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Frauenfußball Vorstoß in eine neue Dimension

 ·  Deutschland spielt gegen Brasilien um den WM-Titel - und will die Weltmeisterschaft 2011 ausrichten. Noch nie war der Frauenfußball so wertvoll wie heute, doch die Spielerinnen tun sich schwer, die günstige Situation auszunutzen.

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Man muss nicht unbedingt die Geschichte vom Kaffeeservice bemühen, das der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einst für seine Nationalspielerinnen als Prämie bereithielt, um die neuen Dimensionen zu erkennen, in die der Frauenfußball in diesen Tagen vorstößt. Es reicht schon der Blick zurück zum letzten Titelgewinn. Als die Frauen vor vier Jahren in den Vereinigten Staaten vor zehn Millionen Fernsehzuschauern Weltmeister wurden, war das dem Verband 15.000 Euro wert; diesmal hat jede Spielerin schon mit dem Einzug ins Finale an diesem Sonntag gegen Brasilien über 40 000 Euro sicher. Falls sie wieder gewinnen, werden es mehr als 55 000 sein.

Da im Profisport nichts anderes wie Geld die Anerkennung ausdrückt, kann man sagen, dass sich der Wert des Frauenfußballs allein in den letzten vier Jahren verdreifacht hat. „Die Prämie ist eine sehr wichtige Sache“, sagt DFB-Präsident Theo Zwanziger zu einer strategisch zu verstehenden Entscheidung. „Wir wollen damit zeigen, was uns die Frauen im Verband wert sind – gegenüber der Öffentlichkeit, aber auch gegenüber den Sponsoren.“

„Die WM ist langfristig wichtiger als der Titel“

Mit Frauenfußball, keine Frage, lässt sich mittlerweile Geld verdienen. Kaum einer weiß das besser als Siegfried Dietrich, der Manager des Vorzeigeklubs 1. FFC Frankfurt, der jahrelang mit viel Idealismus in den Sport investiert hat und nun die Zeit für Rendite gekommen sieht. Dietrich ist gerade dabei, den Erfolg des Finaleinzugs der Mannschaft von Bundestrainerin Silvia Neid in harte Währung umzurechnen. Er ist für seine Spielerinnen – mit Birgit Prinz, Sandra Smisek, Kerstin Garefrekes und Renate Lingor stehen vier Frankfurter Spielerinnen in der Startelf gegen Brasilien (Siehe auch: FAZ.NET-Liveticker) – in Verhandlungen mit Sponsoren für persönliche Verträge. „Der Wert ist jetzt mit dem Endspiel noch mal gestiegen“, sagt er.

Aber die Gespräche ruhen derzeit, denn Ende Oktober steht schon die nächste zentrale Entscheidung an, wie sich der Frauenfußball in Deutschland entwickelt: In Zürich wird über die Vergabe der Weltmeisterschaft 2011 entschieden. Die verbliebenen Konkurrenten sind Peru, Kanada und Australien. „Unsere Chancen sind gut“, sagt Zwanziger vor dem Endspiel in Schanghai. Das bestätigt Fifa-Präsident Joseph Blatter: „Deutschland steht in einer gewissen Favoritenrolle.“ Zwanziger hat in dieser Sache in China viel unternommen. Er weiß, was für den deutschen Frauenfußball auf dem Spiel steht: „Die WM ist langfristig wichtiger als der WM-Titel.“ Manager Dietrich, das ökonomische Barometer des Frauenfußballs, hört die guten Nachrichten im Vorfeld der Entscheidung gern: „Dann reden wir über ganz andere Dimensionen.“

Birgit Prinz bleibt das Gesicht der Mannschaft

Vor vier Jahren erzielte Nia Künzer das entscheidende Tor zum 2:1 in der Verlängerung gegen Schweden. Es war das „Golden Goal“, und sie wurde zum „Golden Girl“. Es hat ihr Werbeverträge eingebracht und die Chance, ihre Karriere im Fußball über die aktive Zeit zu verlängern. Sie arbeitet als Kommentatorin fürs Fernsehen, und als Werbefigur ist sie auch gefragt. „Das wird sich kaum wiederholen. Das war eine Ausnahmesituation. Diesmal fokussiert sich alles auf die Mannschaft“, sagt Dietrich, „und auf Birgit Prinz.“

Die überragende Spielführerin hat das größte Potential dazu, doch eine Personalityshow mag sie nicht. „Aber mittlerweile ist sie auf einem hervorragenden Weg“, sagt Dietrich. „Sie wird von den aktuellen Spielerinnen auch nach der WM das Gesicht des Frauenfußballs sein.“ Denn so recht will ihr auch niemand diese nicht wirklich beliebte Rolle im Team streitig machen. Es fängt schon damit an, dass sich keine Spielerin vorstellen mag, sie könne Vollprofi sein und sich nur mit Fußball beschäftigen. Sie sehen sich in einer schon fast puristischen Art als Sportlerinnen, als Mannschaftssportlerin.

Ohne Star-Appeal

Das fängt bei Nadine Angerer an. Wenn sie gegen Brasilien noch 67 Minuten ohne Gegentor bleibt, hat sie den Torhüterrekord von Walter Zenga kassiert, der 1990 bei der WM 517 Minuten ohne Gegentor geblieben war. Es wäre ein geschlechterübergreifender Rekord. Angerer ist das nicht wichtig. Hauptsache, gewinnen, sagt sie. „Wenn ich nicht ständig darauf angesprochen würde, wüsste ich gar nichts von dem Rekord.“ Oder Abwehrchefin Ariane Hingst, die dynamische Organisatorin, die als einzige im Ausland spielt. Fußball als einziger Lebensinhalt kommt bei ihr nicht in Frage. „Ich brauche auch andere Anregungen“, sagt sie.

Oder Annike Krahn, die robuste Innenverteidigerin, die es mit Marta, der Weltfußballerin, zu tun bekommt. Das ist ihr nicht wichtig, sagt sie. Dass sie einen Satz sagen könnte wie: „Das ist die größte Herausforderung meiner Karriere.“ Auf den Außenpositionen spielen Linda Bresonik und Kerstin Stegemann, und dort erfüllen sie wichtige Dienste für das Team, ohne Star-Appeal. An die Dimensionen, in die der Frauenfußball vorstößt – für die die DFB-Prämie ein Symbol ist –, muss sich Linda Bresonik auch erst gewöhnen. „Es ist für uns eine gewaltige Summe. Als wir davon gehört haben, wären wir fast vom Hocker gefallen.“

Die nächste Generation gewinnt

Im Fünfermittelfeld spielen Renate Lingor und Simone Laudehr den defensiven Part. Lingor hat es durch den Fußball schon zu etwas gebracht, sie arbeitet beim DFB. Die 21 Jahre alte Simone Laudehr gehört zu jener Generation, die vom erhofften und erwarteten Boom am stärksten profitieren könnte. Sie passt ins Werbeschema, ebenso wie die 28 Jahre alte, beurlaubte Beamtin Kerstin Garefrekes auf der rechten Seite. „Aber ich reiße mich nicht darum, auf Werbetafeln zu stehen“, sagt die Frankfurter Weltmeisterin. Auch Stürmerin Sandra Smisek steht dem noch recht überschaubaren Rummel bei der WM, der sich auf Birgit Prinz konzentriert, eher skeptisch gegenüber: „Was Birgit alles machen muss – das wäre nichts für mich.“

Richtig offensiv und entschlossen wird dieses Team ohne Drang zur Show und Selbststilisierung nur, wenn es um den Sport geht – und das klingt dann bei Nadine Angerer vor dem Endspiel so: „Wir haben Blut geleckt. Wir geben alles, um zu gewinnen.“ Nicht die schlechteste Voraussetzung, um Weltmeister zu werden.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Deutschland: Angerer (Turbine Potsdam) - Stegemann (Wattenscheid), Hingst (Djurgarden IF), Krahn (FCR Duisburg), Bresonik (SG Essen-Schönebeck) - Garefrekes (1. FFC Frankfurt), Laudehr (Duisburg), Lingor (Frankfurt), Behringer (SC Freiburg) - Smisek, Prinz (beide Frankfurt).

Brasilien: Andreia - Elaine, Aline, Tania, Renata Costa - Formiga, Ester, Daniela - Marta - Maycon, Cristiane.

Schiedsrichterin: Ogston (Australien).

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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