23.02.2009 · Ein hoher Fernsehvertrag und großes Interesse von Investoren: Englische Fußball-Spitzenklubs sehen sich in der Finanzkrise als die großen Profiteure. Ein Ende der Fahnenstange ist nicht in Sicht. Dennoch sollte die Bundesliga nicht verzweifeln.
Von Michael AshelmDie globale Wirtschaftskrise ruft derzeit viele Interessenvertreter auf den Plan - auch im Fußball. Anderthalb Stunden lang erhielt Michel Platini am vergangenen Mittwoch die Chance, vor dem Europaparlament in Brüssel für seine Thesen zu werben. Der Franzose, Präsident der Europäischen Fußball-Union und früher auf dem Platz ein genialer Spielgestalter, geißelte nicht nur den Handel mit Spielern als „sportliche Zuhälterei“, sondern vor allem den seiner Meinung nach maßlos ausufernden, von Schulden getragenen Fußballkapitalismus. Er warnte vor einer „Implosion“ des Klubfußballs und forderte die Politik auf, den Sportorganisationen eine Sonderrolle bei der strengen Regulierung ihres Machtbereichs zuzubilligen, um die Auswüchse zu bekämpfen und eine Chancengleichheit herzustellen (siehe auch: Fußball in Europa: Brüssel soll Platini helfen).
Nicht in allen Punkten wird Platinis Grundsatzprogramm auf breite Unterstützung stoßen. Gerade im Mutterland des Fußballs wird der Vorstoß des höchsten europäischen Fußballfunktionärs eher als Angriff gewertet. Schon seit einiger Zeit gibt es bei den englischen Vereinen Befürchtungen, unter dem Deckmantel zum Teil berechtigter moralischer Einwände könnte an einer weitreichenden Einschränkung des freien Wettbewerbs gewerkelt werden - eine Blockade gegen die Premier League, die beste und teuerste Fußballliga der Welt.
Mit Manchester United, Chelsea, Liverpool und Arsenal stehen in der kommenden Woche wieder die vier bestimmenden englischen Klubs im Achtelfinale der europäischen Meisterliga. Manchester United hatte die wichtigste Trophäe des Klubfußballs im vergangenen Jahr gewonnen. Die Expansion soll weitergehen, Wachstumsgrenzen scheint die leistungsstarke Fußballbranche bei allen Fragezeichen hinter der wirtschaftlichen Gesamtsituation nicht zu sehen.
„Trotz Rezession stehen die englischen Klubs mit ihrer Finanzpower ganz oben. Ich glaube, die Premier League wird nach der Krise noch stärker dastehen als jemals zuvor. Der neue Fernsehvertrag für die nächsten Jahre ist noch höher ausgefallen, und hinter den Kulissen spüren wir derzeit deutlich mehr Investoren-Interesse, bei weiteren Vereinen einzusteigen“, sagt Philipp Grothe.
Der Deutsche ist seit mehr als 15 Jahren in diesem Geschäft tätig, seine Agentur Kentaro wächst derzeit kräftig mit, ganz gegen den Trend in anderen Branchen. Vor fünf Jahren gegründet, ist Kentaro inzwischen zu einem Global Player im Sportrechtehandel aufgestiegen und verfügt über viele Verbindungen in den Fußball. Das Team um Grothe und seinen Schweizer Kompagnon Philippe Huber vermarktet vom operativen Hauptsitz in London aus 23 Nationalmannschaften und auch die Premier-League-Klubs Arsenal, Chelsea sowie Manchester City.
Dreißig Spiele der brasilianischen Nationalmannschaft werden zusammen mit einem russischen Finanzunternehmen und arabischen Fernsehsender als „Brazil World Tour“ veranstaltet. In der vergangenen Woche wurde eine der führenden britischen Spielerberatungsagenturen übernommen - die zweite nach der größten auf dem skandinavischen Markt. Der Umsatz soll in diesem Jahr von 100 auf 120 Millionen Euro steigen. „Die vergangenen sechs Monate haben gezeigt, dass der Fußball als Premiumprodukt für Fernsehsender und Sponsoren relativ resistent ist gegen die Wirtschaftskrise. Fußball an der Spitze ist nahezu unverwüstlich“, behauptet Grothe.
„Völlig irrationales und auf Schulden basierendes Wettrüsten“
Und die Premier League ist einsame Spitze. Deren Klubs hatten bereits 2007 die magische Umsatzgrenze von zwei Milliarden Euro erreicht. In der aktuellen Geldrangliste, die von der Unternehmensberatung Deloitte regelmäßig aufgestellt wird, stehen unter den Top-20 sieben Vereine aus der Premier League. Wäre nicht der schwache Wechselkurs des Pfunds, stünden dort noch mehr englische Vereine und rangierte nicht Real Madrid (rund 366 Millionen Euro), sondern Manchester United (325 Millionen) an der Spitze der Finanztabelle.
Seit geraumer Zeit werden jedoch Zweifel am Geschäftsgebaren der Branchenführer vorgetragen - wie von Platini. Aberwitzige Transfersummen, kaum fassbare Schuldenanhäufungen und schwer angezählte Klubeigner sorgen vor allem bei denen für Widerspruch, die sich als gute Wirtschafter sehen. Die finanziell solide Deutsche Fußball Liga spricht von einem „völlig irrationalen und auf Schulden basierenden Wettrüsten“ und verweist mit Recht auf ihre gesunden Vereine wie den spannungsreichen Wettbewerb - alles auf einem anderen Niveau.
„Ich kann über diese unqualifizierten Aussagen nur lächeln“
De facto schieben die englischen Klubs zwar einen gewaltigen Schuldenberg vor sich her, doch andererseits gibt es starke Gegenwerte. „Einige in der Bundesliga haben sich schon gefreut, dass ManU und Chelsea bald pleite sind. Dahinter steckt viel Schadenfreude, es den Engländern, die uns den Schneid abgekauft haben, endlich zurückzahlen zu können. Ich kann über diese unqualifizierten Aussagen nur lächeln“, sagt Grothe. Er rechnet damit, dass die Bundesliga aufgrund ihrer Vorzüge mit den modernen, vollen Stadien und ihren hohen Sponsoringeinnahmen die Lücke zu Italien und Spanien zwar verkleinern kann, aber nicht zu den Engländern - sie wäre somit ein kleiner Gewinner der Krise.
Die Premier League verfügt über eine enorme Dynamik, die nicht alle, aber einige Zahlen weniger tiefrot erscheinen lassen. Gerade wurde mit dem neuen TV-Vertrag ein Rekord aufgestellt. Etwas mehr als zwei Milliarden Euro fließen von der nächsten Saison an über drei Jahre in die Kassen der Vereine, die damit bis 2013 planen können. Zum Vergleich: Die deutschen Profiklubs erhalten in Zukunft 1,65 Milliarden über eine Zeitspanne von vier Jahren. Differenziert müssen auch die Verbindlichkeiten der Großklubs gesehen werden: Die 850 Millionen Euro von Manchester United sind mehr oder weniger der Kaufpreis, den die amerikanischen Investoren dem Verein aufgesattelt haben.
Von den „big four“ ist Liverpool in der schlechten Position
Diese haben aber dafür gesorgt, dass sich die Profitabilität von Manchester verdoppelt hat und das Darlehen problemloser bedient werden kann - ein klassischer Investmentplan. Die Schulden des FC Arsenal resultieren aus dem 600 Millionen Euro teuren neuen Stadion, das zu den einnahmestärksten der Welt gehört. Zum anderen deckt sich der Verein aus dem Verkauf der Luxuswohnungen auf dem Areal des alten Highbury-Stadions. Auch Chelsea verfügt mit seinem Stadion in bester Londoner Wohnlage über einen Immobilienwert, der wohl den Gesamteinsatz seines Besitzers Abramowitsch übertrifft; dort wird jetzt sogar der Sparstift angesetzt.
Von den „big four“ in England scheint sich derzeit der FC Liverpool in der schlechtesten Position zu befinden, was vor allem an seinen kapitalschwachen Eigentümern liegt, die zu alledem zerstritten sind. Hier liegen wichtige Projekte auf Eis - wie der Stadionbau. Doch die enorme Wirtschafts- und Anziehungskraft der Premier League könnte bald weiterhelfen. In dieser Fußballaktie steckt Phantasie. Der reiche Kuweiter Familienklan der Al Khalifa arbeitet im Hintergrund an einer Übernahme bei Liverpool. Bei Arsenal hat gerade der russische Milliardär Alischer Usmanow seinen Anteil auf eine Sperrminorität von mehr als 25 Prozent aufgestockt.
„Der Fußball ist so breit aufgestellt und tradionell verwurzelt“
Ob die Vereine damit zum Spielball einiger Superreicher werden, beschäftigt die Fans in England nicht so sehr wie in Deutschland, wo ohnehin Mehrheitsbeteiligungen außerhalb des Mitgliedervereins nicht erlaubt sind. Der Präsident von Hannover 96 will womöglich dagegen klagen. Aufgefallen ist die Premier League in den vergangenen Jahren nämlich nicht durch chaotische Besitzverhältnisse. Im Gegenteil: Die Eigentümer haben in den meisten Fällen für eine Aufwertung ihrer Fußballunternehmungen gesorgt - bei allen finanziellen Risiken, die nicht zu verleugnen sind.
160 Millionen Pfund gaben die Premier-League-Klubs während der vergangenen Transferperiode im Winter aus - wieder ein Rekord. Die Preisspirale dreht sich weiter - und die Absetzbewegung der Premier League auch. Manch einer sieht in ihr schon eine so starke Marke wie eine NFL (Football) oder NBA (Basketball) in den Vereinigten Staaten, deren Ligen sich als Nabel der Welt sehen. Dann wären die besten Teams in Spanien, Italien oder Deutschland nur noch hoffnungsvolle Collegeteams. Daran glaubt Grothe allerdings nicht. „Der Fußball ist so breit aufgestellt und tradionell verwurzelt.“ Das wird auch Platini gerne hören.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |