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Fußball Der WM-Marktplatz für den Souverän

30.11.2004 ·  WM-Parties 2006 mit Videowänden in jeder Stadt? Der Internationale Fußball-Verband und die Agentur, der die Fernsehrechte gehören, sträuben sich noch. Schon wird der Volkszorn mobilisiert.

Von Michael Reinsch
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Gut möglich, daß sie beim Internationalen Fußball-Verband (Fifa) und bei der Rechteagentur Infront nicht so recht geahnt hatten, was für eine Wucht das öffentliche Interesse an der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland entwickeln würde. Sie hörten Markt und dachten an Vermarktung. Die Rede war aber von Marktplätzen als Bühne des öffentlichen Lebens. Plötzlich fordert nun die Politik für das Volk seinen Anteil an dem Ereignis, das den Sommer 2006 prägen soll: WM-Parties mit Videowänden und Bierbuden in jeder Stadt!

Peer Steinbrück, Ministerpräsident von Nordrhein Westfalen, schimpfte auf dem Boulevard über die Zögerlichkeit der Fifa und drohte, die Feiern zum Thema aller Ministerpräsidenten zu machen. Aus dem Kanzleramt ist zu hören, man habe das Thema im Blick, auch wenn man sich noch nicht äußere. Die Sportminister der Länder taten bei ihrer Konferenz in Halle so, als drohten die Deutschen von der Weltmeisterschaft im eigenen Land ausgeschlossen zu werden. Es folgte die kaum verholene Aufforderung von Franz Beckenbauer, unter anderem Chef des Organisationskomitees der WM, Volksfeste vor Bildschirmen zu feiern; man könne ja nicht jedes Dorf kontrollieren.

Preise und Regularien noch offen

Gut möglich, daß sie nun erst verstanden haben, die Herren der Rechte, welche Dimension ihre Veranstaltung entwickelt. Die Fußball-Weltmeisterschaft quillt aus den zwölf Stadien, die für sie gebaut worden sind, und sie drängt aus dem Fernsehen in der guten Stube und der Eckkneipe. Von Dresden bis Bremen, von Saarbrücken bis Schwedt wollen Fußballfans gemeinsam die Spiele sehen und die Ergebnisse feiern. Noch allerdings haben weder Fifa noch Infront mitgeteilt, wie sie sich das vorstellen; Bürgermeister und Minister warten seit Monaten auf Preise und Regularien für die Lizenzvergabe für das sogenannte Public Viewing. Weder der Verband noch die Agentur sahen sich in der Lage, dieser Zeitung Fragen zum Thema zu beantworten.

Der politische Wille hat sich längst formiert zur Übertragung des Fußballs in die Tiefe des öffentlichen Raums. Bund, Länder und Gemeinden wollen die Aufmerksamkeit der Welt zu einer Standortkampagne nutzen. Welche Chance, die Deutschen beim Jubel unter Linden und vor Fachwerkensembles zeigen zu können, und zu Gast bei ihnen Fußballfreunde aus aller Welt. "Man wird sicherlich einige Sponsoringregeln der Fifa beachten müssen, doch ich bin zuversichtlich, daß zwischen Fifa, Infront, dem OK und den WM-Städten großzügige und zufriedenstellende Regelungen gefunden werden", sagt Innenminister Otto Schily. Wie wichtig Feiern sind, demonstrierte er mit der Entscheidung, vor dem Eröffnungsspiel in München ein zwanzig Millionen Euro teures Eröffnungsfest in Berlin zu veranstalten. Die Party hat mit allen Kosten und Rechten inzwischen die Fifa übernommen.

Die Plätze sind knapp

Auch als Kompensation sind öffentliche Aufführungen der Fußball-WM wichtig. Sobald im Februar 2005 die erste Tranche Eintrittskarten vergeben ist, wird das Publikum realisieren, wie knapp die Plätze bei den 64 Spielen sind. Die Politiker, die Milliarden für die neuen Stadien und ihren Anschluß an die Infrastruktur ausgegeben haben, werden alles tun, dem Souverän ausgerechnet im Wahljahr 2006 das Gefühl zu ersparen, ausgeschlossen zu sein von seiner Weltmeisterschaft. Und dann gibt es noch ein Horror-Szenario: Der Turnierverlauf ergibt, vielleicht in Köln, die Begegnung Niederlande - Türkei. Zehntausende Fans strömen in die Stadt, und nirgendwo gibt es Eintrittskarten. Auf alle Fälle braucht es, schon aus Gründen der öffentlichen Ordnung, Anziehungspunkte für Fußballfans. Die Party - Teil der Sicherheitsstrategie im Sommer 2006.

Sicher ist, daß in den WM-Städten Berlin, Leipzig, Hannover, Hamburg, Dortmund, Gelsenkirchen, Köln, Frankfurt, Kaiserlautern, Stuttgart, Nürnberg und München WM-Parties vor Riesenbildschirmen stattfinden werden. Hamburg plant sie auf dem Rathausmarkt, Berlin auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor, München im Olympiapark. Zweieinhalb Millionen Euro soll so ein Festplatz kosten. Das ZDF wird zudem auf dem Potsdamer Platz in Berlin und die ARD mit drei Roadshows WM-Fußball unters Volk bringen.

Bei diesen Premium-Events mögen noch die Top-Sponsoren der Fifa mit Equipment und eigenem Programm einsteigen; darunter die Bierbrauer Anheuser-Busch sowie Coca-Cola und McDonalds. Doch was ist mit den andern Veranstaltungen? Ein Anruf, und die örtliche Brauerei steigt ein? Die Zeiten scheinen vorbei. Der Fußball bringt gemeinsame Feste auf den Markt, aber er trägt sie auch zu Markte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.12.2004 / Nr. 281
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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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