Die Atmosphäre ist nicht unbedingt einladend. Wie eine altersschwache Funzel leuchtet das Flutlicht in die Arena, permanent wiederholt sich auf der Anzeigetafel eine Art Abschreckungsvideo der Polizei. Zu sehen sind dort deftige Gewaltszenen vergangener Ausschreitungen, bis dann ein grimmig dreinschauender Mann in Uniform noch zu Ordnung mahnt. Zwar sind an diesem Abend vielleicht nur 6.000 Zuschauer ins ehrwürdige, aber doch etwas heruntergekommene Pekinger Arbeiterstadion gekommen, weil ein Spiel zwischen dem Fünften und Siebten nicht unbedingt den größten Reiz in der Super League ausübt.
Als jedoch in der zweiten Halbzeit Flaschen, Feuerzeuge und andere gefährliche Wurfgeschosse von den Rängen fliegen und der Schiedsrichter die Begegnung mehrmals unterbrechen muß, obwohl eigentlich keine aufsehenerregenden Dinge auf dem Rasen passiert sind, wird die dunkle Seite des chinesischen Fußballs für einen kurzen Moment wieder sichtbar.
Absatzmarkt der Zukunft
Trübe Aussichten, wie viele meinen, in einem Sport, der von Gewalt, Korruption und Machenschaften der Wettmafia heimgesucht wird. Auf der anderen Seite heiß begehrt, seit China wegen seines schlummernden wirtschaftlichen Potentials von den Fußball-Giganten Europas zum Absatzmarkt der Zukunft erklärt wurde. "Es sieht nicht so aus, als würde sich dieser Widerspruch bald auflösen", sagt John Yan. Der Journalist, der zwei Jahre als Korrespondent in England gearbeitet hat, ist stellvertretender Chefredakteur von "Titan Sports", der größten Sportzeitung des Landes, die dreimal in der Woche erscheint. Der große europäische Fußball dominiert das Blatt, und wenn die Champions League spielt, wird wegen der Zeitverschiebung bis morgens um fünf Uhr mit der Produktion in Peking und 40 anderen Druckorten gewartet, damit die Käufer ein paar Stunden später die Berichte über Real Madrid, Manchester United oder Bayern München lesen können.
Doch die Entwicklung wird den Erwartungen lange nicht gerecht, seit die eigene Heimatliga und das Nationalteam als Basis für einen allumfassenden Aufschwung, wie John Yan es ausdrückt, ausfallen. Von kriminellen Wettkartellen aus der Sonderwirtschaftszone Macao gesteuert, machen bestochene Schiedsrichter und Spieler die Saison zu einer Farce. Mehr als die Hälfte der Begegnungen in der Super League könnten davon betroffen sein, schätzen Insider, deshalb war auch Siemens schon vergangene Saison als Titelsponsor ausgestiegen. Anders als die asiatischen Vorbilder Japan und Südkorea, die jahrelang konsequent ihr nationales Aufbauprogramm für den Fußball vorantrieben, wandelt die chinesische Nationalelf orientierungslos umher; bei der ersten WM-Teilnahme 2002 schied sie sang- und klanglos in der Vorrunde aus, die Qualifikation für Deutschland 2006 hat das Team längst verspielt.
Heißhunger der Fans
Dabei lechzt die Nation mit den wirtschaftlichen und politischen Ansprüchen einer Weltmacht auch nach Erfolgen im Weltsport Nummer eins. Wichtige Siege wecken den Heißhunger der Fans, "wir leben sehr von Stars und großen Veranstaltungen", sagt John Yan. An dem Tag, nachdem sich die Fußballauswahl des Landes für ihr erstes WM-Turnier qualifiziert hatte, verkaufte "Titan Sports" statt 1,7 Millionen fünf Millionen Exemplare.
Noch viel spektakulärer erscheint hier die Audienz von geschätzten 100 bis 120 Millionen Fernsehzuschauern, die eine Live-Übertragung aus der englischen Premier League zwischen dem FC Everton und Manchester City eingeschaltet haben sollen, weil dort mit Sun Jihai und Li Tie die beiden populärsten Profis aufeinandertrafen. Verständlich, daß die europäischen Spitzenklubs und ihre Sponsoren das Geschäftsfeld neu ausrichten, lockt doch China mit einer konsumfreudigen Mittelschicht von 80 bis 120 Millionen Menschen, die ihr Mobilfunktelefon nur noch ausschaltet, wenn sie speisen gehen oder in einem Showroom von Toyota ihren neuen Wagen bestellt.
Es fehlen eigene Ikonen
Doch solange dem chinesischen Fußball eigene Ikonen als Identifikationsfiguren fehlen, wie der Basketball mit Yao Ming eine besitzt, greifen die Strategien nur zum Teil. Ohne einen kleinen Ronaldo oder Beckham aus den Straßen von Schanghai oder Peking können auch die 18 Reporter von "Titan Sports", die allein aus Europa berichten, nicht für die große Welle in der Heimat sorgen.
Das Publikum ist anspruchsvoller geworden, fordert Qualität. Halbherzig absolvierte Werbetouren wie in diesem Sommer von Manchester United oder Real Madrid sind nicht mehr ausverkauft. Seit die chinesische Super League mehr durch Schiebereien als sportliche Spannung auffällt, ist der Zuschauerschnitt rapide von 15.000 auf 6.000 pro Spiel gesunken. Es gibt nicht wenige, die deshalb für die nächsten Jahre schwarz sehen. Und zu allem Übel: Vielleicht fehlt den Fußballmännern aus dem Reich der Mitte gar die richtige Mentalität zum Siegen. John Yan kommt ins Unken und bemüht einen alten Spruch. "Ein Chinese ist ein Drache, zwei Chinesen sind ein Wurm."
Joint-venture in Bad Kissingen
Wo Athleten aus China zuletzt Erfolge einheimsten, handelte es sich meistens um Einzelsportarten. Teamfähigkeit bewiesen sie selten und bislang nur dort, wo Trainer aus Südkorea und Japan, in Kenntnis der speziell chinesischen Seelenverfassung, nachkorrigierten; wie bei Olympia in Athen im Volleyball, Hockey und Handball der Frauen. Um diese Art Hemmnisse zu überwinden, laufen Projekte wie in Bad Kissingen von der Deutsch-Chinesischen Fußball-Akademie.
Das vom ehemaligen Bundesligatrainer Eckhard Krautzun angeführte Joint-venture orientiert sich an den hoffnungsvollsten Nachwuchskickern und bietet ihnen den Einstieg in den europäischen Fußball. Einer aus diesem Kreis ist der Stürmer Dong Fangzhuo, der nun von Manchester United an Royal Antwerpen entliehen wurde und an diesem Mittwoch womöglich gegen die deutsche Nationalelf spielen wird. Bei der vergangenen "U20"-Weltmeisterschaft in den Niederlanden erreichte Krautzun als Betreuer der chinesischen Auswahl einen ersten Achtungserfolg, als sein für chinesische Verhältnisse sehr offensiv ausgerichtetes Team erst durch ein Gegentor in vorletzter Minute von den Deutschen besiegt wurde und am Einzug ins Viertelfinale scheiterte.
Das sind die kleinen Lichter am dunklen Horizont. Der Normalzustand des chinesischen Fußballs sieht anders aus - wie zum Beispiel im Arbeiterstadion zwischen Peking Hyundai und Schanghai Inter. Ein gewisser Yan Xiangchuang sorgt mit seinem Tor in der 83. Minute für die Entscheidung, das Hauptstadt-Publikum kann wieder jubeln, doch wer weiß schon, wer seine Finger bei diesem 3:1 wieder im Spiel hatte.