Mark Verstegen könnte aus einem Hollywood-Film stammen. Seine rasiermesserscharf geschnittenen Haare stehen kerzengerade vom Kopf ab. Wenn er läuft, ist sein breites Kreuz durchgedrückt und das Kinn entschlossen nach vorne gereckt. Wenn er spricht, verströmt er eine Energie, der sich die Leute kaum entziehen können.
Er sieht aus wie einer der Typen, die in Action-Movies die Soldaten drillen, bis die vor Erschöpfung nicht mehr laufen können, die ihn dafür hassen, aber am Ende, wenn sie die Tortur überstanden haben, in den höchsten Tönen schwärmen. Mark Verstegen aber trägt keine Uniform, sondern ein Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, und ganz so schlimm kommt es natürlich nicht, wenn er seine Kommandos gibt und die besten deutschen Profis sich strecken, dehnen und rennen.
Mission zu erfüllen
Aber daß Mark Verstegen von „Athletes' Performance“ in Arizona hier eine Mission erfüllen will, das ist keine Frage. Er „will den Welt-Pokal nach Hause bringen“, sagt er. Deutschland Weltmeister 2006 - das ist sein Ziel, und er ist Teil eines Teams, das in diesen Tagen von nichts anderem mehr spricht. Aber noch sind es 15 Monate, bis es losgeht.
Joachim Löw hält am Mittwoch den Ausdruck einer Powerpoint-Präsentation in die Luft. Es geht darin um den Weg zum Titel, das große Thema in diesen Tagen vor dem Test-Länderspiel am Samstag in Slowenien. Auf einer Seite ist eine Pyramide abgebildet. Sie ist eingeteilt in verschiedene Bausteine. Teamspirit, verschworene Gemeinschaft heißt einer davon.
Der Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann redet aber nicht, wie Trainer gewöhnlich auf Pressekonferenzen reden. Er spricht in diesem Moment wie ein Manager oder Unternehmensberater, der ein neues Produkt vorstellt. Die Nationalmannschaft befindet sich derzeit, so steht es im Zeitplan der Führung, in der zweiten Phase. Es geht nun darum, die Mannschaft „als Titelanwärter zu positionieren“, sagt Löw.
Dem Zufall keine Chance
Nichts wird dem Zufall überlassen. Diesen Eindruck versuchen der Bundestrainer und seine vielen Helfer den Spielern und der Öffentlichkeit derzeit eindringlich wie nie zuvor während ihrer achtmonatigen Teamarbeit zu vermitteln. Alles hängt mit allem zusammen: Konditionsarbeit, Spielphilosophie, Psychologie, Lebensführung, Persönlichkeitsentwicklung.
Einige Nationalspieler hören Begriffe und Formulierungen, die sie noch nie gehört hatten, bevor sie zum Team Klinsmann kamen. In den kommenden Monaten wollen sie ein Spielerprofil erstellen, worin alle Stärken und Schwächen aufgeführt werden. Die Mitspieler sollen alles voneinander wissen, ihre Stärken kennen und die Schwächen des anderen akzeptieren.
Nur noch mit Plan
Zuletzt, beim Spiel gegen Argentinien (2:2), attackierte die Mannschaft den Favoriten siebzig Minuten mit Volldampf. Aber als die Kräfte schwanden, hatten sie keinen anderen Plan parat. Sie hätten versuchen müssen, „den Ball zu monopolisieren“, sagt Löw. Daran werden sie arbeiten.
Aber ohne Kondition ist alles nichts. Die körperliche Fitness galt gerade einem Spieler wie Jürgen Klinsmann als unbedingte Voraussetzung für den Erfolg. „Es ist die Basis unserer Philosophie“, sagt Löw. Und über den Körper als wichtigstes Kapital kann auch Mark Verstegen eine Menge sagen. Er vergleicht den Organismus eines Hochleistungssportlers mit einem Formel-1-Renner. „Er kann nach 100.000 Meilen zerstört sein“, sagt der Fitness-Coach, „oder noch 100.000 Meilen fahren.“ Es kommt darauf an, wie er behandelt worden ist.
Ohne Kondition ist alles nichts
Einige Spieler haben von den Übungen, die Verstegen mit ihnen machte, um ihren Körper länger laufen zu lassen, noch nie etwas mitgekriegt. Die Unterschiede seien groß zwischen den Neulingen und denjenigen, die schon seit ein paar Monaten fleißig ihre Übungen machten, sagt der Amerikaner: In dessen Institut lassen sich zahlreiche Größen des amerikanischen Profisports ihren Körper optimieren, sportartspezifisch.
Bei der Nationalmannschaft geht es vor allem darum, Dysbalancen im Körper zu beheben und den Körper auf die Dauerbelastungen einer elfmonatigen Saison auszurichten.
Robert Huth kennt das alles schon. Beim FC Chelsea gibt es schon lange einen Fitness-Trainer, und die Übungen sind ziemlich ähnlich. Er ist trotzdem „begeistert“ von der Dynamik in der Nationalmannschaft. Auch Löw gab sich angetan von den Fortschritten und der Motivation der Profis. „Mein Eindruck ist sehr positiv. Beim Ausdauertest sind alle bis ans absolute Limit gegangen.“ Aber das reicht vielleicht noch nicht, um sich mit der Welt zu messen. „In England“, sagt Huth lakonisch, „geht alles noch ein bißchen schneller.“