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Fußball In der sozialen Krise Frankreichs ist der Sport machtlos

12.11.2005 ·  Schon beim WM-Sieg 1998 war die Integration eine Illusion. Beim Fußball-Länderspiel gegen Deutschland soll ein verstärktes Polizeiaufgebot für Sicherheit im Großraum Paris sorgen.

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Ganz Gallien feierte 1998 den Sieg seiner Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft. Ganz Gallien? Nein, sagt der Soziologieprofessor Patrick Mignon und erinnert daran, daß damals schon viele Bewohner der verarmten Banlieues von Paris den Endspielgegner Brasilien unterstützt hatten. "Etliche trugen Trikots von Ronaldo", berichtet er und verweist darauf, daß die Symbole des französischen Staates - in diesem Fall die Nationalmannschaft - schon vor sieben Jahren von zahlreichen Einwanderern offen abgelehnt wurden.

"Black-blanc-beur", das auf die Herkunft der Fußballstars gemünzte Stichwort für eine gelungene Integration der Ausländer in die französische Gesellschaft, "war schon damals eine Illusion", resümiert Mignon, der am Nationalen Institut für Sport und körperliche Erziehung Experte für Jugend, Gewalt und Prävention ist und zur Weltmeisterschaft die französische Regierung beriet.

Bis heute ein Traum geblieben

Was damals schon nicht die Realität widerspiegelte, ist bis heute ein Traum geblieben, sagt Professor Mignon. Nichts belegt die gescheiterte Integration mehr als die seit zwei Wochen im ganzen Land tobenden Unruhen, die noch nicht ihr Ende gefunden haben. Sind Auswirkungen auf das Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland im Stade de France von Saint Denis zu erwarten, das immerhin in einer der Unruhezonen nördlich von Paris liegt? Die Polizei will auf jeden Fall wachsam sein und hat eine verstärkte Präsenz angekündigt. Im Großraum Paris ist die Zahl der angesteckten Fahrzeuge in der Nacht zum Freitag gegenüber der Nacht davor wieder angestiegen, nämlich von 84 auf 111. Landesweit wurde nur ein leichter Rückgang von 482 auf 463 brennende Autos verzeichnet.

Wie die Ausschreitungen belegen, sind auch die zahlreichen Sportvereine in Frankreich in der sozialen Krise machtlos. Das ist kein neues Phänomen. 1999 etwa mußten die Behörden einmal alle Stadien im Departement Seine-Saint-Denis schließen, nachdem bei mehreren Spielen Gewalt ausbrach und unter anderem ein Torwart mit einem Messerstich verletzt wurde. 273 Klubs und ihre 30.000 Mitglieder waren betroffen.

In der Sozialarbeit nur begrenzt erfolgreich

Frankreich verfügt über eine reiche Infrastruktur an Sportvereinen. 170.000 Klubs mit 14 Millionen Mitgliedern wurden 2001 gezählt. Fast zwei Drittel des nationalen Sportbudgets von 372 Millionen Euro wird im kommenden Jahr für den Breitensport verwendet. Hinzu kommen umfangreiche Mittel der Kommunen. Doch in der Sozialarbeit sind die Vereine nur begrenzt erfolgreich. "Viele sind zu selektiv in Bezug auf die sportliche Leistung", meint Sportexperte Mignon. Auch die Verantwortlichen in den Vereinen würden sich häufig noch aus der Mittelschicht rekrutieren. Sportvereine entfalten ihre Wirkung daher selten in den berühmt-berüchtigten Hochhaussiedlungen, wo sich viele Jugendliche aus jeglicher sozialer Struktur verabschiedet haben.

Mignon kann sich nicht vorstellen, daß es beim Länderspiel am Samstag Krawalle geben werde, denn das typische Profil eines Randalierers entspreche nicht dem der Fußballfans. "Wer Fußballfan ist, der ist in die französische Gesellschaft bis zu einem bestimmten Grad integriert". Den gewaltbereiten Jugendlichen dagegen fehle oft jede Zugehörigkeit, abgesehen von einer territorialen Identität. Viele verließen selten ihr Viertel, sei es aus Angst vor der Welt draußen oder aufgrund fehlenden Geldes für den Transport. Wer sich einem Verein anschließt, mehrmals die Woche trainiert und am Wochenende an Wettbewerben teilnimmt, verläßt dagegen sein angestammtes Umfeld. "Das heißt oft, weniger Zeit mit seinen alten Freunden in der unmittelbaren Umgebung zu verbringen. Für viele ist das keine leichte Entscheidung", glaubt Mignon. Ein Fußballfan muß zudem die Tickets bezahlen können. In Frankreich seien diese zwar auch für Spitzenspiele im Durchschnitt nicht so teuer wie in Großbritannien oder in Italien, aber sie überstiegen dennoch häufig die Mittel der von Sozialhilfe abhängigen Menschen.

Unerreichbar ferne Welt

Die französischen Fußballstars, die häufig aus armen Einwandererfamilien stammen, scheinen indes in einer unerreichbar fernen Welt zu leben. "Einige geben auch den Eindruck ab, daß sie ihre Herkunft vergessen haben", sagt Mignon. Ihre Vorbildfunktion, die Hoffnung auf einen Ausbruch aus dem Ghetto machen könnte, ist damit begrenzt. Doch es gibt auch engagierte Spitzenfußballer in Frankreich, die sich als Anwälte der Banlieues verstehen. Der Verteidiger Lilian Thuram etwa gehört einer Kommission zur Integration von Einwanderern an. In dieser Woche hat er sich zusammen mit seinen Nationalmannschafts-Kollegen Eric Abidal und Florent Malouda über die Unruhen in der Banlieue geäußert.

Thuram warf Innenminister Nicolas Sarkozy vor, mit seiner Wortwahl die Menschen in den Vorstädten provoziert zu haben. Es sei falsch gewesen, von "Gesindel" zu sprechen und von der Notwendigkeit, die Viertel "mit dem Hochdruckreiniger" zu behandeln, tadelte Thuram. Sein Mannschaftskamerad Malouda sagte: "Die Leute in diesen Vierteln sind verzweifelt, daher waren die Vorfälle unvermeidlich." Und Nationalspieler Abidal meinte: "Das Band war überspannt, und jetzt ist es gerissen. Das Phänomen ist nicht neu, und dennoch hat man nie eine Lösung gefunden."

So beurteilten es die Nationalspieler auf Martinique, bevor sie zu einem Benefizspiel gegen das von einem schweren Flugzeugsabsturz heimgesuchte Costa Rica antraten. Anschließend spendeten sie 30 Prozent ihrer Spielprämien den betroffenen Familien, 4500 Euro je Spieler. Ein "service minimum", wie der "Figaro" angesichts ihrer hohen Gehälter meinte.

Quelle: F.A.Z. vom 12. November 2005
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