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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball Das Geschäft mit den Kinderstars

 ·  Nicht nur die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schwimmt auf der Jugendwelle, auch die Vereine haben die Bedeutung des Nachwuchses entdeckt. Noch nie warben die Klubs mit soviel Aufwand um Talente - ein Investment mit oft ungewissem Ausgang.

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Jeden Tag telefoniert Jolanta Krol aus Erkrath mit ihrem Sohn. „Er ist noch immer ganz begeistert. Er vermißt nichts.“ Überdies die guten Schulnoten. Fleißig sei ihr Junge. Das kann eine Mutter beruhigen. „Aber am wichtigsten ist ihm natürlich der Fußball“, sagt sie. Zwölf Jahre alt war Dennis Krol, als ihn der FC Barcelona im vergangenen Sommer nach Spanien holte. Ein Milchbubi, der für sein Leben gerne kickt und plötzlich zu den Auserwählten gehörte, in dessen Fähigkeiten ein Weltklub besondere Hoffnungen setzt. Ein „Wunderkind“ auf dem Weg zur großen Fußballkarriere?

Talente sind der Kraftstoff für das globale Ballgeschäft. Ohne frischen Nachschub würde der Motor der Hochleistungsbranche schnell ins Stocken geraten. Immer früher wird nach Mini-Dribblern mit Starpotential Ausschau gehalten. Ehrgeizige Eltern und Kinder und die Vereine sorgen dafür, daß der Markt brummt - an allen Ecken und Enden. Private Fußballschulen schießen aus dem Boden, Feriencamps sind ausgebucht, die Profiklubs schicken Woche für Woche Schwärme von Talentspähern durch die Lande. 390 Stützpunkte zur Identifizierung besonders fähiger Jungspunde hat der Deutsche Fußball-Bund flächendeckend über die Republik verteilt.

Gestrandete Seelen aus Afrika

„Da wird heute ein Aufwand betrieben, der wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen“, sagt Werner Kern, Chef für die Nachwuchsförderung beim FC Bayern. Unter ihm arbeiten beim Rekordmeister mehr als zwanzig Jugendtrainer. Flankierend erhält seine Abteilung Unterstützung von den Scouts des ehemaligen Bayern-Spielers Wolfgang Dremmler, die ihren Blick bis ins letzte Provinzdörfchen richten. Letztlich ist jedes Talent ein Investment: Hineingesteckt werden einige hunderttausend, herauskommen soll die Multi-Millionen-Chance auf einen geldwerten Vorteil. Zuletzt hat das bei den Bayern mit den Jungnationalspielern Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger funktioniert, die einst mit elf und vierzehn Jahren den Weg zu den Münchnern fanden.

Um der Konkurrenz im Buhlen um die Kinderstars eine Nasenlänge voraus zu sein, werben die größten Klubs Europas mit allem Nachdruck um frisches Humankapital. Das wissen auch zwielichtige Geschäftemacher für sich zu nutzen. Sie durchpflügen die Armenviertel von Großstädten meist in Afrika oder Südamerika, legen den Eltern ein paar Dollar auf den Tisch und verschieben die jungen Kicker wie eine Ware. „Kinderhandel“ nennt das Werner Kern vom FC Bayern, der sich an eine Welle von „gestrandeten Seelen aus Afrika“ erinnert. Bis der Internationale Fußball-Verband nun zumindest bei Transfers von Minderjährigen über Ländergrenzen hinweg die Begleitung mindestens eines Elternteils zur Bedingung machte.

„Die baggern besonders aggressiv“

Zivilisiert ging es dagegen bei Dennis Krol zu, der bei einem Jugendturnier auf Gran Canaria von Spähern des FC Barcelona angesprochen und einige Monate später Bayer Leverkusen abgeworben wurde. Nun lebt er mit seinem Vater in der Stadt seiner Hoffnung, trainiert fast jeden Nachmittag und geht für den geplanten Realschulabschluß zur Deutschen Schule. Mutter und Bruder blieben zurück in Erkrath bei Düsseldorf. Derweil hat der Klub, von dem er kam, die Teilnahme an Jugendturnieren in Spanien vom Ausbildungsplan gestrichen. „Die baggern besonders aggressiv“, weiß Michael Reschke aus dem Managementstab von Bayer.

Doch was Barcelona in großem Stil vormacht, praktizieren Leverkusen und die anderen Bundesligavereine nicht anders bei den umliegenden Kleinklubs ihrer Region. Und seit sich erste und zweite Liga in Deutschland eine freiwillige Selbstbeschränkung auferlegt haben, Spieler, die älter als vierzehn Jahre sind, nur im gegenseitigen Einvernehmen - also mit Ausgleichszahlungen - ziehen zu lassen, tendiert das Interesse noch mehr zu den Jüngsten. „Da wird jetzt alles geholt, was nicht schnell genug den Baum hochrennt“, kritisiert der Münchner Kern, „deswegen bin ich gegen das Agreement.“ Der Leverkusener Sportmanager Reschke stellt fest, daß jetzt in den deutschen Ballungsräumen „ein Wettbewerb um Acht- bis Neunjährige“ entbrannt ist.

Frühe Leistungsprognosen kaum möglich

Frühe Leistungsprognosen sind eigentlich kaum möglich. Unsichere körperliche und charakterliche Entwicklungen, Pubertät oder Verletzungen machen die Ausbildung von jungen Talenten zum Glücksspiel. Dennoch spekulieren die Vereine munter mit, angeheizt durch geheimnisvolle Gerüchte über Jahrhunderttalente oder spektakuläre Erfolgsgeschichten. Mit 16 Jahren stellte der Türke Nuri Sahin gerade den Jüngstenrekord in der Bundesliga auf; Borussia Dortmund hatte ihn vor vier Jahren entdeckt. Andere Kinderstars schmücken sich wie kleine Zirkusartisten mit Künstlernamen.

„Anderson“ nennt sich der zehnjährige Brasilianer Jean Carlos Chera, von dem sich der FC Santos in einigen Jahren ein Millionengeschäft mit einem der europäischen Großklubs verspricht. Die serbischstämmigen Eltern des zwölf Jahre alten Nikon Jevtic, der angeblich schon jetzt mit dem Ball wie Maradona und Ronaldo tricksen kann, priesen ihren Jungen ohne große Umschweife gleich als „El Maestro“ an, bis schließlich das Angebot des FC Valencia den Jevtics zusagte. Karlheinz Förster, ehemaliger Nationalspieler und heutiger Fußballberater, der Nikon gar zum VfB Stuttgart bringen wollte, ist selbst nicht ganz wohl bei dem regen Handel. „Es ist ganz wichtig, daß sich die Kinder ruhig entwickeln können. Ich bin kein Freund eines frühen Wechsels zu einem großen Klub“, sagt Förster.

Begehrlichkeiten von allen Seiten

Aber wann ist es zu früh und wann zu spät für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Karriere? „Talent zu fördern ist erst einmal nichts Schlimmes“, sagt der ehemalige Profi Uwe Harttgen, der als Diplom-Psychologe bei seinem alten Klub Werder Bremen das Nachwuchsleistungszentrum berät. In seiner Doktorarbeit stellt Harttgen eine hohe psychische Belastung der Fußballtalente fest, verursacht durch Neid, Versagensängste und Druck. „Das Dilemma ist, daß heute die Begehrlichkeiten von allen Seiten immer größer werden.“

Harttgen fordert deshalb noch mehr die frühe Förderung auch von persönlichen und sozialen Kompetenzen der Spieler, was bei den Bundesligaklubs durch fachkundige Begleitung und schulische Hilfen innerhalb der Leistungszentren schon versucht wird. Doch ganz ist das schicksalhafte Element auf dem Karriereweg nicht auszuschalten. Jolanta Krol glaubt jedenfalls ganz fest an ihren Sohn beim FC Barcelona. Sie lernt gerade Spanisch an der Volkshochschule.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.08.2005, Nr. 33 / Seite 13
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