik und Fans. Aus dem Lager der Pariser Sozialisten drangen erste Skandalrufe, und auch die Anhänger sind beunruhigt.

          Sie fürchten, dass sich ihr Verein durch seine zunehmend artifizielle Attitüde zu einem zweiten Disneyland entwickeln könnte - einer Spielwiese für vermögende Scheichs. Gesichert ist, dass Paris Saint-Germain auf dem Transfermarkt von der goldenen Kreditkarte seines Präsidenten Nasser Al-Khelaifi in den kommenden Wochen ausgiebigen Gebrauch machen wird. „Wir wollen das Team verstärken, wir wollen Stabilität. Das, was möglich ist, werden wir auch tun“, sagt Ancelotti und signalisiert unmissverständlich: Die Pariser Spaßgesellschaft PSG ist bereit für neue Attraktionen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Zurück zum Klimaschutz Video-Seite öffnen

          Rex Tillerson : Zurück zum Klimaschutz

          Die Vereinigten Staaten könnten nach Aussage von Außenminister Rex Tillerson doch im Pariser Klima-Abkommen bleiben. Trump hatte den Ausstieg damit begründet, dass es der US-Wirtschaft schade und die nationale Souveränität beschränke.

          Trump mahnt Reform der Vereinten Nationen an Video-Seite öffnen

          Amerika : Trump mahnt Reform der Vereinten Nationen an

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat massive Kritik an den Vereinten Nationen geübt und erhebliche Reformen bei der Weltorganisation verlangt. Die Vereinten Nationen blieben wegen Bürokratie und Missmanagements weit unter ihrem Potenzial, sagte Trump am Montag beim ersten Besuch des UN-Sitzes in New York seit seiner Amtseinführung im Januar.

          Topmeldungen

          Trumps UN-Rede : Feurige Worte und tödliche Missverständnisse

          Donald Trump hebt die Bedeutung „souveräner Nationalstaaten“ hervor und teilt gegen Nordkorea aus. UN-Generalsekretär Guterres mahnt zur Einigkeit – mit einem Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten.
          Polizisten beobachten das Geschehen auf der Wiesn. Auch auf dem diesjährigen Oktoberfest kam es bereits zu sexuellen Übergriffen.

          Anstieg von Sexualstraftaten : Warnungen eines Wahlkämpfers

          Bayerns Innenminister Herrmann rühmt sich mit der hohen Sicherheit in seinem Bundesland. Die Zunahme der Sexualstraftaten – sowohl durch Deutsche als auch Ausländer – ist jedoch alarmierend.

          Schwache Zahlen : Die unsichere Ernte der Grünen

          Vor vier Jahren lehnten die Grünen eine Koalition mit der Union ab. Nun würden sie gerne, doch es sieht schlecht aus. Die aktuellen Prognosen sprechen gegen Jamaika.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.