Home
http://www.faz.net/-gtm-qayt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball „Der Lear-Jet stand schon bereit“

10.04.2005 ·  Ottmar Hitzfeld, der ehemalige Coach des FC Bayern München, äußert sich im Interview mit der Sonntagszeitung über seine Zukunft als Trainer, ein Abenteuer in China und die menschliche Enttäuschung Mourinho.

Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Ottmar Hitzfeld, der ehemalige Coach des FC Bayern München, äußert sich im Interview mit der Sonntagszeitung über seine Zukunft als Trainer, ein Abenteuer in China und die menschliche Enttäuschung Mourinho.

Wo sind Sie gerade?

In Engelberg.

In Ihrer Schweizer Ferienwohnung. Da sind Champions League und aktuelle Sorgen Ihrer ehemaligen Mannschaft vom FC Bayern weit weg.

Ich fiebere mit vor dem Fernseher. Ich kenne ja alle Spieler, hoffe, daß sie erfolgreich sind.

Wie sind Ihre Erkenntnisse des Schlagabtauschs gegen Chelsea?

Die Bayern haben ein gutes Spiel gemacht die erste Stunde. Das 0:1 war unglücklich, aber sie haben das Spiel im Griff gehabt. Doch zu einem Zeitpunkt, wo man gedacht hat, sie sind durch den Ausgleichstreffer psychologisch im Vorteil, erwacht plötzlich Chelsea. Das war die Überraschung des Spiels.

Die Engländer wirken sehr selbstbewußt und kraftvoll, haben sich auch von dem Theater um ihren gesperrten Trainer Mourinho überhaupt nicht verunsichern lassen - im Gegenteil.

Das wollte ich damit sagen, daß Chelsea eine positive Wirkung zeigte nach dem 1:1 und nicht geschockt war, sondern das Tempo erhöhte.

Sind deshalb die Erwartungen Ihrer ehemaligen Mannschaft fürs Rückspiel am Dienstag nicht zu hoffnungsvoll?

Das gehört zur Mentalität einer Mannschaft, zur Philosophie der Bayern, daß man alles dransetzt, versucht, jedes Prozent herauszukitzeln, um weiterzukommen.

Welche Möglichkeiten bleiben Ihrem Nachfolger Magath beim Rückspiel am Dienstag noch?

Das wird sehr schwer, weil Chelsea sehr stabil ist, das zeigen die Ergebnisse in der Meisterschaft. Trotzdem hat Bayern praktisch ohne Angriff zwei Tore geschossen, und jetzt spielen Makaay und Pizarro wieder, da kann man schon Optimismus verbreiten.

Sie haben offen Kritik am Kollegen Mourinho vom FC Chelsea geübt, der vom europäischen Verband wegen verbaler Attacken für die Spiele gegen München gesperrt worden ist. So kennen wir den Gentleman Hitzfeld gar nicht. Was war der Grund?

Das war einfach meine Meinung. Sportlich gesehen ist Mourinho ein super Trainer und er hat großartige Erfolge. Aber er hat mich menschlich enttäuscht.
Es gehört doch zum Zeitgeist in diesem Geschäft, Aggressivität offen zur Schau zu stellen.

Ist das nicht der Trend?

Ich sehe da keinen Trend. Ich sehe das nur bei Mourinho. Die anderen Trainer der Champions League haben sehr große menschliche Qualitäten, die sie auch zum Ausdruck bringen. Da hat Mourinho noch Nachholbedarf.

Manche Trainer schwören auf derartige Psycho-Tricks.

Das ist nur von kurzlebiger Dauer, daß man mit solchen Tricks eine Mannschaft motivieren kann. Die tägliche Arbeit mit der Mannschaft ist viel wichtiger. Man muß den Spielern das Bewußtsein geben, wie wichtig ihr Job ist und wie viele Millionen Zuschauer sie zufriedenstellen können, daß harte Arbeit hinter allem steckt.

Was bedeutet für Sie abseits der coolen Mourinho-Methodik Psychologie im Fußball?

Das wichtigste ist, aus eigenen Fehlern zu lernen. Das habe ich von Anfang an gemacht. Bei Interviews, bei denen ich nicht mit mir zufrieden war, bei Ansprachen an die Mannschaft, die nicht so fruchteten. Die reflexive Besinnung ist sehr wichtig. Ich bin mehr ein Autodidakt und lerne aus meinen Fehlern und den Fehlern anderer Trainer. Man muß sein Verhalten und das Verhalten der Gruppe analysieren. Die Interaktion, das ist ein Lieblingsthema von mir.

Jetzt sitzen Sie in den schönen Schweizer Bergen, weit weg von allem Fußballstreß. Warum wollen Sie nach Ihrem Jahr Pause unbedingt wieder angreifen?

Ich möchte es total offenlassen, wie meine Zukunft aussieht. Der Trainerberuf ist ein toller Beruf - natürlich mit Druck dahinter. Da gewöhnt man sich aber dran.

Wieviel Überwindung kostet es, sich aus der Ruhe wieder auf einen Trainerjob vorzubereiten?

Man überlegt viel in der schöpferischen Pause. Ich habe bisher nirgendwo unterschrieben. Ich stehe in keinen Verhandlungen, weil ich alles abgeblockt habe. Ich warte jetzt noch sechs Wochen, bis ich mir ernsthaft Gedanken mache.

Wie weit weg sind Sie gedanklich vom Job eines Fußballtrainers?

Man lebt weiter als Fußballfan und genießt den Fußball auf eine andere Art und Weise. Ich verfolge den Fußball sehr intensiv auch durch meine Tätigkeit als Fernsehkommentator bei Premiere.

Also haben Sie den Tag X immer im Kopf. Wie bereiten Sie sich konkret auf ein neues Traineramt vor?

Entscheidend ist, daß man die Spiele in der Bundesliga oder Champions League als Trainer analysiert, versucht, Tendenzen zu erkennen und Systeme zu studieren.

Wie können wir uns das praktisch vorstellen?

Ich nehme mir einige Spiele auf Video auf und sehe sie mir noch mal in aller Ruhe an, um gewisse Automatismen einer Mannschaft zu erkennen. Das ist eine Art Fortbildung für mich, aber auch Hobby.

Es drängt Sie doch zurück ins Trainergeschäft.

Nicht unbedingt. Das macht mir Freude, ich genieße das und analysiere diese Dinge gerne.

Bilden Sie sich auch anderweitig fort?

Ich lerne Englisch und Italienisch, habe einen Computerkurs gemacht, um mich geistig etwas zu beschäftigen.

Ist das auch eine Art Programmierung auf den bevorstehenden Fußballstress?

Wenn ich mich entschließe, einen Trainerjob auszufüllen, dann muß ich mich auf ein anderes Leben einstellen. Dann muß ich hundert Prozent geben, mich Tag und Nacht engagieren, mich wieder an schlaflose Nächte gewöhnen, weil ich das Optimale herausholen will. Natürlich muß man sich darauf vorbereiten.

Eine schwierige Vorstellung?

Wenn es schwierig wäre, würde man es nicht machen. Der Trainerjob hat seinen Reiz für mich nicht verloren. Die Frage ist: Was will man noch einmal machen?

Welche Anforderungen müßte Ihr nächster Arbeitgeber erfüllen?

Ich will jetzt nicht spekulieren und es völlig offenlassen, ob ich eine Spitzenmannschaft übernehme, vielleicht ein Abenteuer wage in Japan oder China oder eine Nationalmannschaft trainiere. Das kann man nicht hypothetisch durchspielen. Ich habe mich immer auf mein inneres Gefühl verlassen, ob mir ein Angebot zusagt.

Wie viele Angebote haben Sie bisher abgelehnt?

Im zweistelligen Bereich. Es gibt immer Anfragen, von überall her.

Auch Real Madrid?

Ja, die auch.

Wie stark wurde versucht, Sie zu gewinnen?

Der Lear-Jet stand schon zum Abholen bereit.

Brauchen Sie noch sportlichen Erfolg?

Das ist eine schöne Sache. Der sportliche Erfolg ist wichtig, um meinen Beruf gut zu machen, um keine Existenzängste zu bekommen, wenn man älter wird.

Existenzängste?

Wenn man den Trainerberuf ausübt, dann muß Erfolg her, um in diesem Job alt zu werden. Es gibt nichts Schlimmeres, als mit 45 oder 50 Jahren keine Angebote mehr als Trainer zu bekommen.

Das Gespräch führte Michael Ashelm.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.04.2005, Nr. 14 / Seite 19
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr

Ergebnisse, Tabellen und Statistik