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Fußball-Idol Socrates Vorbild und Alkoholiker

27.09.2011 ·  Schon während seiner aktiven Zeit feierte er gerne, trank viel, rauchte viel. Jetzt ist Socrates nach einer Leberzirrhose aus der Klinik entlassen worden. Sein Leben hängt am seidenen Faden.

Von Peer Vorderwülbecke
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© AFP Der brasilianische Mittelfeldspieler Socrates stand für hohe Fußballkunst

Das Gesicht aschfahl, dunkle Ringe unter den Augen, die ergrauten Locken mit einem Stirnband gebändigt. Mit unsicheren Schritten, gestützt auf seine Frau Katia, verließ Socrates Ende vergangener Woche das Hospital Albert Einstein in São Paulo. Nur noch wenig erinnerte an den kraftvollen und stets aufrechten Sportsmann. Aber es ist schon ein kleines Wunder, dass sich das brasilianische Fußballidol überhaupt wieder berappelt hat. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen war er ins Krankenhaus gebracht worden mit inneren Blutungen aufgrund einer Leberzirrhose. Sogar ins künstliche Koma hatten ihn die Ärzte versetzt. Es war wohl die Körperkonstitution eines ehemaligen Leistungssportlers und der Wille eines unbeugsamen Kämpfers, der den 57 Jahren alten Socrates überleben ließ.

Fußballspieler wie Socrates gab es nur wenige – in Brasilien und auf der ganzen Welt. Er war der Prototyp des mündigen Profis, noch bevor der Begriff erfunden wurde. Die ganz großen sportlichen Triumphe blieben Socrates verwehrt, trotzdem bewundern die ansonsten erfolgsfixierten Brasilianer diesen Mann, der dem Medizinstudium den Vorrang vor der Profilaufbahn gegeben hatte. Sie verehren ihn, weil er zu Zeiten der Militärdiktatur in der legendären Demokratiebewegung im Fußballklub Corinthians São Paulo das Wort führte. Und natürlich schwärmen sie für ihn, weil er ein begnadeter Fußballspieler war. Eine Mischung aus Franz Beckenbauer und Paul Breitner. Dem einen glich er in Eleganz und Spielverständnis, dem anderen in Charakterstärke und Gradlinigkeit.

Warum rang das große Vorbild plötzlich mit dem Tode? Weil es alkoholkrank ist. „Ja, ich bin Alkoholiker“, gestand der studierte Mediziner, den Sie auf dem Fußballplatz respektvoll Doktor gerufen haben. „Morgens ein Gläschen, nachmittags ein Gläschen, so hab ich am Tag eine Flasche Wein getrunken“, schildert Socrates den unauffälligen Alltag seiner Sucht. „Der Alkohol war mein täglicher Begleiter, so wie Zigaretten“, gibt er freimütig zu und ergänzt: „Von Zigaretten war ich auch abhängig.“

Socrates war nie ein kühler Intellektueller, im Gegenteil, er war ein Lebemann. Schon während seiner aktiven Zeit feierte er gerne, trank viel, rauchte eine Packung Zigaretten am Tag und spielte leidenschaftlich Gitarre. Training hielt er immer für unwichtig, war er doch mit übermäßigem Talent gesegnet. Zu Beginn seiner Profikarriere trainierte er fast überhaupt nicht. Er verbrachte seine Tage an der medizinischen Fakultät, spielte für den Provinzklub in Riberão Preto. 101 Tor erzielte er in vier Jahren für den Verein, zwischendurch wurde der Teilzeit-Profi Torschützenkönig der Landesmeisterschaft von São Paulo.

1978, nach dem Abschluss seines Studiums, wechselte der Doktor zu Corinthians, einem der größten Vereine des Landes. Corinthians ist auch heute noch ein Kult-Klub, weil die Spieler um Socrates Anfang der achtziger Jahre die „Democracia Corinthiana“ propagierten. Eine Art basisdemokratische Selbstverwaltung, in der Entscheidungen durch Wahlen herbeigeführt wurden. Einerlei, ob es um Trainingszeiten, Spielvorbereitungen oder Trainerentlassungen ging: Die einfache Mehrheit zählte. Dabei hatte der Präsident dieselbe Stimme wie der Platzwart. Und das, während Brasilien immer noch von einer Militärdiktatur regiert wurde.

Socrates positionierte sich stets politisch im linken Spektrum, öffentlich machte er sich stark für die Kampagne „direitas já“, die von der Militärdiktatur demokratische Rechte einforderte. Der Wortführer Socrates war auch auf dem Platz ein Anführer. Knapp 300 Partien absolvierte der Spielmacher für Corinthians, schoss dabei 172 Tore. Socrates war extrem vielseitig, er traf aus der Distanz, genauso wie per Kopf, mit Freistößen ebenso sicher wie im Alleingang gegen den Torwart. Am liebsten spielte er aber mit der Hacke. Wohl kein anderer Weltklassespieler hat so viele Pässe mit der Hacke gespielt. Selbst Tore hat er so erzielt. In der Nationalmannschaft bildete er mit Zico, Falcao und Toninho Cerezo das magische Viereck. Die Mannschaft Anfang der achtziger Jahre gilt noch heute neben der Selecao von 1970 um Pele als die beste in der brasilianischen Fußball-Geschichte. Sokrates war ihr Kapitän, sowohl bei der WM 1982 als auch 1986 – der große Triumph blieb ihm verwehrt, was aber seinem hohen Ansehen nicht schadete.

„Es war der Alkohol“

Als Socrates Ende August seine Alkoholsucht eingestand, war Brasilien geschockt, die Nachricht ging durch alle Medien. Aber genau das wollte Socrates. Noch als er im Krankenhaus lag, schickte er seine Frau Katia Bagnarelli vor die Presse. Ihr Mann wolle eine Kampagne gegen Alkoholismus starten, sagte sie den Journalisten. Noch am Tag seiner ersten Entlassung Anfang September gab der erschöpft wirkende Altstar ein Interview: „Ich habe weder Hepatitis A oder C, die ähnliche Symptome auslösen können. Es war der Alkohol.“ Detailliert schilderte der Mediziner die Folgen seiner Leberzirrhose und wie es dadurch zu den heftigen Blutungen in seinem Magen kam. Sein Leben hing an einem seidenen Faden. „In solchen Stunden wächst man. Ich verlasse das Krankenhaus stärker, größer und mit mehr Verantwortung als vorher“, gab Socrates zu Protokoll. Nie wieder dürfe er auch nur einen Tropfen Alkohol trinken.

Eine Woche später musste Socrates wieder auf die Intensivstation. Wieder innere Blutungen, diesmal heftiger als zuvor. Das Krankenhaus wurde mit Genesungswünschen aus ganz Brasilien überhäuft. Während die Ärzte noch um sein Leben bangten, kommunizierte der Doktor bereits mit seinen Fans via Facebook: „Unterstützt mich weiterhin. Wir gewinnen. Das Leben ist die pure Freude. Danke, danke, danke.“ Die Entlassung aus der Klinik, die wenig später seinen Optimismus zu bestätigen scheint, kann aber nur als Etappensieg betrachtet werden. Jetzt braucht Socrates eine Spenderleber. Und weiterhin seinen unverwüstlichen Siegeswillen. Und die Lust am Leben.

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