In dieser Woche hatte Doris Fitschen einen Aha-Effekt. Die Teammanagerin der Frauenfußball-Nationalmannschaft schaute sich das Morgenmagazin im ZDF an und lauschte nach dem berauschenden 3:0-Sieg der deutschen Männer gegen die Niederlande der Analyse eines Experten. „Toni Schumacher warnte da, dass die allzu großen Lobeshymnen schon unserem Frauen-Nationalteam nicht allzu sehr bekommen ist“, sagt Doris Fitschen. „Eine solch fachliche Verlinkung zwischen Frauen- und Männerfußball hätte es ohne die WM nicht gegeben.“
Die Festwochen im Sommer, so das Credo, haben sich also für den Frauenfußball doch gelohnt, auch wenn das enttäuschende Abschneiden der bereits im Viertelfinale gescheiterten deutschen Elf einen Makel auf dem Turnier hinterließ. Seit den Spielen vor vollen Tribünen in den großen Arenen der Republik ist freilich vieles wieder um einige Nummern geschrumpft: Für das EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan in Wiesbaden (Samstag/ 15.45, live im ZDF) hat der DFB statt eines der modernen Vorzeigestadien das nur 12.000 Zuschauer fassende Stahlrohr-Dauerprovisorium des Drittligaklubs Wehen Wiesbaden gebucht.
Beim einzigen öffentlichen Training in dieser Woche kamen nur 150 Zuschauer. Immerhin erinnerten die Werbetransparente der Team-Sponsoren noch daran, dass sich durch die WM einiges zum Positiven verändert hat. Doris Fitschen gesteht indes ein, dass sich bislang lediglich zwei der sieben Unterstützer zu einem längerfristigen Engagement bekannt hätten. „Wir haben selbst im Fall eines WM-Siegs nicht mit einem Boom gerechnet, sondern mit einem gewissen Schub“, sagt Fitschen. „Und es gibt jetzt auch einen WM-Effekt. Das sieht man in der Wahrnehmung unseres Sports.“
Gelassene Silvia Neid
Tatsächlich ist der Zuschauer-Durchschnitt in der Bundesliga um stolze 40 Prozent gestiegen. Zeitgleich mit den Spielen der Männer-Bundesliga werden am Samstag freilich kaum mehr als 5000 Zuschauer ins Stadion strömen, wenn die deutsche Elf den dritten Sieg im dritten Qualifikationsspiel anstrebt. Ein Erfolg wäre der elfte im zwölften Länderspiel des Jahres, das freilich allein durch die eine entscheidende Niederlage gegen Japan seine negative Prägung sicher hat. Die neue alte Ruhe rund ums Team kommt freilich nicht ganz ungelegen. Viele Spielerinnen, die die ungekannte Aufmerksamkeit während der WM als lähmenden Ballast empfunden hatten, wirken wieder deutlich lockerer. „Die WM war für viele lehrreich“, sagt Celia Okoyino da Mbabi. „Ich denke, dass wir reflektiert haben, wie wir künftig lockerer mit Druck umgehen können.“
Bundestrainerin Silvia Neid, die in den Wochen und Monaten rund um das Heimturnier gelegentlich den Eindruck einer vom Erwartungsdruck getriebenen Anführerin hinterließ, scheint zu alter Souveränität zurückgefunden zu haben. In Wiesbaden wirkt sie bei ihrer Arbeit am Neuaufbau ihres Teams hochmotiviert, außerhalb des Platzes ist sie im Umgang mit den Fans oder auch den Medien locker wie lange nicht mehr. „Wir können hier richtig gut arbeiten“, sagt sie bester Laune. Die Fußballlehrerin scheint aus der Kritik an ihrer Arbeit Lehren gezogen zu haben. Wegbegleiter attestieren der Bundestrainerin auch verbesserte Kommunikation mit den Spielerinnen. Die Aufgabe des Neuaufbaus bleibt freilich ein Langzeitprojekt, für das Silvia Neid ohne allzu großen Druck fast zwei Jahre veranschlagen kann, nachdem bei der WM auch die Teilnahme am olympischen Fußballturnier 2012 verspielt wurde.
Neuer Konkurrenzkampf
Die EM-Qualifikation, in der die DFB-Auswahl am Donnerstag im letzten Spiel des Jahres noch in Spanien antritt, sollte eine Pflichtaufgabe werden. Gegen einen Gegner vom eigenen Kontinent gab es letztmals im März 2009 eine Niederlage. Die Freiheit von allzu großen Gefahren des Alltags nutzt Silvia Neid derzeit, um eine neue Hierarchie in ihrem Nationalteam zu entwickeln. Nach den Rücktritten der alten Vorkämpferinnen Birgit Prinz, Ariane Hingst und Kerstin Garefrekes sind derzeit drei Führungspositionen unbesetzt.
Zudem hat die altgediente Stammkraft Linda Bresonik eine Denkpause verordnet bekommen. Die abermals am Knie operierte Kim Kulig fehlt wegen der Folgen eines Kreuzbandrisses, Mittelstürmerin Inka Grings wegen Achillessehnenproblemen. Durch die vielen vakanten Posten ist ein belebender Konkurrenzkampf ausgebrochen, wie ihn das Nationalteam noch nie in den sechs Jahren der meist von nur 13 bis 14 Stammspielerinnen geprägten „Ära Neid“ erlebt hat.
So zauberte die 47 Jahre alte Trainerin in der Personalnot auch eine Spielerin aus dem Hut, die mehr als sechs Jahre lang überhaupt keine Rolle im Nationalteam gespielt hatte, sich aber mit starken Leistungen in der Bundesliga aufdrängte. Viola Odebrecht feierte schon beim 3:0-Sieg in Rumänien im Oktober bei ihrem 30. Länderspiel ihr ungewöhnliches Comeback. „Ich sehe mich nicht als Lückenbüßerin, sondern spüre eine echte Chance, ins Team zu kommen“, sagt die Potsdamerin. „Viola ist eine, die auf dem Platz viel spricht“, sagt derweil Silvia Neid. „Das tut unserem Team im Training gut, weil die vielen jungen Spielerinnen viel zu leise sind.“ Womöglich hat sie bei diesen Worten das Geheimnis des Neuanfangs verraten: Beim Viertelfinal-Aus bei der WM gegen Japan erweckten die deutschen Frauen noch den Eindruck einer sich schweigsam in ihr Schicksal ergebenden Gemeinschaft.