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Fußball-Bundesliga Bei den Profiklubs hält das Kalkül der Kaufleute Einzug

05.08.2005 ·  Sportlich gesehen schneidet die Bundesliga im europäischen Vergleich nicht sehr gut ab. Aber immerhin haben die deutschen Spitzenklubs erkannt: Bei einer Gesamtverschuldung von 700 Millionen Euro tut Konsolidierung not.

Von Roland Zorn
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Beginnt an diesem Freitag abend in der neuen Münchner Allianz Arena mit dem Spiel von Meister Bayern gegen Borussia Mönchengladbach nur die 43. Bundesliga-Saison, oder geht etwa schon die Fußball-Weltmeisterschaft los? Alles, was dieser Tage über die erste deutsche Profiklasse zu hören und zu lesen ist, wird wie von selbst mit dem WM-Emblem verziert. Auch Christian Seifert, der neue Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga, rechnet den nationalen Spielbetrieb, für Millionen Deutsche der schönste Zeitvertreib jenseits der Welt ihrer Arbeit, wie von selbst hoch: "Für die Bundesliga stecken in der Weltmeisterschaft große Chancen. Die WM wird eine Sogkraft entfalten für Sponsoren, Zuschauer und Spieler."

Das mag so sein, und doch lassen die Daten der Liga zum Start dieser von besonders vielen guten Hoffnungen begleiteten Spielzeit noch lange nicht den Schluß zu, daß in Deutschland so etwas wie das Paradies des Profifußballs zu entdecken sei. Rein sportlich betrachtet, rangiert die Bundesliga im europäischen Quervergleich der vergangenen fünf Jahre derzeit nur auf Rang sechs - miserabler stand sie in den 42 Jahren ihrer selbständigen Existenz noch nie da.

Spitzenklubs auf Konsolidierungskurs

Da aber vieles Schlechte auch seine guten Seiten haben soll, weist die athletische Minusbilanz der Bundesliga auch auf die ersten Zeichen der Vernunft inmitten einer Landschaft hin, die blühend zu nennen eine verwegene Verkennung der Lage wäre. Während also in der italienischen Serie A das Ausmaß der Verschuldung wie in der spanischen Primera Division rapide auf Milliardenhöhe gewachsen ist, befleißigen sich die deutschen Spitzenklubs in ihrer großen Mehrheit eines oft genug dringend gebotenen Konsolidierungskurses.

Auch wenn nirgendwo in Europa mehr Zuschauer als in der Bundesliga die Drehkreuze und Eingangstore der Stadien passieren - 35183 waren es im Durchschnitt der vergangenen Saison -, lassen sich die Vereine von der Treue ihrer Kundschaft nicht zum Hasardeursgebaren verleiten. Die Einnahmen aus der Tageskasse machen schon längst nicht mehr den größten Posten auf der Habenseite aus. Immerhin zeigt der Zug zur Liga auch an, daß die WM bevorsteht. Elf der zwölf Weltmeisterschaftsstadien definieren den modernen Standortvorteil der in 18 Städten heimischen Ersten Bundesliga.

700 Millionen Euro Gesamtverschuldung

Auch die traditionellste Ligawerbefläche, auf den Trikots der Spieler, ist nirgendwo in Europa so begehrt wie hierzulande: Erstmals überschreiten die Klubs im Trikotsponsoring die Grenze von 100 Millionen Euro. Da staunen auch die modebewußten Italiener, die den deutschen Profikickern im Marketing auf der Hemdenbrust mit Werbepartnerschaften im Gesamtwert von 70 Millionen Euro am nächsten sind.

Doch die Gesamtverschuldung der Klasse der Berufsfußballspieler beträgt knapp 700 Millionen Euro - und der Mittelzufluß vom Fernsehen mutet, verglichen mit den Geldströmen in England, Frankreich und Italien, wie ein Bächlein an. Knapp 300 Millionen Euro an Fernsehhonoraren sind, gemessen an rund 700 Millionen, welche die profitabelste Liga der Welt, die englische Premier League, aus der Inlands- und Auslandsvermarktung generiert, Halbheiten.

500 Millionen Euro aus Fernsehverträgen

Wenn jetzt auch schon in Frankreich vom Pay-TV-Sender Canal Plus 600 Millionen Euro jährlich für die Fernseherstverwertung gezahlt werden und Italiens Serie-A-Vereine etwa 550 ungleich verteilte Millionen Euro bekommen, ist die Forderung der ersten deutschen Liga, formuliert von Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden von Bayern München, zu verstehen: "Wir wollen 500 Millionen Euro aus dem Abschluß der neuen - von der Saison 2006/07 an gültigen - Fernsehverträge erlösen." Soviel aber, das prophezeien Marktkenner, wird der kommende Kontrakt noch nicht hergeben, so daß die Haupteinnahmequelle der Spitzenklubs in England, Italien, Frankreich, auch in Spanien, weiterhin kräftiger als in Deutschland sprudeln wird.

Wenn aber die Bundesrepublik zumindest Boden gutmacht, wird sich der künftige deutsche Meister nicht mehr wie bisher mit gerade 16 Millionen Euro vom Fernsehen bescheiden müssen, während Englands Champion 48 Millionen Euro oder Frankreichs Titelträger 32 Millionen Euro bekommt. In Italien erhält der beliebteste Verein, Juventus Turin, wegen der dort praktizierten dezentralen Vermarktung jährlich sogar 110 Millionen Euro.

Ratio der Kaufleute

Während aber die Nachbarn ihr Geld bis zuletzt und bis zu den ersten Lizenzentzügen in Italien reichlich wahllos an die Spieler und deren Berater transferieren, wächst in Deutschland die Einsicht, daß Sparsamkeit nicht nur not tut. So sanken in der um mehr innerbetriebliche Gesundheit bemühten Bundesliga die Kosten für das spielende Personal auf eine Quote von weniger als 50 Prozent. So wie Dortmund will niemand mehr am Fußballmarkt agieren, da das börsennotierte westfälische Fußballunternehmen nur mit viel Mühe die drohende Insolvenz vermied und nach wie vor Verbindlichkeiten von rund 90 Millionen Euro vor sich herschiebt.

Die Ratio der Kaufleute und nicht mehr die alle ökonomischen Warnungen ignorierende Phantasie der Fußballschwärmer bestimmt längst das Gesetz des Handelns im Gros der 36 erst- und zweitklassigen deutschen Profiklubs. Daß inzwischen 12 der 18 Bundesligavereine mit ihren Profiabteilungen als Kapitalgesellschaften firmieren, hat - vom Negativbeispiel Dortmund abgesehen - die Tendenz, dem Ausgabenwahnsinn ein Ende zu setzen, beflügelt.

Selbst Dortmund spart

Diesem Trend widersetzen sich auch die Dortmunder nicht mehr, die inzwischen von einer neuen Geschäftsführung auf schmalere Pfade gelenkt worden sind. Wo einst 60 Millionen Euro im Jahr für oft nur enttäuschende Profis verpulvert wurden, sind die Kosten jetzt auf 26,5 Millionen Euro reduziert worden. Die Anhänger kommen trotzdem in die größte deutsche Arena, so daß Spiel für Spiel rund 70000 Zuschauer das Westfalenstadion zum lautesten Resonanzraum für die Hoffnungen und Illusionen der deutschen Fußballfans machen.

Im WM-Jahr wird wie selbstverständlich wieder ein neuer Zuschauerrekord erwartet - doch deswegen ist noch kein sportlicher Boom der Bundesliga garantiert. Danach können sich die Macher der Liga bis auf weiteres nur sehnen. Die Stars des Weltfußballs aber zieht es, WM hin, Deutschlands Stadionparadiese her, nach wie vor zuerst in die Länder, wo immer noch Liebhaberpreise für Profis gezahlt werden - ohne Rücksicht auf die wahren wirtschaftlichen Verhältnisse.

Quelle: F.A.Z., 05.08.2005, Nr. 180 / Seite 18
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