Home
http://www.faz.net/-gtm-y3f6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball in 3D Stunde null für die Fernsehzukunft

02.02.2010 ·  Ein britischer Sender strahlt das erste Fußballspiel in dreidimensionaler Darstellung aus. Die Meinungen bei den Zuschauern sind geteilt. Fachleute warnen vor zu hohen Erwartungen: 3D ist nicht gleich 3D.

Von Marcus Theurer, London
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Railway Tavern am Londoner Bahnhof Liverpool Station hat nichts Futuristisches an sich. Es ist Sonntagnachmittag, und hinter den efeuumrankten Fenstern der nostalgischen Eckkneipe soll die Zukunft beginnen - die Fernsehzukunft jedenfalls, so hat es der britische Bezahlsender BSkyB angekündigt. Die Railway Tavern ist eines von neun Pubs in Großbritannien und Irland, in denen Sky zum ersten Mal ein Fußballspiel live mit dreidimensionalem Bild ausstrahlt. Ein Techniksprung, vergleichbar nur mit der Einführung des Farbfernsehens vor 40 Jahren, behauptet das Unternehmen.

Es geht diskret zu. Kein Schild weist hier auf das - laut Sky-Werbung - „historische Event“ hin. An der Theke im Erdgeschoss wartet das Stammpublikum auf den Anstoß der Erstliga-Partie zwischen Arsenal London und Manchester United - ohne 3-D-Effekt. Nur an der Treppe, hinauf in den Veranstaltungsraum im ersten Stock hängt ein Zettel: „Geschlossene Gesellschaft“. Der Weg in die Fernsehzukunft führt vorbei an einem Türsteher. Um einen Volksauflauf zu vermeiden, hat der Fernsehsender die Namen der neun Pubs geheim gehalten und geladene Gäste erst kurzfristig über den Veranstaltungsort informiert.

Dunkle 3-D-Plastikbrillen

Oben im „Engine Room“ sehen alle aus wie Ray Charles mit ihren dunklen 3-D-Plastikbrillen, die am Eingang verteilt werden. An der Wand hängt ein großformatiger Fernseher des koreanischen Herstellers LG. Es ist eines der ersten 3-D-Geräte. Im Handel zu kaufen gibt es sie noch nicht. Erst im Lauf des Jahres bringen Elektronikriesen wie LG, Sony und Panasonic die zum Empfang nötigen neuen Apparate auf den Markt. Doch der Bezahlsender Sky hat es eilig: Schon im April will Unternehmenschef Jeremy Darroch Hunderte von Pubs mit den Hightech-Fernsehern versorgen. Später im Jahr soll die dritte Dimension die britischen Wohnzimmer erreichen. Dann will Darroch ein 3-D-Abonnement mit Sportübertragungen, Spielfilmen und Dokumentationen auch für Privatkunden anbieten.

Für deutsche Fernsehzuschauer bleibt die neue Technik dagegen vorerst Zukunftsmusik. Beim hochdefizitären Münchner Schwesterkanal Sky Deutschland (früher Premiere) haben sie andere Sorgen. Der neue Vorstandsvorsitzende Brian Sullivan ist binnen 16 Monaten der dritte Unternehmenschef, der den Krisensender auf Kurs bringen soll. „Unglaublich spannend“ findet Sullivan das 3-D-Fernsehen. Es sei auch in München „mit Sicherheit eine Option für die Zukunft“. Konkrete Pläne aber gebe es bisher nicht. Sky Deutschland schreibt dreistellige Millionenverluste.

Sky UK ist hochprofitabel

Solche Sorgen hat Jeremy Darroch in Großbritannien nicht. Er leitet einen der erfolgreichsten Fernsehsender Europas: Sky UK ist hochprofitabel, wächst auch in der Rezession und hat inzwischen knapp 10 Millionen Kunden - viermal so viele wie die deutsche Schwester. „3D ist für uns die nächste große Herausforderung“, sagt der Fernsehmanager. Andere sehen das genauso. In den Vereinigten Staaten will der Disney-Sportsender ESPN dieses Jahr ebenfalls den ersten 3-D-Kanal anbieten. Spätestens seit dem Weltrekord von James Camerons 3-D-Film „Avatar“ an den Kinokassen ist die Technik für die Unterhaltungsbranche zum heißesten Thema der Saison avanciert. Hollywood-Studios, Videospiele-Hersteller, Elektronikkonzerne hoffen auf das große Geschäft.

Selbst das in den vergangenen Jahren von der Industrie favorisierte hochauflösende Fernsehen (HD) sei im Vergleich zu 3D langweilig, sagt Darren Long, der Sportchef von Sky in Großbritannien: „Damit sehen Sie zum ersten Mal auch die kleinen Bodenwellen auf dem Golf-Green und warum der Spieler beim Putten das Loch verfehlt hat.“

Klingt toll, doch Branchenbeobachter warnen vor zu großen Erwartungen: 3D ist nicht gleich 3D. Mit der Bildqualität von dreidimensionalen Filmen auf der modernen Bluray-DVD werde das 3-D-Fernsehen nicht mithalten können, sagt Tom Morrod, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Screen Digest. „Viele Zuschauer werden wohl etwas enttäuscht sein“, befürchtet der Fachmann.

3D-Film auf Bluray

Um die dritte Dimension mit der heutigen technischen, Infrastruktur übertragen zu können müssen die Fernsehmacher vorerst Kompromisse schließen. Die Kunden von Sky sollen das 3D-Programm über ihre vorhandenen HD-Empfangsboxen sehen können. „Deshalb müssen bei der Bildauflösung Abstriche gemacht werden“, sagt Morrod. „Wenn Sie einen 3D-Film auf Bluray anschauen, wird die Auflösung viermal höher sein als im 3-D-Fernsehen.“ Andernfalls müssten die Sender große Teile ihrer Übertragungstechnik austauschen, was sich bei der zunächst kleinen Zahl von 3-D-Zuschauern noch nicht rechne. Screen Digest erwartet, dass es acht Jahre dauern wird, bis die Hälfte der Briten ein 3-D-Fernsehgerät haben wird. „In Deutschland wird die Einführung sicher noch einige Zeit länger brauchen“, prognostiziert Morrod.

Bei der Londoner 3-D-Premiere von Sky in der Railway Tavern sind in der Halbzeitpause die Meinungen geteilt: Ein Mittzwanziger ist nicht so recht beeindruckt. „Ein leichter Unterschied“ zum normalen Fernsehen sei ja zu erkennen, sagt der Sky-Abonnent. „Aber deshalb kaufe ich mir nicht gleich einen 3-D-Fernseher.“ Nick Evans ist dagegen begeistert. „Eine tolle Sache“ sei das neue Angebot von Sky, findet der 65 Jahre alte Arsenal-Fan. Evans hat sich seinen ersten Fernseher zur Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in Großbritannien zugelegt. „Wenn es damals schon 3D gegeben hätte, dann hättet beim Wembley-Tor auch ihr kapiert, dass der Ball hinter der Linie war.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

Jüngste Beiträge

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr

Ergebnisse, Tabellen und Statistik