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Fußball Der Egotrip eines Giftmischers

05.04.2005 ·  Er schürt Ärger und erntet Haß: Jose Mourinho. Kein anderer Fußballtrainer steht so sehr im Kreuzfeuer der Kritik wie der Portugiese vom FC Chelsea. In der Champions League trifft er jetzt auf den FC Bayern - und ist ausgesperrt.

Von Christian Eichler
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Das war selbst für Jose Mourinho ein Rekordquartal. So viel Aufruhr in so kurzer Zeit hat seit langem kein anderer Trainer zustande gebracht. Wo er hinkam in diesen drei Monaten, bei wichtigen Spielen, säte er Sturm, erntete Ärger, Wut, Kritik, Strafen, Sperren - und Siege. Vom Pokerface aus Porto zum Psycho-Spieler von London: Mourinho hat seine Rollenvielfalt der größeren Bühne angepaßt.

Quartalsbericht eines Provokateurs. Mourinho bezichtigte Alex Ferguson, den Schiedsrichter zu beeinflussen, beschimpfte dessen Spieler von Manchester United nach dem Ligapokal-Halbfinale als „Betrüger“ - Geldstrafe durch den Verband. Verstieß gegen die Regeln der Premier League, als er, so die Indizien, Ashley Cole von Arsenal traf, um ihn abzuwerben; tat das dann mit der erfundenen Behauptung ab, er habe zum fraglichen Zeitpunkt einen ganz anderen Spieler gesprochen, Adriano von Inter Mailand - heftige Tiraden aus Italien, Anklage durch den englischen Verband.

Stachelte im Ligapokal-Finale Liverpooler Fans mit provozierenden Gesten auf - Entfernung von der Trainerbank durch die Polizei. Heizte im Champions-League-Achtelfinale gegen Barcelona die Stimmung mit Lügengeschichten über einen Kabinenbesuch von Barca-Trainer Rijkaard bei Schiedsrichter Frisk auf, der daraufhin Todesdrohungen bekam und zurücktrat - zwei Spiele Banksperre für Mourinho, der in beiden Bayern-Begegnungen im Viertelfinale nur einen Tribünenplatz erhält.

Kußhände und Wurfgeschosse

Mourinho schürte in Barcelona die Giftstimmung auch, indem er sein Team zu spät zur zweiten Halbzeit erscheinen ließ und die Pressekonferenz boykottierte; trieb es im Rückspiel auf die Spitze, als er nach dem glücklichen Weiterkommen in einem dramatischen Spiel den spanischen Fans Kußhände zuwarf und dafür Wurfgeschosse erntete.

Er prophezeite vor dem Rückspiel zum Ärger der Europäischen Fußball-Union (Uefa) die Nominierung von Schiedsrichter Collina, dem er aufdringlich schmeichelte. Obwohl der Italiener beim entscheidenden Treffer zum 4:2 ein klares Foulspiel am spanischen Torwart übersah, hatte Rijkaard die Größe, darüber nicht zu lamentieren, wofür ihn die Uefa als Vorbild lobte - und als Gegenbild zu Mourinho. Den aber interessieren nicht die Grundsätze des Verbandes, sondern die eigenen, und denen zufolge hat er alles richtig gemacht: Sportlicher Erfolg schlägt sportliche Haltung, Grundgesetz einer Erfolgsbranche.

Sportlicher Erfolg schlägt sportliche Haltung

Freunde macht er sich damit nicht unbedingt. Außer bei Chelsea, wo sie ihm ein Denkmal errichten dürften, wenn er nach fünfzig Jahren mal wieder einen Meistertitel nach Süd-London holt, was bei elf Punkten Vorsprung und nur sieben ausstehenden Spielen fast sicher erscheint. Der 42 Jahre alte Portugiese, der mit Porto in nur zweieinhalb Jahren alles gewann, was möglich ist - Champions League, Uefa-Cup, Pokal, zwei Meistertitel -, ist als Fachmann über jeden Zweifel erhaben. Er gilt als glänzender Taktiker, Planer, Motivator, ein Fan von Disziplin und Methodik.

Jeden Morgen verläßt er Punkt sieben seine Wohnung am feinen Eaton Place. Er plant pedantisch jede Minute in der Arbeit mit seinen Spielern. Er läßt sich von seinen Scouts detaillierte Dossiers über jeden Gegner erstellen. Und, zunehmend wichtig in der späten Saisonphase, da die „big games“ zunehmen: Er weiß über die Medien jene Psycho-Spielchen einzusetzen, die manchmal die siegbringende Verunsicherung von Gegnern oder Schiedsrichtern bringen - aber auch die Abneigung von vielen Konkurrenten und Fußballfreunden.

„Ich bin etwas Besonderes“

Etwa die von Barca-Stürmer Samuel Eto'o, der sich von einem Chelsea-Betreuer rassistisch beschimpft fühlte und Mourinho als den Verantwortlichen für das böse Blut ansah: „Er ist nicht respektabel. Es ist die Mentalität dieses Fußballklubs.“ Siegesmentalität, verkörpert durch Mourinho, den Erwählten nach eigener Lesart. „Ich bin etwas Besonderes“, verriet er der englischen Presse kurz nach dem Wechsel auf die Insel.

Später dann: „Wir sind nicht oben wegen der finanziellen Stärke des Klubs, sondern wegen meiner harten Arbeit.“ Und: „Ich las, daß ich noch viel zu beweisen hätte im englischen Fußball. Sir Alex Ferguson ist der einzige europäische Champion in diesem Land. Also, was habe ich zu beweisen?“

Auftreten eines Eroberers

So viel Arroganz muß man sich leisten können: durch die Paarung mit Ehrgeiz und Erfolg. Und das Auftreten eines Eroberers. Dunkel funkelnde Augen, bronzener Teint, graumelierter Kurzschopf, fein geschnittene Züge, dazu der Anflug eines Nachmittagbartes, weil er sich vor Spielen grundsätzlich nicht rasiert: So könnte Jose Mourinho auch einen portugiesischen Entdecker in einem Seefahrerfilm spielen. Den Eroberer-Look, den Siegerblick kombiniert er stilsicher mit eleganten Mänteln und sportlich-federndem Auftritt. Aber er hat nicht nur das grimmige Pokerface im Repertoire oder die kühle Arroganz, auch einen entwaffnenden Charme und eine unterhaltsame Rhetorik voll Witz und Ironie.

Der als Fußballer erfolglose Sohn eines Nationaltorwarts wurde 1992 Übersetzer von Trainer Bobby Robson bei Sporting Lissabon, dann dessen rechte Hand in Porto und Barcelona. Er schreibt in seiner Autobiographie, daß er von Robson lernte, Spieler zu motivieren, und von dessen Nachfolger bei Barca, dem Holländer Louis van Gaal, die Wichtigkeit minutiöser Vorbereitung und gut organisierter Defensive.

„Er weiß nicht zu verlieren“

Chelsea hat in dreißig Ligaspielen nur zehn Gegentore kassiert. Allerdings fällt nach dem Knöchelbruch von Wayne Bridge nun auch der andere Stamm-Außenverteidiger, Paulo Ferreira, durch einen Fußbruch für den Rest der Saison aus. Für Chelsea ist das gegen die Bayern eine mindestens ebenso große Schwächung wie die Verletzung von Dribbelkönig Arjen Robben.

„Mourinho sollte anerkennen, daß auch Gegner ihre Qualitäten haben. Er muß mehr Klasse haben“, sagt Octavio Machado, Mourinhos Vorgänger in Porto: „Er weiß nicht zu verlieren.“ Vielleicht helfen ihm die Bayern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.04.2005, Nr. 13 / Seite 19
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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