Home
http://www.faz.net/-gtm-763cu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball in Ägypten „Einfach wieder spielen - das wäre verantwortungslos“

Am Freitag soll in Ägypten die Fußballsaison wieder starten. Der Auftakt steht nach neuerlichen Auseinandersetzungen aber in Frage. Der Präsident der Spielervereinigung spricht im F.A.Z.-Interview über einen Boykott und seinen Rat an die Spieler.

© REUTERS Vergrößern Nach den Todesurteilen feiern die Fans von Al Ahly den Richterspruch

Als Präsident der ägyptischen Spielervereinigung vertritt Magdy Abdel Ghani die professionellen Fußballer seines Landes. In den Achtzigern bestritt der 53 Jahre alte frühere Mittelfeldspieler 400 Partien in der heimischen Liga für den alles dominierenden Klub Al Ahly aus Kairo und gehörte zu den Stützen der Nationalmannschaft, mit der er auch an der Weltmeisterschaft in Italien 1990 teilnahm.

Abdel Ghani gehört auch zum Präsidium des ägyptischen Fußballverbandes. Nach dem Blutbad von Port Said am 1. Februar vor einem Jahr, bei dem mehr als 70 Al-Ahly-Fans getötet wurden, steht die Liga still. Am kommenden Freitag sollte eigentlich die neue Saison beginnen, doch nach den Todesurteilen vom Samstag und den neuerlichen Auseinandersetzungen steht der Start in Frage.

Mehr zum Thema

Die Todesurteile gegen die mutmaßlichen Täter von Port Said haben zu neuer Gewalt auf den Straßen geführt. Sind unter diesen Umständen Fußballspiele in Ägypten überhaupt möglich?

Niemand in diesem Land kann derzeit Sicherheit garantieren - schon gar nicht für Spieler und Zuschauer bei Fußballspielen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Mannschaften da hinausgehen und einfach wieder spielen. Unmöglich. Das wäre verantwortungslos. Wir wollen ja nicht wieder Tote haben bei einem Fußballspiel. Es ist wirklich fürchterlich.

Haben Sie den Spielern schon geraten, den Ligastart zu boykottieren?

Auch den Vereinsverantwortlichen steht nicht der Sinn danach, das Leben von Menschen beim Fußball zu riskieren. Aber viele Klubchefs sind jung und unerfahren. Da sehe ich ein Risiko. Und die Politik interessiert sich sowieso nicht für uns. Es wird gerade beraten, was am Wochenende gemacht wird. Es kann nur eine Entscheidung geben - nicht spielen. Aber wir wissen nicht, was passiert.

Sie haben selbst als Spieler viele Jahre für Al Ahly gespielt. Wie beurteilen Sie die Reaktion vieler Fans des Klubs, die die Todesurteile mit Freudenfeiern und einem Gefühl der Rache aufgenommen haben?

Ich habe selbst einen jungen Mann gekannt, der in Port Said umgebracht worden ist. Die Urteile sind der erste Schritt zu einer gewissen Gerechtigkeit. Die Täter, die ja gemordet haben, mussten bestraft werden. Deshalb verstehe ich die Genugtuung. Schlimm ist, dass es jetzt überall wieder Kräfte gibt, die Gruppen aufhetzen. Das wird politisch ausgenutzt. Schrecklich. Eigentlich sind wir Ägypter freundliche und friedliche Menschen.

Es gab jetzt ein Jahr lang keinen Ligabetrieb. Was haben die Spieler die ganze Zeit gemacht?

Die Vereine haben trainiert, einige Freundschaftsspiele gemacht und wieder trainiert. Immer so weiter, für die Spieler und ihre Familien ist das eine ziemliche Belastung, weil die Klubs auch weniger Geld an sie gezahlt haben. Einige Spieler konnten im Ausland einen Vertrag bekommen. Aber das war die absolute Minderheit. Ich habe schon Briefe an die Fifa (Internationaler Fußball-Verband) geschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass einige Vereine selbst die Minimalfürsorge gegenüber den Spielern nicht mehr einhalten. Aber da kommt nichts.

Was raten Sie den Spielern jetzt?

Sucht euch einen Job im Ausland. Hier gibt es keine Zukunft für euch. Hier herrscht Chaos. Aber ich weiß ja auch, dass nicht alle der 500 Profispieler einfach mal schnell einen Vertrag bei einem ausländischen Klub bekommen.

Ihre Nationalmannschaft gewann 2010 den Afrika Cup zum dritten Mal in Folge. Der Klub Al Ahly holte siebenmal den Titel in der afrikanischen Champions League. Welche Perspektive sehen Sie unter den aktuellen Bedingungen für den Fußball in Ihrem Land?

Eine sehr schlechte. Wir rücken immer mehr ins Abseits. Aber ich hoffe, dass unser Volk irgendwann zur Ruhe kommt.

Die Fragen stellte Michael Ashelm.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Gespräch: Leverkusen-Trainer Schmidt Wir wollen neunzig Minuten unterhalten

Dank Roger Schmidt macht Leverkusen mächtig Eindruck. Im Interview spricht der Bundesliganeuling vor dem Spiel gegen Werder Bremen (20.30 Uhr) über das Trainerleben und den bislang mitreißenden Bayer-Fußball. Mehr

06.09.2014, 19:24 Uhr | Sport
Daumen drücken für die deutsche Mannschaft

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht vor dem letzten und entscheidenden Gruppenspiel gegen die USA. Bei der Abfahrt nach Recife haben Fans den Spielern noch mal ordentlich Mut zugejubelt. Mehr

25.06.2014, 11:06 Uhr | Sport
Thomas Schaaf und Benno Möhlmann Wir machen uns das Leben gegenseitig nicht schwer

Zwei Bremer in Frankfurt: Eintracht-Trainer Thomas Schaaf und FSV-Coach Benno Möhlmann sprechen vor dem Test ihrer Teams an diesem Freitag (18.30 Uhr) im F.A.Z.-Doppelinterview über Geheimnisse, Heimat und Freundschaft. Mehr

05.09.2014, 10:45 Uhr | Sport
Al Sisi als neuer ägyptischer Präsident vereidigt

Der ehemalige Armeechef Al-Sisi ist in Ägypten als neuer Präsident vereidigt worden. Er legte seinen Amtseid in Kairo vor Mitgliedern des Obersten Verfassungsgerichts ab. Drei Jahre nach dem Arabischen Frühling und dem Sturz von Langzeitpräsident Mubarak steht damit wieder ein Mann aus dem Militär an der Spitze des Landes. Mehr

08.06.2014, 18:12 Uhr | Politik
Eishockeytrainer Zach Im Eishockey wird perspektivlos gedacht

Am Freitag startet die Deutsche Eishockey-Liga in die neue Spielzeit: Der ehemalige Bundestrainer Hans Zach spricht im Interview über schlechte Jugendarbeit, bittere Wahrheiten und die vielen Niederlagen der Klubs in internationalen Spielen. Mehr

11.09.2014, 17:10 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.01.2013, 11:25 Uhr

Ein Trainer als Spielball

Von Frank Heike

Das Traditionshaus hält viel auf seinen Namen, seinen Stil. Doch die sportlichen Angestellten fliegen reihenweise. Mirko Slomka hatte beim HSV keine Chance und reiht sich ein bei vielen Teilzeitarbeitern. Mehr 1 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik