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Fußball in England Jetzt will der Märchenonkel auch die Fußball-Götter schlagen

11.05.2005 ·  120 Millionen Euro machen es möglich: Wigan Athletic klettert in sieben Jahren von der vierten Klasse ins Traumland Premier League. Finanziert wird dieses Märchen von David Whelan, dem Roman Abramowitsch der englischen Fußballprovinz.

Von Christian Eichler
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Der Ort hatte nicht immer eine gute Presse. "The Road to Wigan Pier", so nannte George Orwell das Buch, in dem er 1937 die Lebens- und Arbeitsbedingungen der englischen Bergleute und das Versagen der kommunistischen Idee exemplarisch beschrieb. Das war in anderen Orten der Region nicht anders, doch an Wigan blieb das Image haften. Noch 2004 wählten die Leser der Wirtschaftszeitschrift "Entrepreneur" den Ort zum "übelsten Fleck des englischen Nordostens". Da wurde es mal Zeit für ein paar positive Schlagzeilen.

In diesen Tagen ist man wieder wer in Wigan. Erst wurden beim Neubau eines Geschäftszentrums wissenschaftlich bedeutende Funde aus der Römerzeit gemacht, in der Wigan noch den Namen Coccium trug - die Funde belegen, daß es zu Cäsars Zeiten ein wichtiger Ort gewesen sein muß. Dann fiel die Arbeitslosenquote in der Kleinstadt, in der die Firma Heinz 2000 Arbeitsplätze mit der Produktion der dicken, sämigen Dosenbohnen des englischen Frühstücks unterhält, erstmals seit 1959 unter den nationalen Durchschnitt. Und dann geschah noch das, was in ganz England seit Tagen als "Fußballmärchen" beschrieben wird: Wigan in der Premier League.

Der Roman Abramowitsch der Fußballprovinz

Der Eintritt ins "Traumland": So nennt es der, der das Fußballmärchen bezahlte, der Millionär David Whelan. Denn daß eine Mannschaft binnen sieben Jahren aus der vierten und untersten Profiliga aufsteigt in die Wunderwelt der Premier League, wie es Wigan Athletic am Sonntag mit dem 3:1 gegen Reading schaffte, das geht nicht ohne einen reichen Märchenonkel. David Whelan ist so etwas wie der Roman Abramowitsch der Fußballprovinz.

Natürlich gibt es gewisse Unterschiede. Der Russe kaufte Chelsea als Vierten der ersten Liga und investierte binnen zwei Jahren rund 500 Millionen Euro. Der Engländer kaufte den Vierzehnten der vierten Liga, ließ sich aber auch nicht lumpen: Rund 120 Millionen Euro binnen sieben Jahren machte er locker. "Wir sind aus dem Nichts gekommen, wir haben das Unmögliche möglich gemacht", sagte der Klubboss im verständlichen Überschwang, der ihn das Geschehen mythologisch überhöhen ließ: "Wir werden jetzt gegen die Götter spielen, und wir werden die Götter schlagen." Als Whelan vor zehn Jahren kam, spielte Wigan vor 1.000 Zuschauern gegen Klubs aus dem Niemandsland des Fußballs. Nun haben sie Rendezvous mit Chelsea, Arsenal und Manchester United.

1,3 Millionen Pfund für einen Stürmer in der dritten Liga

Whelan war ein junger Fußballprofi aus Wigan, dessen Karriere kaputtging, als er sich mit Blackburn im englischen Cup Final 1960 gegen Wolverhampton das Bein brach. Dafür hat er als Geschäftsmann eine Erfolgsgeschichte vorzuweisen, wie sie amerikanische Tellerwäscher nicht besser hinkriegen. Er fing mit einem Marktstand an, eröffnete dann ein erstes Geschäft, aus dem eine Billigshop-Kette wurde, die er lukrativ verkaufte, und reüssierte schließlich mit dem Unternehmen JJB Sports, das mit Sportartikelläden mehrere hundert Millionen Pfund pro Jahr umsetzt.

Schon in der dritten Liga konnte sich Wigan teure Käufe wie den heutigen Stürmerstar Nathan Ellington für 1,3 Millionen Pfund leisten. Whelan bezahlte alles, auch das neue JJB Stadium mit 25.000 Sitzplätzen für 32 Millionen Pfund. Es war allerdings, trotz des Siegeszuges von Liga vier in Liga eins, in der aktuellen Saison der "Championship", wie die zweite Liga in England inzwischen heißt, im Durchschnitt nur mit 11.194 Zuschauern besetzt - Rang 20 von 24 Klubs.

Wigan ist traditionell Rugby-Land

Wigan hat anders als die meisten englischen Städte keine hundertjährige Tradition im Profifußball. Erst 1978, beim 34. Versuch, wurde der Klub in das System der englischen Profiligen aufgenommen - und blieb dann noch fast 20 Jahre in der letzten Liga. Die meisten Fußballfans aus Wigan haben es sich deshalb in vielen Jahrzehnten angewöhnt, in die benachbarten Fußballmetropolen Liverpool oder Manchester zu fahren. Wigan ist traditionell Rugby-Land, mit je einem Klub in den beiden Rugby-Ligen. Der eine gehört Whelan übrigens ganz, der andere zum Teil.

Marco Reich, der frühere deutsche Jung-Nationalspieler, war völlig baff, als er nach seinem Wechsel von der Bremer Ersatzbank zu Derby County erstmals Wigan kennenlernte: "Kein Mensch kennt das, aber die haben hier unglaublich viel auf die Beine gestellt." Reich steht mit Derby noch im Play-off-Halbfinale um den dritten Aufstiegsplatz neben Sunderland und Wigan.

Dem Trainer Paul Jewell, der 1999 schon mit Bradford den Aufstieg in die Premier League schaffte, hat der 68jährige Boss weitere 25 Millionen Pfund für Verstärkungen versprochen, um mit den "Göttern" mitzuhalten. "Ich habe nicht viel Wechselgeld zurückbekommen für meine 75 Millionen Pfund", rechnete Whelan gegenüber der BBC seine Hobby-Ausgaben vor. "Aber es ist Geld, das ich sonst bei meinem Tod nur der Regierung hätte geben müssen. Also kann ich es genausogut jetzt genießen."

Quelle: F.A.Z., 11.05.2005, Nr. 108 / Seite 35
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