Home
http://www.faz.net/-gtm-13qo6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frauenfußball-EM Starstürmerin Prinz fühlt sich angegriffen

 ·  Birgit Prinz ist die deutsche Vorzeigefußballspielerin. Bei der Europameisterschaft in Finnland fehlt ihr vor dem Viertelfinale am Freitag um 15 Uhr jedoch noch das Glück im Abschluss. Die Kritik nagt an der ehrgeizigen Sportlerin.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (1)

Viel ist noch nicht zu sehen gewesen von Birgit Prinz, seit die deutschen Fußballfrauen von Tampere nach Lahti umgezogen sind. Beim ersten Training am Dienstag fehlte sie, ebenso tags darauf, als ein Teil der Mannschaft sich mit einem Blick von der Großschanze der Wintersportstadt auf die entscheidende Phase der Europameisterschaft in Finnland einstimmte. Natürlich gab es gute Gründe. Zum einen ist die Mannschaftsführerin angeschlagen, am Tag nach dem letzten Vorrundenspiel gegen Island war sie im Training umgeknickt. Zum anderen hat sie für touristische Aktivitäten, so verlockend sie sein mögen, kaum Zeit und Muße, weil sie noch ein persönliches Projekt mit auf die Reise genommen hat: die Unterlagen für ihre Diplomarbeit im Fach Psychologie.

Das alles wäre noch keine Erwähnung wert, hätte Birgit Prinz in Finnland nicht auch auf anderem Terrain Zurückhaltung gezeigt: auf dem Spielfeld. Dort ist die deutsche Rekordnationalspielerin und -torschützin noch ohne Treffer. Das hat ihrer Mannschaft bisher allerdings nicht geschadet, teilten sich doch gleich sieben andere Spielerinnen die insgesamt zehn Tore gegen Norwegen (4:0), Frankreich (5:1) und Island (1:0).

Verzichtet Prinz auf 2011

Doch vor dem Beginn der K.-o.-Spiele mit dem Viertelfinale an diesem Freitag (15 Uhr) gegen Italien musste sich die 31 Jahre alte Angreiferin vom 1. FFC Frankfurt die Fragen nach ihrer Form öfter anhören, als ihr lieb war. Noch im Vorrundenquartier in Tampere reagierte sie auf eine Art und Weise, die selbst langjährige Beobachter überraschte: mit ausgesprochen offenherzigen Worten aus dem Innenleben einer verhinderten und von der Kritik verletzten Torjägerin. „Ich fühle mich so angegriffen“, sagte sie, „dass ich überhaupt nicht mehr sagen kann: Mein Ziel ist die WM 2011.“

195 Länderspiele und 123 Tore, zwei WM- und vier EM-Titel, dreimal nacheinander „Weltfußballerin des Jahres“: Birgit Prinz hat das Bild vom Frauenfußball in Deutschland geprägt wie keine andere, die Heim-WM in zwei Jahren könnte der krönende Abschluss einer einzigartigen Karriere werden. Da muss schon etwas ziemlich schwer auf der Seele liegen, wenn so jemand plötzlich alles in Frage stellt. Natürlich waren ihre Worte in erster Linie als Vorwurf an die Medien und deren Lust am Zählen von torlosen Minuten gemeint.

„Ich habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen“, sagte sie, nicht einmal auf dem Platz könne sie sich von diesem Druck frei machen. Nach zwei oder drei misslungenen Aktionen fange sie „noch mehr an, darüber nachzudenken – was mich dann noch mehr hemmt“. Die klassische Abwärtsspirale eben.

Als Teamplayerin zum Erfolg beitragen

Aber sollte jemand mit ihrer Erfahrung, zumal als angehende Psychologin, nicht darüberstehen? „Kognitiv“, sagte sie, könne sie das ja. „Aber es fühlt sich deswegen nicht anders an. Und das macht halt den Unterschied.“ Birgit Prinz gehört gewiss nicht zu den Spielerinnen, die zu wenig über sich und das eigene Spiel nachdenken. Schon eher scheint es manchmal des Guten etwas zu viel zu sein – das Los mancher, deren Hang zur Grübelei an schlechten Tagen die Leistung hemmt.

Manchmal vermöge nicht einmal die Videoanalyse – gewissermaßen der empirische Nachweis ihrer Leistung – sie restlos von einer positiveren Sicht zu überzeugen. „Die kritische und skeptische Seite“, sagte sie, „ist ein Teil dessen, wie ich funktioniere.“

Vielleicht liegt es auch daran, dass in Finnland noch nicht alles nach Wunsch läuft. Dass sie ihre Entscheidungen auf dem Platz noch „ein bisschen zu spät“ treffe. Fehlende Spielpraxis wegen eines Rippenbruchs, den sie im April gegen Brasilien in Frankfurt erlitten hatte, ist auch ein Teil der Erklärung. Bei alledem aber legt Birgit Prinz Wert darauf, dass längst nicht alles so schlecht sei, wie es manchmal dargestellt werde.

„Wenn ich völlig grottig wäre, dann wäre es kritisch“, sagte sie. Als Teamplayerin aber habe sie sehr wohl zum Erfolg beigetragen. Gegen Norwegen holte sie den Elfmeter heraus, der zum 1:0 führte, gegen Frankreich steuerte sie zwei Vorlagen bei.

Die Bundestrainerin stärkt Prinz den Rücken

In der Mannschaft ist Birgit Prinz unumstritten, und auch die Bundestrainerin lässt keinen Zweifel zu. „Birgit ist immer noch eine ganz wichtige Spielerin für uns“, hebt Silvia Neid hervor. Als Anführerin, als jemand, der die jungen Spielerinnen motiviert, der „einen guten Coach-Blick“ hat. Und als jemand, dessen bloße Anwesenheit so viel Aufmerksamkeit der Gegnerinnen bindet, dass andere den entstehenden Raum nutzen können.

In gewisser Weise hat die Bundestrainerin all das sogar befördert, indem sie Birgit Prinz aus der Angriffsspitze zurückzog auf die Position hinter Inka Grings, die aktuelle Bundesliga-Torschützenkönigin. „Solange sie Tore vorbereitet, ist mir das recht“, sagte Silvia Neid. Und wünschte sich doch, „dass ihr auch mal jemand eins auflegt“. Sie weiß, wie gut es für ihre Spielführerin wäre.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Jahre des Versagens

Von Paul Ingendaay

Die Zeit von José Mourinho bei Real Madrid ist abgelaufen. Der unbequeme Trainer ist aber nicht der einzige Grund für die Misere des Klubs. Präsident Pérez regiert mit beispielloser Ahnungslosigkeit. Mehr 1 5