29.12.2007 · Fatmire Bajramaj steht für mehr als nur sportlichen Erfolg. Dabei ist sie erst 19. Wie die in Deutschland heimisch gewordene Weltmeisterin ihre ersten Ziele erreicht hat, ist vorbildlich - nicht nur für Fußballfrauen.
Von Bernd SteinleFatmire Bajramaj, genannt Lira, zieht sich kurz die Lippen nach, fährt sich durchs Haar, prüft noch mal den Sitz des schwarzen Stöckelschuhs. „Hallo, mein Name ist Lira Bajramaj“, stellt sie sich vor, aus dem Hintergrund rollt ein Fußball daher, die Musik setzt ein, die Show beginnt. Im kleinen Schwarzen fängt Lira Bajramaj an zu jonglieren, mit Kopf und Fuß und mit einem breiten Lachen im Gesicht, links, rechts, oben, unten. Bis sie den Ball am Ende mit einem Paukenschlag per Hacke ins Off befördert.
So beginnt der gut zweiminütige Videofilm über Lira Bajramaj, mit dem der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Bewerbung um die Ausrichtung der Frauen-Weltmeisterschaft 2011 zierte. Mit Erfolg. Natürlich kann man sich fragen, wie groß nun der Anteil Lira Bajramajs am Zuschlag für die WM war; viel interessanter aber ist eine andere Frage: Warum gerade Lira Bajramaj? 19 Jahre alt, 13 Länderspiele, Einwechselspielerin beim WM-Sieg 2007 in China, das alles ist sportlich aller Ehren wert; und dass Lira Bajramaj bei öffentlichen Auftritten eine gute Figur macht, dass sie eloquent ist, sympathisch und gutaussehend, mag sicher auch eine Rolle gespielt haben. Mit dem wahren Grund für den Film aber, mit der Geschichte dahinter, hat das nur am Rande zu tun.
Fremde Leute, fremde Sprache, fremdes Land
Diese Geschichte beginnt in Gjurakovc im Kosovo. Dort ist Lira Bajramaj geboren. Sie wuchs auf in Peja, der zweitgrößten Stadt des Kosovo. Die täglichen Gefahren dort wurden bald so unberechenbar, dass sich die Familie zur Flucht nach Deutschland entschloss. Da war Lira Bajramaj viereinhalb Jahre alt. Es sei schwer gewesen anfangs, sagt sie, die fremden Leute, die fremde Sprache, das fremde Land. Mehr als einmal wollte sie am liebsten wieder zurück. „Aber Papa hat dann versucht, uns zu erklären, warum wir hier sind“, sagt sie.
Für Lira Bajramaj war schnell klar, dass sie ihre Freizeit nicht mit Seilchenspringen und Fangenspielen verbringen wollte. Lira wollte Fußball spielen. Sie fand Gefallen am Mannschaftssport, an den gemeinsamen Erfahrungen, der gemeinsamen Freude über Erfolgserlebnisse. Auch wenn sie „von manchen Mädels doof angeguckt“ wurde, die sich fragten: Warum spielt die immer nur mit Jungs?
Eines Tages bot ihr ein Trainer an, in einer Vereinsmannschaft mitzuspielen. Dafür aber brauchte sie eine Unterschrift von den Eltern. Und da begann das Problem. Sie ging zu ihrer Mutter, die schickte sie zu ihrem Vater. Und der wollte nicht. Wegen der Verletzungsgefahr und weil Lira seine einzige Tochter war, die kleine Prinzessin, und weil Lira eine begabte Sängerin und Tänzerin war, Talente, die ihr Vater viel lieber fördern wollte als die Fußballspielerei. Blieb nur ein Ausweg: Lira unterschrieb selbst.
Schnelligkeit und Spielintelligenz
Eineinhalb Jahre spielte sie Fußball, während sie offiziell bei einer Freundin, im Kino, beim Singen war. Gewissensbisse wegen des Versteckspiels hatte sie nicht - dafür machte ihr der Fußball zu viel Spaß. Dann flog die Sache auf. Ihr Bruder Flakron, inzwischen in der B-Jugend bei Borussia Mönchengladbach aktiv, hatte am gleichen Tag ein Spiel wie sie. Normalerweise fehlte sie an solchen Spieltagen, diesmal aber war ihr die gemeinsame Ansetzung entgangen. Also kam der Papa zum Zuschauen - und sah Lira spielen. Es gab dann ein bisschen Ärger, aber schließlich erkannte auch ihr Vater Liras außergewöhnliches Talent. Und unterstützte ihre sportliche Leidenschaft. Heute, sagt Lira, „kommt er mit, wo immer es geht“.
Ihr Weg führte vom DJK/VfL Giesenkirchen über den FSC Mönchengladbach zum Bundesligaklub FCR 2001 Duisburg; von der U 15-Nationalmannschaft über das U 19-Team, mit dem sie 2006 Europameister wurde, bis zum Weltmeistertitel mit der A-Auswahl. Bajramaj ist Mittelfeldspielerin, mit hervorragender Technik, kampf- und offensivstark, Bundestrainerin Silvia Neid schätzt ihre Schnelligkeit, ihre Spielintelligenz, ihr gutes Auge. Ihre Vorbilder sind Ronaldinho wegen seiner Ballbehandlung und Zinédine Zidane wegen der „genialen Technik“, und „weil er so viel erreicht hat im Leben“.
Bajramaj: „Ich würde alles für die Familie geben“
Wie das Einwandererkind Zidane steht auch Lira Bajramaj, erste deutsche Fußball-Nationalspielerin muslimischen Glaubens, für mehr als nur sportlichen Erfolg. Sie ist ein Ideal, ein Vorbild für die „erfolgreiche Integration von Menschen mit Migrationshintergrund durch den Sport“, wie das in Festreden heißt. Lira Bajramaj erfüllt diese Rolle gerne. Gelegentlich besucht sie Schulen, in denen sie Mädchen, wie sie eines war, mit Problemen, wie sie sie hatte, um Rat fragen. Geht mit dem Trainer zum Papa, ermutigt sie die Mädchen dann. Die Arbeit ist ihr wichtig.
Später, wenn sie vielleicht mal die Kosmetikschule hinter sich hat, als Visagistin arbeitet, will sie gerne „nebenbei was mit Flüchtlingskindern machen, ihnen was Schönes vermitteln, versuchen zu helfen“. Etwas zurückgeben eben. So, wie sie nun ihrer Familie etwas zurückgeben konnte. „Die Familie ist das Wichtigste im Leben“, sagt sie, „ich würde alles für die Familie geben. Ohne die Familie kannst du keinen Erfolg haben, du brauchst diese Unterstützung, und ich habe sie von meiner Familie bekommen.“ Umso schöner war die Erfahrung nach dem WM-Sieg, der Stolz ihres Vaters. Beim Empfang der Weltmeisterinnen vor Tausenden von Fans auf dem Frankfurter Römer kamen ihm die Tränen. Lira bat ihn: „Papa, bitte, nicht hier, vor all den Leuten!“
Ihr Ziel: Führungsspielerin bei der Heim-WM
Manchmal scheint es unglaublich, dass Lira Bajramaj erst 19 ist. Hier ein Auftritt mit Bundespräsident Köhler und Innenminister Schäuble, da einer mit Bundeskanzlerin Merkel oder mit Joseph Blatter, dem Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes; und zwei Treffer an der Torwand im ZDF-Sportstudio, in Stöckelschuhen, woraufhin die „Bild“-Zeitung titelte: „Unsere schönste Weltmeisterin trifft sogar in Pumps“. Die spontane, offene Art der Schuh- und Shoppingliebhaberin kommt an. Besonders gut versteht sie sich mit dem DFB-Präsidenten und obersten Frauenfußballfan Theo Zwanziger. Nachdem Lira Bajramaj vor gut zwei Wochen am Meniskus operiert worden war, fand sie einen persönlichen Brief Zwanzigers mit den besten Wünschen für baldige Genesung im Briefkasten.
Jetzt will Lira Bajramaj so schnell wie möglich wieder fit werden, im Februar stehen die nächsten Termine mit der Nationalmannschaft an. Ihr großes Ziel ist die WM 2011 im eigenen Land. „Bis dahin würde ich gerne eine große Rolle in der Nationalmannschaft spielen, eine der Führungsspielerinnen sein“, sagt die Soldatin der Sportförderkompanie. Sie wird dann 23 Jahre alt sein. Jung sein. Sie weiß, das wird kein Selbstläufer. Doch wie immer die nächsten Jahre aussehen werden: Lira Bajramaj hat ihren Weg gefunden. In vielen Dingen. Das fängt schon beim Namen an. Eigentlich ist ihr Vorname Fatmire. Den aber mochte sie noch nie. Inzwischen nennen sie alle nur noch Lira.