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Frauenfußball Neue Frankfurter Bescheidenheit: Der 1. FFC ist nicht mehr einzigartig

28.04.2006 ·  Der 1. FFC Frankfurt galt jahrelang als Vorzeigeklub des deutschen Frauenfußballs. Kurz vor dem DFB-Pokalfinale gegen Potsdam sorgen Leistungsdefizite und eine angeschlagene Mannschaft jedoch für gebremsten Enthusiasmus.

Von Uwe Marx
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Siegfried Dietrich ist auch nicht mehr der, der er einmal war. Wenn der rührige Manager des 1. FFC Frankfurt früher mit seiner Mannschaft zum Pokalfinale nach Berlin fuhr, glich sein Werbetext einer Lobeshymne ohne Punkt und Komma. Berlin, das sei einmalig, eine wunderbare Bühne für den Frauenfußball, kurzum: das Spiel des Jahres.

Dietrich wiederholte diese Botschaft oft, denn der FFC stand zuletzt siebenmal nacheinander im Endspiel. Vor der achten Teilnahme ist Berlin für die Frankfurterinnen immer noch großartig. Allerdings sagt Dietrich vor dem Duell des deutschen Meisters gegen Turbine Potsdam auch einen Satz, den er sonst nie gesagt hat. „Das Finale ist nicht unser Saisonhöhepunkt.“ Es sei vielmehr der Beginn der entscheidenden Phase in dieser Saison.

Nur Außenseiter

Das klingt ungewohnt reserviert und hat damit zu tun, daß beide Mannschaften nicht nur dieses Finale in Berlin bestreiten werden. Ende Mai stehen sie sich auch in den Endspielen um den Uefa-Pokal gegenüber, erst in Potsdam, eine Woche später in Frankfurt. Da ist Berlin eben nicht mehr ganz so einzigartig. Dietrichs gebremster Enthusiasmus dürfte aber auch der sportlichen Irrfahrt des FFC geschuldet sein.

Der Vorzeigeklub, der seit Jahren Maßstäbe bei der Vermarktung von Frauenfußball setzt, ist nur Außenseiter. Dem Finalgegner unterlag er kürzlich in der Bundesliga 2:6. Die Meisterschaft dürfte damit entschieden, die Titelverteidigung unerreichbar sein. Auch bei den beiden noch ausstehenden Entscheidungen ist das Schlimmste zu befürchten. Denn nicht nur Manager Dietrich ist nicht mehr der, der er einmal war. Für den FFC gilt das ebenso.

Die Mannschaft ist in die Jahre gekommen, sie gilt zwar nach wie vor als individuell herausragend, aber auch als zu langsam und träge, wie ermattet vom vielen Siegen. Es ist, als habe sie es sich auf hohem Niveau gemütlich gemacht. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Nationalspielerin Steffi Jones, und das klingt wie eine Aufforderung und nicht wie eine Feststellung. Früher sei es meist nur um die Höhe der Siege des FFC gegangen. Die bemitleidenswerte Konkurrenz verbarrikadierte sich am eigenen Strafraum und hoffte, die Niederlage möge nicht allzuhoch ausfallen.

Personell gebeutelt

Heute aber gerate die Mannschaft mitunter selbst gegen wenig renommierte Gegner in Schwierigkeiten, wenn sie nachlässig und zu selbstsicher sei. So zuletzt bei einer Punktspielniederlage gegen den kleinen, braven SC Freiburg. Was gegen eine Spitzenmannschaft wie Potsdam dabei herauskommen kann, hat das 2:6 gezeigt. Schon in den vergangenen beiden Jahren war der große nationale Rivale im Pokalfinale zu stark: Turbine gewann, nach fünf Titeln in Folge für den FFC von 1999 bis 2003, jeweils 3:0.

Ein solches Ergebnis wäre auch in diesem Jahr keine Überraschung, denn der FFC ist nicht nur verunsichert, sondern auch personell gebeutelt. In der Offensive fehlen die Besten, oder sie sind angeschlagen. Zuletzt meldete sich auch noch Pia Wunderlich kurzfristig wegen eines Ermüdungsbruchs ab. Daß Birgit Prinz, die Weltfußballerin der vergangenen beiden Jahre, fehlen würde, stand dagegen schon länger fest: Sie hatte im Halbfinale gegen Duisburg die Rote Karte gesehen und ist im Endspiel gesperrt.

Trotziges Aufbäumen

Unter diesen Voraussetzungen Optimismus zu verbreiten, der nicht wie das Pfeifen im dunklen Wald klingt, ist schwierig. Trainer Hans-Jürgen Tritschoks hofft auf ein trotziges Aufbäumen in brenzliger Lage und wird sein Team notgedrungen defensiv wie selten spielen lassen. Prophylaktisch heißt es bereits, daß Niederlagen ehrenwert seien, wenn sie wenigstens nach hartem Kampf zustande kämen. Außerdem dürfe Platz zwei in der Bundesliga bei allem Endspielfieber nicht aus den Augen verloren werden; er würde die wichtige Teilnahme am Europapokal sichern.

Die Mannschaft hat sich vor dem Finale und nach der schlimmen Niederlage gegen Potsdam ausgesprochen. Es sollen deutliche Worte gefallen sein. Danach hat sie gemeinsam einen Klettergarten besucht, was, so Tritschoks neudeutsch, dem „Teambuilding“ dienen sollte. Mit großen Höhen kennt sich der FFC schließlich aus. Allerdings hat er auch schon eine Ahnung, wie das Fallen aussehen könnte.

Quelle: F.A.Z., 29.04.2006, Nr. 100 / Seite 31
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